Full text: 1949 (0077)

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Ein alter saarländischer Bergmannsbrauch, erzählt von Hans BREINIG, Püttlingen 
D achhobel und Schienenpeez sind altbe 
kannte Wörter im heimischen Bergbau. 
In Wirklichkeit aber existieren beide 
Gezähstücke nur in der Phantasie der 
Knappen. Und wohl dem, der in den Tagen 
seiner ersten Schichten so schlau war, dass er 
wusste, dass es sowas nur zum Hereinlegen der 
Neuanfahrenden gibt. Er ersparte sich viel 
Schweiss, Gelächter und Spott. Ihrer aber werden 
nicht viele sein. 
Wenn der Jungbergmann früher zum ersten 
mal in die Tiefe fuhr, gab ihm der Vater vorher 
Ermahnungen und Belehrungen. Vom Dachhobel 
aber und der Schienenpeez sagte er nichts und 
dachte : « Er wird doch so schlau sein und bald 
merken, dass es sowas nicht gibt. » Und als die 
Mutter den zur ersten Schicht Gehenden segnete, 
sagte er zu ihr : « Was er nicht weiss, wird er 
schon noch erfahren. » 
Die erste Schicht verfuhr der werdende Knap 
pe bei den Nachreissern, Verbauern, Nassma 
chern oder am Schlämmen. Hier lernte er sich 
ja erst an die Grube gewöhnen. Er machte den 
Hauern Handreichungen, half sägen oder schau 
felte Berge weg. Alles merkte er sich dabei gut. 
Manchmal aber hiess es : «Was steht der 
Schlepper so unnütz da herum ? Geh als mal 
obendran, Schlepper, und hole das Stempelau- 
genmass, damit musst du ja auch umgehen ler 
nen, Kleiner...» Der Nichtsahnende ging in die 
Nachbararbeit, sagte « Glück Auf ! » und erbat 
das Gewünschte. Er erhielt aber zur Antwort : 
« Das Stempelaugenmass brauchen wir vorerst 
selber noch. » Als er dann ging und es seinen 
Hauern meldete, lächelten diese verschmitzt, und 
das gab ihm schon etwas zu denken. 
Am anderen Tage wurde « gestresst», und 
das Gestänge sollte vorverlegt werden. Da sprach 
der Lehrhauer : « Geh mal hinunter, Schlepper, 
zu denen in die Grundstrecke und hole die 
Schienenpeez ! » Wohl dachte der Schlepper 
sofort an das « Augenmass », doch er überlegte, 
dass es zum Biegen der Schienen sowas wie eine 
« Peez » geben könnte. Lind die in der Grund 
strecke luden dem Ärmsten dann eine zwei Me 
ter lange, gebogene Schiene auf den Buckel. 
Keuchend langte er damit bei den heimlich sich 
zulächelnden Hauern an. Der Partiemann legte 
die Peez beiseite, und die ganze Schicht über 
zermarterte sich der Neue das Hirn, wie man 
sie in Gebrauch nähme. Und sogar daheim des 
Nachts im Bett träumte er von der schweren, 
schweren « Schienenpeez », die immer noch un 
benutzt in der Strecke lag. 
Zur dritten Schicht, beim Firstschiessen, sagte 
der Lehrhauer wieder : « Geh obendran, Schlep 
per, und hole die Dachhobel, dass wir alles glatt 
hobeln können über uns...» Da entgegnete der 
neue Schlepper : « Dort liegt ja noch die Schie 
nenpeez !» Und er bekam von allen Hauern 
zugleich die Antwort : « Du hast zu machen, 
was du geheissen wirst ! » Im Nachbarstreb hiess 
es : « Die Dachhobel ist bei denen neben uns ». 
Dort vorsprechend, lud man ihm einen kleinen, 
aber schweren Holzbock auf den Buckel. In 
Schweiss gebadet, abgeschunden, langte er mit 
der vermeintlichen Dachhobei bei seinen Hauern 
an. Da lachte der Partiemann laut : « Du Dir- 
mel, sowas existiert doch nur in der Phantasie. 
Hoffentlich ist es dir eine gute Lehre für alle 
zeit... » 
Nach Tagen kam der Neue ans Wagen 
rücken an den Bremsschacht. Da überhäuften 
die « alten Knochen » von dort ihn mit allerlei 
Aufträgen. Er aber sagte : « Mit Dachhobel 
und Schienenpeez lasse ich mich nicht veräp 
peln. Sucht euch einen Dümmeren...» Da mein 
ten sie unter sich, dass dieser Neue « auf dem 
Teppich und fast so klug wie ein Hauer» sei, 
und Hessen ihn in Ruhe. 
Immer war das Fortschicken der Neuen nach 
Dachhobel und Schienenpeez unter Strafe ge 
stellt, aber ausgerottet wurde dieser Brauch trotz 
dem nicht. Es gehörte früher zu jeder Neuan 
fahrt, den Neuling gewissermassen auf Herz 
und Nieren zu prüfen. Keiner aber vergass je 
im Leben diese Proben auf seinen Verstand. Sie 
waren ein wertvolles Erziehungsmittel, das sich 
der tüchtige Saarbergmann in der Praxis selber 
schuf und das mithalf an der Formung des 
Saarbergknappen.
	        

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