Full text: 1947 (0075)

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Das £e&ea im SiemkoMemiaCd 
Von Dr. h. c. P. GUTHÖRL, Saarbrücken 
Vor rund 100 Jahren gab der Schweizer Bota 
niker und Palaeobotaniker Professor Dr. Oswald 
Heer in einem seiner erdgeschichtlichen Vor 
träge eine für die damalige Zeit recht vortreff 
liche Schilderung des Lebens im Steinkohlen 
wald. Wenn sich diese auch heute nicht mehr 
in allen Punkten mit den neuesten Forschungs 
ergebnissen auf den Gebieten der Geologie oder 
Erdgeschichte und Palaeontologie oder Verstei 
nerungskunde in Einklang bringen läßt, so ver 
dient sie dennoch, einleitend angeführt zu 
werden: 
„Noch lebten keine Blumenthiere, keine Thiere, 
die auf den Pflanzen sich sonnten, wie denn 
auch die Farnkräuter und Bärlappen, welche 
damals die Hauptmasse der Pflanzenwelt gebil 
det haben, in ihren analogen, jetzt lebenden 
Arten, im Schatten feuchter, dunkler Wälder 
tropischer Inseln gedeihen. Noch gab es da 
mals keine Laubbäume und keine Blumen, die 
jetzt die Urbilder der Schönheit in der Pflanzen 
welt abspiegeln und einen Teppich voll herr 
lichster Farben und Formen vor uns ausbreiten. 
Noch hat die Natur keine Stimme erhalten. Die 
Heuschrecken sind noch die einzigen Sänger in 
dieser einsamen Welt. Eine unendliche Schwer- 
muth liegt auf diesem Bilde der Kohlenzeit. Man 
denke sich die schwüle, mit Dünsten erfüllte 
Luft, den heißen, dampfenden Boden, die laut 
lose Stille, die fast nur durch den Kampf der 
Elemente unterbrochen wird: dort durch das 
Rauschen und Tosen der Meeresbrandung, hier 
durch das Plätschern des Regens und das Heu 
len des Windes in den Wipfeln der dunkeln 
steifblättrigen Bäumel Man denke sich dazu 
den immer noch dunkeln, von Wolken dicht 
umhüllten Himmel, an dem noch keine Sonne 
scheint, kein Stern glänzt! — Wie lange die 
Kohlenzeit gedauert hat, vermag kein Mensch 
zu sagen, und alle Berechnungen, die man dar 
über, auf die ungeheuren Kohlenmassen sich 
stützend, angestellt hat, beruhen auf unsicheren 
Grundlagen,, da wir die Bedingungen des da 
maligen Pflanzenlebens noch viel zu wenig 
kennen. Nur das ist sicher, daß dieser Zeitraum 
Jahrtausende umspannen muß." 
Die Pflanzenwelt, wie sie in der Steinkohlen 
zeit lebte, gibt Veranlassung zu der Feststel 
lung, daß es sich in dem sogenannten Stein 
kohlenwald, den ich in früheren Aufsätzen be 
reits eingehend geschildert habe, um ausge 
dehnte Sumpfwaldmoor-Gebiete handelte. Ver 
hältnismäßig trockene Stellen waren als Inseln 
und an den Rändern vorhanden, sodaß das Wald 
sumpfmoor keinen geschlossenen Morast dar 
stellte. Offenbar waren es Flachmoore. Für den 
sumpfigen und schlammigen Boden sprechen 
auch die horizontal ausgebreiteten Wurzeln der 
baumlörmigen Gewächse. Die gleiche Erschei 
nung findet man heute noch bei Bäumen der 
Moorlandschaften. Sie ist in der Hauptsache 
durch das Sauerstoff-Bedürfnis der Wurzeln 
bedingt. Diese nehmen den Sauerstoff wegen 
des Schlammbodens, in dem sie sonst ersticken 
würden, von oben, nahe der Erdoberfläche. Be 
dem Gedeihen der so üppigen Steinkohlen 
wälder und einigen in diesen lebenden Tier 
gruppen, vornehmlich der Insekten, hat das 
damalige Klima eine besondere Rolle gespielt 
Es war feucht und warm, vielleicht subtropisch 
Die Niederschläge waren reichlich und oft lang 
anhaltend. Dieses Klima der Steinkohlenzeh 
wurde auch nicht durch kältere Perioden unter 
brochen, wie dies heute bei uns der Fall ist 
Kältere Jahreszeiten, bzw. Jahreszeiten über 
haupt, kannte man damals noch nicht. Dies be 
zeugen die jahresringelosen Bäume der Steim 
kohlenzeit, die man in Form von Versteinerun 
gen findet. Die Bildung von Jahresringen bei 
den heutigen Bäumen beruht ia bekanntlich au! 
den beim Dickenwachstum entstehenden großen 
Zellen während des Frühjahres in der Haupt 
wachstumsperiode und kleinen Zellen während 
des Herbstes bei der Abnahme der Wachstums 
geschwindigkeit. In der Steinkohlenzeit kannte 
man demnach noch keinen Winter. Daher fehl 
ten in dieser Zeit auch die holometaboleri 
Insekten (das sind solche, die eine vollkommene 
Verwandlung bei der Entwicklung — Larve 
Puppe, Image oder ausgewachsenes Insekt — 
durchmachen). Es lebten damals ausschließlich 
heteroraetaboie Formen (das sind solche mil 
unvollkommener Entwicklung), die sich zum 
Schutze gegen die Winterkälte dieser nicht an 
zupassen brauchten. Heute noch sind die Insek 
ten mit unvollkommener Verwandlung haupt 
sächlich auf Gebiete mit mildem, feuchtwarmem 
frostfreiem, tropischem bzw. subtropischem 
Klima beschränkt, während die hoiometabolex 
Formen meistens in kälteren Gegenden anzu 
treffen sind. 
Bei den nun folgenden Betrachtungen über di* 
Tierwelt des Steinkohlenwaldes soll vom „Saar 
Steinkohlenwald" ausgegangen werden. Im 
rechts des Rheines gelegenen Rheinisch-west 
fälischen Becken und dem links des Rhein* 
gelegenen Aachener Becken waren die Ver 
hältnisse zur Steinkohlenzeit infolge der 
Meeresnähe anders gelagert als im Saar-loth 
ringischen Becken. Während die paraliechen 
oder meeresnahen Steinkohlenablagerunget 
die nördlichen Saumtiefen des varistischen 
Gebirgszuges, der in den Sudeten seinen An 
fang nimmt und durch Mitteldeutschland über 
das Rheinische Schiefergebirge nach Mittel 
frankreich verläuft, aus.üllen, ist dasSaar-loth 
ringische Steinkohlengebirge neben den Sächsi 
sehen, Niederschlesischen und Böhmischen Koh 
lengebieten auf die südlichen Becken beschränkt 
(Abb. 1). Im Gegensatz zu den parali9cheh Stein
	        
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