Full text: 1948 (0076)

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gewöhnlich von einem Gerichtszeichen, einem 
Baume, einer Umhegung oder von einer 
anderen örtlichen Merkwürdigkeit herleitete. 
In der Saargegend läßt sich heute noch 
dem einen oder dem anderen Bergplatze ab- 
sehen, daß er einmal als Vorzeitburg, Flieh 
burg, Schutzburg, Thing- oder Weihestätte 
gedient hat. So dem Herapel bei Forbach, 
dem Beruser Berg, dem Kastell bei Serrig, 
dem Montclair bei Mettlach, dem Limberg, 
dem Litermont, dem Schaumberg, dem Hun 
nenring bei Otzenhausen, dem Bartenberg 
bei Scheidt und vielen anderen. 
So geht aus dem Namen Bartenberg — 
hier hat nie ein keltischer Barde seine Lieder 
gesungen — ganz klar hervor, daß der vor 
mals bewehrte Bergplatz eine Thing- oder 
Gerichtsstätte umfaßte. Auf dem Thingstein 
war die Barte als das Zeichen des Gerichts 
eingraviert. Was eine Barte oder Parte ist, 
wissen noch ältere Bergleute. Sie war die 
axtförmige Paradewaffe der Bergleute, von 
den Mitgliedern der früheren Knappenver 
eine als Stockdekor getragen. Die Kirchen 
schweizer tragen dasselbe Beil in Form der 
Hele-barte. Der Bartenberg stand also unter 
dem Zeichen des Gerichtsbeils. Beil, im Alt- 
hochd. bil, hieß sprachgebräuchlich „Recht“. 
Daher die symbolische Beildarstellung. Das 
Wort hat sich erhalten in „Weichbild“ (wich- 
Ibilde), das sich zusamensetzt aus wich 
(= vicus), Ort und bil = Recht. Also Orts 
recht und Bereich, in dem das Ortsrecht maß 
geblich ist. Als Wappenzeichen wird die 
Barte heute u. a. noch geführt von dem Ge- 
schlechte der von Bartenstein sowie von der 
Stadt Partenkirchen. Sicher führt die Stadt 
Partenkirchen Ursprung und Namen auf eine 
Thingstätte wie der Bartenberg zurück. Mit 
einer Kirche hat das Gerichtsbeil aber nichts 
zu schaffen, sondern mit einer wohl als 
Chiricha, Chirka oder Kirka (circus circulus) 
anzusprechenden Gerichtsversammlung, bei 
der die Teilnehmer im Kreise saßen. Der 
Name Partenkirchen würde sonach sowohl 
das Gerichtszeichen als die Versammlung 
selbst zum Ausdruck bringen. Manch älterer, 
auf -kirchen ausklingender Ortsname mag 
gleicherweise noch auf eine alte Thingstätte 
hindeuten. Jedenfalls bleiben Namen, wie 
Cinchirka, Appenchirika (Habkirchen) und 
Wibilischiricha (Wiebelskirchen) diesbezüg 
lich noch einwandfrei zu deuten. Auch der 
Dorfname Kirkel geht nicht etwa auf eine 
Kirche, sondern auf eine solche Chirka oder 
Kirka als einen Versammlungsring (Volks 
versammlung) zurück. Im Griechischen heißt 
Volksversammlung ECCLESIA ein Wort, dos 
im Lateinischen als ecclesia neben der All 
gemeinbedeutung als Versammlung auch als 
eine ausschließliche Versammlung der Christ- 
gläubigen, der Gesamtheit derselben sowie 
ihrer Versammlungsorte übernommen wor 
den ist. Im Französischen ist es zur eglise 
geworden. Im Deutschen allein knüpfte die 
Übersetzung sinngemäß an die Versammlung 
auf dem Thingplatz, die Kirka, an, die ja 
auch kultischer Art gewesen sein konnte. 
Daß an einem solchen Versammlungsort 
eine Burg entstehen konnte, ist nach deren 
ursprünglichster Zweckbestimmung ohne 
weiteres verständlich. In Kirkel hat sogar 
die Burgumfriedung die Form des Kreises 
beibehalten, entsprechend der Kirke, aus der 
die Burg jedenfalls hervorgegangen ist 
(Prietze). 
Nach dieser kleinen Abschweifung, die 
über einige Gerichts- und Versammlungs 
stätten führte, mag uns etwas klarer gewor 
den sein, weshalb die Gaugrafen ihre Burg 
nicht einfach auf einen schönen, runden 
Berghügel, wie den Kaninchenberg oder gar 
den Haiberg bauten, sondern dorthin, wo 
Stammesgenossen schon vor undenklichen 
Zeiten Befestigungswerke angelegt hatten 
und wo vielleicht des längeren schon ein 
Salhof bestanden hat. Prietze hält dafür, daß 
die salischen Franken diejenigen sind, die 
ihre Thingstätten als Sal bezeichneten. Viel 
leicht war im neunten Jahrhundert auf dem 
Felsvorsprung des Schutzberges — auch diese 
Bezeichnung hat etwas zu sagen — mit einem 
Herrensitz zugleich der unvermeidliche Saal 
in Holzwerk aufgeführt worden, dessen Be 
tretung nur den „Sälischen“, also den Aus 
erwählten des Volkes, Vorbehalten war. Denn 
von diesen „Sälischen“ leitet die erste ger 
manische Vorstellung für den durch sälig 
oder selig ausgedrückten Sinn des latei 
nischen Wortes beatus her. Die salischen 
Franken nahmen das Gebiet von Nassau her 
durch die Rheinpfalz bis zum Warndt un<J 
Köllertalerwald ein. Jenseits dieser großen 
Wälder saßen die ripuarischen Brüder, die 
heute noch sanfter geartet sind als die sali 
schen und die etwas melodiös sprechen, die 
„wat“ sagen und „Korf“ und die auch gerne 
„bleifen“, wat sie sind. 
Die erste urkundliche Nachricht von der 
Burg ist also aus dem Jahre 999, die erste 
von dem Königshof aus dem Jahre 1046. 
Beide sind unter dem Namen Sarabrucca 
bzw. Sarbrucca aufgeführt. Daraus wurde 
geschlossen: das Königsgut nannte sich selbst 
verständlich nach der Saarbrücke, im dama 
ligen bequemen Latain „villa Sarabrucca“; 
der Graf, der seinerseits die Schutzherrschaft 
über die Domäne ausübte, übertrug deshalb 
den Namen auf die eine halbe Stunde ent 
fernte Burg, die demgemäß castellum Sara 
brucca geheißen ward. Dann wieder nannte 
sich der Graf nebst seinem kommenden Ge- 
schlechte nach der Burg, die schließlich ihren 
Namen auch wieder hergab für die in ihrem 
Weichbilde auflebende Stadt. So war also 
die Stadt über Graf und Burg an den Namen 
Sarabrucca oder Saarbrück gekommen, 
während die Brücke weit draußen bei Brede- 
bach (Brebach) über die Saar ging. 
Der erste, der gegen diese Herleitung des 
Namens Saarbrücken Einspruch erhob, war 
der Schreinermeister C. Schumann („Brücken 
über die Saar bei Saarbrücken“ in Saar 
brücker Landeszeitung Nr. 212 vom 7. 8. 1938). 
Er schreibt, „daß die alte Stadt Saarbrücken 
vor tausend und mehr Jahren ihren Namen
	        

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