Full text: 1948 (0076)

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Delacroix war nicht nur ein großer Maler, 
er war auch ein großer Mensch. Er besaß 
eine umfassende Bildung, an deren Vertiefung 
er unablässig arbeitete und die er in einem 
bewunderungswürdigen Tagebuch offenbarte, 
das zu den inhaltsreichsten Werken der 
Kunstkritik gehört. Eins seiner Werke „Dan 
tes Barke“, das er im Jahre 1822 ausstellte, 
bezeichnet den offiziellen Beginn der roman 
tischen Malerei. Dieses Bild erregte Aufsehen. 
Von Thiers und Gros ermutigt, wurde Dela 
croix von den Anhängern Davids beleidigt; 
mit einem Schlage wurde er berühmt, ohne 
jedoch dadurch vor dem Kampf um sein täg 
liches Brot bis zu seinem Tode (1863) bewahrt 
zu bleiben. Er reiste nicht viel; eine seiner 
Reisen jedoch übte einen entscheidenden Ein 
fluß auf seine Kunst aus, die Reise nach Ma 
rokko. Delacroix, stark beeindruckt, wurde 
nicht nur der leidenschaftlichste der Orienta 
listen, sondern zugleich der lebendigste Er- 
wecker der antiken sowie der gesamten bibli 
schen Welt, die er im Lichte der marokkani 
schen Sonne zur Darstellung brachte. Als 
lyrisoher Dichter, dem eine überaus starke 
Empfindsamkeit eigen war, und zugleich als 
epischer Dichter, den es zu den Helden der 
Geschichte und der Literatur hinzog, hat De 
lacroix ein gewaltiges Werk hinterlassen, 
in dem alle Gattungen vertreten sind: Aqua 
relle, Porträtzeichnungen, Stilleben, Bilder 
aus dem Orient, Darstellungen aus der Ge 
schichte, religiöse Bilder und schmuckhafte 
Darstellungen. Mit ungewöhnlichem Erfolg 
gestaltete er epische Vorgänge der Vergan 
genheit und auch solche seiner Zeit. Sein 
Gemälde „Die Barrikade“ (Bild 4) war durch 
die Revolution von 1830 angeregt worden, die 
er in Paris miterlebt hatte. 
Zu seiner Zeit hatte Delacroix nur einen 
einzigen Rivalen, der seiner würdig war, 
INGRES, eine ebenso stark ausgeprägte 
Persönlichkeit wie er selbst. Beider Männer 
Grundsätze waren völlig entgegengesetzt. 
Ingres war ein ausgesprochener Gegner der 
Romantik, und für die wenig unterrichteten 
Beobachter war er der Erbe seines Meisters 
David. Ihnen beiden war die gleiche Sorgfalt 
der Zeichnung und die gleiche Gering 
schätzung der Farbe zu eigen. Aber sobald 
auch nur das Äußere ein wenig beiseite ge 
lassen wird, gewahrt man, daß David und 
Ingres sich keineswegs gleichen. Die Bilder 
von Ingres mit seiner starken Vorliebe für die 
weichen, anschmiegsamen Linien entbehren 
durchaus der klassischen Strenge, auf die 
David so großen Wert legte. Die Gestalten 
von Ingres sind in ihren zarten, weichen 
Linien von einer Poesie umhaucht, die das 
gerade Gegenteil der Starrheit eines David ist. 
Zudem entstammen die von Ingres dargestell 
ten Stoffe zumeist der Romantik, so z. B. die 
Reihe der „Odalisken“, durch den Orient der 
Harems angeregt, dem man während der 
ganzen Laufbahn von Ingres immer wieder 
begegnet. Man darf daher wohl behaupten, 
daß Ingres auf Grund seines Delacroix ent 
gegengesetzten Temperamentes, mehr als aus 
innerlicher Überzeugung, den Kampf gegen 
diesen Maler führte. Wie dem auch sei und 
was man auch von dieser Kunst mit ihren 
voneinander abweichenden Tendenzen denken 
mag, so muß man sich ohne Vorbehalt vor 
dem Portrtätmaler Ingres neigen; er dringt 
hinein bis ins Innerste der Seele seiner Mo 
delle. Bei einer äußerlich an Albrecht Dürer 
gemahnenden Genauigkeit gelingt es ihm. 
ihnen neues Leben einzuhauchen. Das hervor 
ragendste Werk des Meisters auf diesem Ge 
biet ist wahrscheinlich das Porträt der Madame 
de Senones. (Bild 5). 
Von den gegen Ende des 18. Jahrhunderts 
geborenen französischen Malern müssen wir 
noch COROT nennen. Dieser nimmt einen 
Platz für sich ein. Sein langes Leben verlief 
ohne besondere Ereignisse (1796—1875). Einer 
bürgerlichen Familie entstammend, die sich 
damit, abfinden mußte, ihn nicht kaufmänni 
schen Angestellten werden zu sehen, wid 
mete er sich der Malerei. Die einzigen her 
vorstechenden Ereignisse seines Lebens waren 
drei Reisen nach Italien, die ihm eine gründ 
liche klassische Bildung vermittelten. Corot 
war vor allem Landschaftsmaler; er ver 
brachte sein Leben damit, Landschaften zu 
malen, teils als Wiedergaben nach der Natur, 
teils als Nachschöpfungen auf Grund seiner 
Erinnerungen an Italien und französische 
Provinzen. Der Zauber Corots läßt sich in 
Worten nicht ausdrücken. Er sprudelt unge 
wollt aus seinen Werken hervor. Das Bezau 
bernde, das von ihm ausgeht, ist derart, daß 
der Anblick einer Landschaft in der Umge 
bung von Paris bei einem etwas verschleier 
ten Himmel unwiderstehlich den Gedanken 
an ein Gemälde von Corot wachruft. Unter 
dem Einfluß der Musik von Gluck und Mo 
zart, die er tief bewunderte, w;urde die Ein 
gebung Corots mit zunehmendem Alter 
mehr und mehr bukolisch und träumerisch.
	        

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