Full text: 1952 (0080)

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die Kameraden an. Bisher hatte er noch immer 
einen Ausweg gewußt. Hoffentlich versagte er 
in dieser schweren Prüfung nicht. 
Plötzlich hob Hannes den Kopf. Der Reihe 
nach blickte er seine Kumpane an und sagte 
langsam und betont: 
„Der Fürst ist in seinem Schloß in Neun 
kirchen. Wir gehen zu ihm und beschweren uns." 
Ach du lieber Gott! Bekümmert schüttelten 
die jungen Leute den Kopf. Nun hatte die Strafe 
dem Hannes den Kopf verwirrt, und sie mußten 
auch noch diese Sorge zu ihrem Unglück tragen. 
Aber dem Hannes war es ernst mit seinem 
Vorschlag, und alles Sträuben nützte den Freun 
den nichts. An einem schönen Morgen mar 
schierten sie nach Neunkirchen. Man sah es den 
schmucken Burschen im flotten Sonntagsanzug 
nicht an, wie bang ihre Herzen pochten. 
Hannes verhandelt mit der Wache 
vor dem Schloß 
Je mehr sie sich Neunkirchen näherten, desto 
zögernder wurde ihr Schritt — und auch der 
Hannes drängte nicht mehr zu schnellerem 
Gehen. Aber mochte er auch blaß um die Nase 
sein, an Aufgeben dachte er nicht. Alle schüch 
ternen Vorschläge zur Umkehr wies er mit 
grimmigem Hohn zurück. So blieb den Freun 
den nur der heimliche Trost, daß sie vielleicht 
schon der erste Torhüter hinauswerfen würde. 
Die Hoffnung erfüllte sich nicht. Zwar gab es 
manche Schwierigkeit, aber der Hannes schaffte 
es. Und dann standen sie in einem prachtvoll 
eingerichteten Arbeitszimmer vor ihrem Fürsten. 
Der musterte mit klaren Augen die schlottern 
den Gestalten und unterdrückte mit Mühe ein 
Lächeln, angesichts der unaufhörlichen Kratz 
füße seiner Besucher. 
Sie scharrten wie die Hühner im Sand vor 
dem hohen Herrn, und auch der Hannes machte 
keine Ausnahme. Schließlich mochte der Fürst 
für seinen Teppich fürchten, und er fragte nach 
dem Begehr der jungen Burschen. Sie stellten 
ihre Kratzfüße ein und schauten den Hannes 
an. Dem hatte es jedoch den Mut verschlagen, 
und er bereute bitter diesen Gang zum 
Fürsten. Doch nun konnte er nicht mehr zurück. 
So begann er stotternd einen unzusammen 
hängenden Bericht, aus dem kein Mensch klug 
wurde. Seine Befangenheit übertrug sich auf die 
Kameraden, die vor Verlegenheit eine neue 
Kratzfußserie auf den Teppich legten. 
Zum Glück war der Fürst ein menschlicher 
Herr, sonst hätte die Audienz einen kurzen und 
unrühmlichen Abschluß gefunden. Er bot den 
jungen Leuten bequeme Sessel an und half 
ihnen mit Fragen über ihre Arbeit und Häus 
lichkeit, sich zu beruhigen. Als die erste Be 
fangenheit überwunden war, erzählte der 
Hannes frank und frei von ihrem harmlosen 
Tanz und der schweren Strafe. 
Der Fürst lächelte. Er ging zu seinem Schreib 
tisch und schrieb einige Zeilen, die er verschloß 
und versiegelte. Den Brief drückte er Hannes 
in die Hand mit der Weisung, ihn sofort dem 
Amt in Ottweiler zu übergeben — und zwar 
dem Herrn Leiter persönlich! Mit einem freund 
lichen Gruß entließ er die Bittsteller. 
Wie sie herausgekommen waren, wußten sie 
später nicht mehr. Sie waren schon ein gutes 
Stück Wegs wie im Traum gegangen, als ihnen 
zum Bewußtsein kam, daß sie mit ihrem Fürsten 
gesprochen hatten und eine Botschaft von ihm 
trugen. Von dem Inhalt ahnten sie nichts, aber 
getreu dem Auftrag pilgerten sie nach Ottweiler 
und verlangten den Leiter der Behörde zu 
sprechen. 
Angesichts der Schwierigkeiten, die ihnen 
hier entgegentraten, mußten sie feststellen, daß 
es ein Kinderspiel war, zum Fürsten zu ge 
langen. Dem Hannes riß die Geduld. 
„Unser gnädigster Herr Fürst hat uns be 
fohlen, den Brief nur dem Herrn Amtmann zu 
geben", trumpfte er auf, „wenn wir nicht sofort zu 
ihm geführt werden, bringen wir den Brief zu 
rück mit dem Vermerk, daß dem Herrn Amtmann 
nichts an den Briefen des Herrn Fürsten liegt!" 
Das half. Einige Minuten später standen sie 
dem Herrn gegenüber. Der hatte kaum erfahren, 
wer sie waren, als er ihnen auch schon eine 
Standpauke über den verwerflichen Tanz hielt. 
Dann erst öffnete er den Brief — und wurde 
plötzlich sehr still. Kurz und bündig stand da, 
daß die Strafe zu erlassen sei. Der Fürst hatte 
noch die Frage gestellt, ob Kindtaufen einträg 
licher seien als Hochzeiten und hinzugefügt: 
Mit solchen Tanzverboten würden die jungen 
Leute auf dunkle Wege getrieben. 
Davon sagte der Herr Amtmann natürlich 
nichts. Er teilte ihnen nur den Erlaß der Strafe 
mit — und warf sie hinaus. 
Die jungen Burschen nahmen ihm das weiter 
nicht übel. Es kam ihnen in der Freude gar nicht 
zum Bewußtsein. 
In den Akten aber wird der Brief heute noch 
aufbewahrt als Zeichen fürstlichen Verständ 
nisses für jugendliche Fröhlichkeit.
	        

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