Full text: 1949 (0077)

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Ein hochpolitischer Zwischenfall 
in Merten-Biblingen 
Westlich des Warndtdorfes Ueberherm, auf 
französischem Bodea, liegt an der Bist die alte 
Dorfgemeinschaft Merten-Biblingen, die durch 
den II. Pariser Frieden von 1815 sonderbarer 
weise, vielleicht auch irrtümlich, zu Preussen 
kam, obwohl nach dem Vertragsentwurf die 
« Grenzlinie der alten Grenze von Saarbrücken 
folgen » sollte. Jedenfalls war man jenseits der 
Saarlandgrenze der festen Ueberzeugung, dass 
die Dorfgemeinschaft nach wie vor französisch 
sei, was sich auch in der Praxis zeigte. Als näm 
lich im Januar 1816, also eben zwei Monate 
nach Friedensschluss, der Einnehmer Hautz von 
Saarlouis in Merten die noch nicht erhobenen 
Steuern von 1813, 1814 und 1815 einforderte, 
verweigerte der Maire die Einzahlung, was er 
denn auch dem zuständigen Souspräfekten von 
Thionville mitteilte. 
Auch in Paris schien man der Meinung zu 
sein, dass Merten französisch sei, bis dann in 
einem Protokoll über die Grenzberichtigung vom 
20. Februar 1821 entschieden wurde, dass Mer 
ten und Biblingen preussische Dörfer seien. Die 
Bewohner der Dorfgemeinschaft aber waren mit 
dieser Regelung durchaus nicht einverstanden. 
Als man nämlich 1826 wieder Steuern erheben 
wollte, weigerten sie sich, die preussische Behör 
de anzuerkennen und lehnten eine Steuerzahlung 
unter dem Vorwände ab, dass sie sich als Fran 
zosen betrachteten. Am 27. November des 
Jahres begab sich nun Landrat Jesse von Saar 
louis mit den Steuerbeamten und sechs Gen 
darmen nach Merten, man pfändete die Möbel 
der Bauern, die ihre wertvolle Habe jedoch in 
zwischen weiter nach dem Westen geschafft 
hatten. Als man dann am 30. November die 
gepfändeten Möbel wegschaffen wollte, erhoben 
'sich die Einwohner in offenem Aufstand, ver 
trieben den Landrat, den Einnehmer und die 
Begleitmannschaft durch Steinwürfe, so dass man 
gezwungen war, 180 Mann Infanterie und 20 
Husaren nach Merten zu schicken, um es mili 
tärisch zu besetzen. Auch die Franzosen schick 
ten ein Truppenkommando an die nahe Grenze. 
Angesichts dieses bedenklichen Zwischenfalls 
fanden zwischen Frankreich und Preussen er 
neute Verhandlungen statt, die mit einer weiteren 
Vereinbarung über den Grenzverlauf endeten ; 
Merten wie drei andere Grenzdörfer kamen im 
Juni 1827 offiziell an Frankreich. B. 
Die Malmannsbuche bei Ottweiler - ein Naturdenkmal (Aufn. W. Kremp)
	        

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