Full text: 1948 (0076)

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Die „Jungen Leiden“ verdämmern in der 
Ferne. Ein „lyrisches Intermezzo“ entsteht, 
dessen Gedichte wie Sonne, Mond und Sterne 
sind, wie Blume, Meer und Stille, auf dem 
Grunde gefährliche Teiche . . 
Ein Fichtenbaum steht einsam 
im Norden auf kahler Höh’. 
Ihn schläfert; mit weißer Decke 
umhüllen ihn Eis und Schnee. 
Er träumt von einer Palme, 
die fern im Morgenland 
einsam und schweigend trauert 
auf brennender Felsenwand. 
Das ist die unendliche Weite, die zwischen 
Amalie und Harry kluftet. Nie wird er sie 
überbrücken. 
Mir erloschen ist der süßen 
Liebessterne goldne Pracht, 
Abgrund gähnt zu meinen Füßen — 
Nimm mich auf, uralte Nacht! 
Er liquidiert sein Geschäft. Er rast nach Düs 
seldorf. Wirft sich in die kalte Prosa seines 
Lebens, durch sie jene Stellung zu erringen, 
von der er glaubt, daß sie ihr Herz beeinflus 
sen könnte. Er ochst und büffelt, bereitet sich 
auf das Abitur vor. Und wirft dazwischen 
Diamanten des Geistes, Feuerfunken des 
Schmerzes aus dem Unterbewußtsein in den 
Tag: 
Schöne Wiege meiner Leiden, 
schönes Grabmal meiner Ruh, 
schöne Stadt, wir müssen scheiden, — 
lebe wohl! ruf ich dir zu. 
Ist es nicht, als müsse die Stadt an der 
Alster widertönen von solchem Schmerz? 
Wahn! — Amalie lacht, ja lacht über solche 
Lieder. Sie liebt ihn nicht. Sie läßt ihn seine 
Seele in den Kelch der Lilie tauchen, damit 
sein Gesang zart genug werde; sie lacht, wenn 
er die Blumen kichern und kosen, den Schwan 
singend im Flutengrab herniedertauchen und 
seine Seufzer zu Naohtigallenchören werden 
läßt, um ihr eine Freude mit solchen Bildern 
zu machen. Sie ist eine reiche Erbin, im Be 
wußtsein ihrer Millionen gegen seelische „Ab 
normitäten“ gefeit. Sie wird sich immer dem 
Willen ihres Vaters fügen, wenn er eine 
standesgemäße Heirat verfügt. Dem kleinen 
Vetter, dem romantischen Harry, dem gibt 
man ein paar Kosenamen, irgendwo im Halb 
dunkel des Parks wohl auch einen Kuß. Aber 
ihn heiraten, welch ein Gedanke! 
Wir wollen nicht ungerecht sein. Dem Onkel 
Salomon und seinem Hause verdankt Heine 
viel Ärger, aber auch viel des Guten. Niemand 
auf der Welt hat auf sein inneres und äußeres 
Leben tiefer eingewirkt als dieser Oheim. Er 
war einer der angesehensten Männer von 
Hamburg. Der tüchtige Mann wird als im 
Grunde gut und wohlwollend, aber im Besitz 
seines Geldes wie ein Pascha gebietend und 
barsch seinen Launen nachgebend geschildert. 
Oft lebt er auf seinem feudalen Landhause 
in Ottensen. Dieses Haus hat in der Dichtung 
Heines als landschaftlicher Hintergrund blei 
bende Bedeutung gewonnen. In vielen Ge 
dichten treffen wir auf den Park, auf die 
Springbrunnen und auf die Rosenbuschbeete, 
an denen der Neffe leid- und freudvoll vor 
übergeschritten ist. Sicher ist, daß dieser 
Onkel über sein Grab hinaus für Heines spä 
tere Frau gesorgt hat. Der Poet lebte immer 
auf großem Fuße. Wir können ohne weiteres 
behaupten, daß er ohne seinen Oheim öfter in 
prekäre Lagen gekommen wäre, als es trotz 
der Hilfe desselben der Fall gewesen ist. In 
seinem Testamente sagte Heine, der Onkel sei 
die Großmut selbst gewesen; das mag ge 
nügen. 
Zu Bonn am Rhein wird Harry Student. 
Seinen „Vater Rhein“ sieht er wieder, für den 
er in Leidenschaft erglüht; das königliche Ge 
wässer, das verbindet und trennt, das arbeitet 
und nährt; den Fluß, der seine Kindheit so 
reich und erlebnisvoll gemacht hat. Er ist für 
den Jüngling die ewige Quelle der Poesie. 
Noch durch die Tage des Sterbenden wird er 
das Lied flüstern und rauschen: Ich weiß 
nicht, was soll es bedeuten . . . Jetzt schenkt 
er dem Studenten manche Kulisse für seine 
Gesänge: 
Berg und Burgen schaun hinunter 
in den spiegelhellen Rhein, 
und mein Schifflein segelt munter, 
rings umglänzt von Sonnenschein. 
Doch auch hier vergällt dem Liebeskranken 
sein bitteres Erlebnis manche Stunde: 
Oben Lust, im Busen Tücke, 
Strom, du bist der Liebsten Bild! 
Die kann auch so freundlich nicken, 
lächelt auch so fromm und mild . . . 
Der Jüngling studiert: Jura, Geschichte, 
Literatur, Altertumskunde. Er sitzt zu Füßen 
berühmter Lehrer wie Schlegel, Arndt, Mit- 
termaier, Welker. Und er hat später berühmt 
gewordene Mitstrebende um sich: Diefenbach, 
Rousseau, Simrock, Liebig, Fallersleben. Er ist 
fleißig, besonders auf seinem Gebiet, dem der 
Dichtkunst. Am studentischen Leben nimmt 
er Anteil, ist Mitglied der Burschenschaft. 
Er begeistert sich für die liberale Gesinnung, 
die in ihr herrscht. Und er findet das Ideal 
seines politischen Lebens, die Freiheit des In 
dividuums. Da wird der reaktionäre Schrift 
steller Kotzebue von dem Studenten Sand 
ermordet. Die lang erhoffte Gelegenheit für 
den Ur-Reaktionär Metternich hat sich ge 
funden. Er schlägt zu. Die Burschenschaft 
wird hart getroffen. Die Presse wird gekne 
belt. Die berüchtigten Karlsbader Beschlüsse 
folgen. Der Politiker Heine formt sich und 
wird in seinen „Reisebildern“ der Freiheit und 
Menschenwürde dienen bis in den Tod. 
Heine war nicht das, was man einen zackigen 
Studenten nennt. Den Saufgelagen war er ab 
hold, liebte auch das Tabakrauchen nicht. 
Feige war er nicht. Die Paukübungen machte 
er mit. Seine satirische Schlagfertigkeit hatte 
ihn schon berühmt gemacht. Seine Dialektik 
ist geschliffen wie Damaszener Stahl. Über 
das verdammte Gefühl für Amalie kommt er 
nicht hinweg. Sie hielt ihn nach wie vor im 
Bann: 
Es treibt mich ein dunkles Sehnen 
hinauf zur Waldeshöh, 
dort löst sich auf in Tränen 
mein übergroßes Weh.
	        
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