Full text: 1948 (0076)

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Er verläßt Bonn im Herbst 1820, wandert 1821 
nach Göttingen. Er ist zum Verächter „des 
eisernen Paragraphen selbstsüchtiger Rechts 
systeme“ geworden, vertieft sich in altdeutsche 
Literatur und indische Poesie. 
Immer folgt ihm das Gespenst seiner Liebe. 
Immer widmet er Amalien Gedichte, die kei 
nen Eindruck auf sie machen. Endlich gehen 
seine elegischen Klagen in sengenden Haß 
über. Er verliert sich, sucht in Weinkaschem 
men Trost und doch kann er die Geliebte 
nicht vergessen. An einen Tag der Vergan 
genheit erinnert er sich besonders: 
Sie sitzt am Arbeitstisch im roten Mieder, 
und Stille herrscht in ihrer sel’gen Runde. 
Doch plötzlich springt sie auf vom Stuhl 
und schneidet 
von ihrem Haupt die schönste aller Locken, 
und gibt sie mir — vor Freud bin ich 
erschrocken. 
Mephisto hat die Freude mir verleidet, 
er spann ein festes Seil von jenen Haaren 
und schleift mich dran herum seit vielen 
Jahren. 
Vermählt mit einem Rittergutsbesitzer sieht 
er sie in den Ferien wieder. Und doch bleibt 
diese Frau noch lange das zarte Kolorit sei 
ner poetischen Träume. Er sieht sich mit ihr 
an der Geisterinsel vorüberfahren, über der 
der Mondglanz dämmert und 
dort klang es lieb und lieber, 
und wogt’ es 'hin und her; 
wir aber schwammen vorüber, 
trostlos auf weitem Meer. 
Er wird sich klar über seinen Zustand und 
folgert resigniert: 
Es ist die alte Geschichte, 
doch bleibt sie ewig neu; 
und wem sie just passieret, 
dem bricht das Herz entzwei. 
Nun geht er nach Berlin. Auch hier sitzt er 
vor bekannten Lehrern. Der Philosoph Hegel 
liest über Logik, Metaphysik und Philosophie. 
Heine ist begeistert über seine Lehre und 
nennnt sich von nun ab Hegelianer. Das ist 
etwas für unseren kecken Logiker, für den 
herausfordernden Satiriker Heine. An dieser 
Philosophie nährt sich sein Denken. Er be 
zeichnet sich stolz als „das jetzt lebende Ge 
setz der Moral und den Quell alles Rechts 
und jeder Befugnis.“ Er verkehrt im Salon 
der Frau Varnhagen. Hier erschließt sich ihm 
Goethes Werk; er lernt den Meister schätzen 
und lieben; und dieser Liebe ist er im wesent 
lichen treu geblieben. Seine eigenen Dichtun 
gen sieht er freundlich aufgenommen, ja er 
erntet reiches Lob. In diesem Kreise lernt er 
Chamisso, Fouque und Willibald Alexis ken 
nen. Auch in den genialen aber wüsten Krei 
sen um den Dichter E. T. A. Hoffmann, der in 
der Weinstube Lutter und Wegener tagt, ist 
er gern gesehen. Grabbe und Devrient kargen 
nicht mit gutem Zuspruch. 
Seine Dichtung schreitet vorwärts. Er ver 
vollständigt die „Jungen Leiden“, schreibt das 
„Lyrische Intermezzo“. Seine „Briefe aus Ber 
lin“ machen von sich redeq und seine Schil 
derung Polens, das er ein paar Wochen lang 
auf Einladung eines polnischen Edelmannes 
besucht hat, wird viel beachtet. 
Noch weint er über die zu Bruch gegangene 
Liebe: 
Was will die einsame Träne 
Sie trübt mir ja den Blick, 
sie blieb aus alten Zeiten 
in meinem Aug’ zurück. 
Noch weiß er nicht, daß am Himmel seines 
Lebens ein neuer Liebesstern heraufsteigt. 
Es ist Therese, die Schwester Amaliens. Im 
Sommer 1823 sucht Heine indessen Heilung 
von einem nervösen Kopfleiden in dem See 
bad Cuxhaven. Das Meer, das er hier zum 
ersten Mal erlebt, regt ihn zu einer ganz 
neuen Art von Gedichten an, zu den welt 
berühmten Hymnen „Die Nordsee“. Die müßt 
ihr lesen! Sie werden euch begeistern. Der 
brodelnde Inhalt sprengt jeden hergebrachten 
Rahmen und rauscht in melodischen, freien 
Rhythmen dahin, mehr von der Wortbetonung 
als vom Versmaß gebändigt. Das murmelt und 
tost, weht und braust, gischt und brandet 
wie das Meer selbst. Wie ein Feuerwek pras 
seln diese Hymnen hervor und sie schimmern 
in allen Regenbogenfarben. 
Vergessen sind die groben Vorwürfe, die * 
ihm der Onkel kürzlich wegen verfrühter 
Abhebung von Geldern bei der Berliner Bank 
gemacht; vergessen der öde Klatsch, der ihn 
auf Schritt und Tritt verfolgt und seinen an 
geblich schwerenöterischen Lebenswandel zum 
Gegenstand hat. Harry liebt wieder. Und 
wenn Heine liebt, feiert sein Genie Triumphe. 
Nach Paris wo’lte er fahren, das Studium 
aufgeben. Die Pläne sind vorbei. Noch ein 
mal will er den Weg in die bürgerliche 
Geborgenheit suchen. Die sechzehnjährige 
Therese, der er im September sein Leid ge 
klagt, wartet auf ihn. Er hat die feste Über 
zeugung gewonnen, daß dem so ist. Jetzt ab- 
reisen — nein! 
Jetzt bleib ich, wo deine Augen leuchten 
in ihrer süßen klugen Pracht — 
Daß ich noch einmal lieben würde, 
ich hätt’ es nimmermehr gedacht! 
Armer Dichter! Auch diese Hoffnung trügt. 
Im Jahre 1824 sehen wir ihn wieder in 
Göttingen. Zu Ostern weilt er bei guten 
Freunden in Berlin, verlebt ruhmverklärte, 
fröhliche Tage. Im Herbst des Jahres unter 
nimmt er die eingangs erwähnte Harzreise. 
An einem schönen Oktobertage steht er in 
Weimar vor dem greisen Goethe. Der hat ihn 
freundlich aufgenommen. „Und mit welchen 
Plänen tragen Sie sich jetzt?“ fragt der Alt 
meister. Heine, keck und unvorsichtig, wie er 
ist, erwidert: „Ich schreibe einen Faust.“ Dür 
fen wir es Goethe verargen, wenn er darauf 
hin die Unterhaltung mit diplomatischem Ge 
schick abbricht: „Haben Sie sonst noch Ge 
schäfte in Weimar, Herr Heine?“ „Mit meinem 
Fuß über die Schwelle Ew. Exzellenz sind alle 
meine Geschäfte in Weimar erledigt“, sagt 
der junge Poet und empfiehlt sich. Anno 
1825 läßt Heine sich taufen und trägt fortan 
den Namen Heinrich. Einen Monat später
	        
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