Full text: 72.1944 (0072)

von dem hier berichtet wird, mag für zahl¬ 
reiche gleicher Taten und Entschlüsse stehen; 
nicht abgehoben als Einzelleistung von einem 
noch wogenden Kampfgeschehen, in dem 
solche Taten selten wären, sondern wieder¬ 
gegeben wie die erste Meldung vor dem 
Kompaniechef, einfach, klar, ohne Aufhebens: 
eine Handgranate noch in der Manteltasche, 
im Gesicht aber die Zeichen und Linien eines 
Menschenlebens voller Kampf, die Spuren 
mehrtägiger Übermüdung und Entbehrung 
gel reitet, — Meldung erstattet, noch eine 
Weile beim Chef gesessen, gegessen, hinge¬ 
hauen und später die jüngeren fragenden 
Kameraden mit viel geduldiger Güte ange¬ 
sehen, und dann kaum mehr davon gesprochen. 
Sowjetpanzer waren an eine Kolonnenstraße 
westlich des Oskol vorgebrochen. Sie stießen 
auf Fahrzeuggruppen verschiedener Einheiten 
Eine große Entwicklung, ein weitausholender 
Verteidigungsgedanke konnten in diesen 
knappen Augenblicken nicht entstehen. Hier 
mußten sich erfahrene Kräfte im Handum¬ 
drehen sammeln, Beherzte, die das Zeug dazu 
in sich hatten, den Mut zu schnellem Befehl 
auch über fremde Kameraden finden. Quer 
zu der Richtung, aus der die Bolschewisten 
gemeldet waren, zog sich eine Mulde hin. 
Die deutschen Soldaten rissen die Gewehre 
von den Fahrzeugen und gingen — das Erste 
war einfach — in Stellung. Aus was für 
Kräften der Feind bestand, war noch unbe¬ 
kannt. Aber bald nach dem ersten Alarmruf 
rollte auch schon ein Sowjetpanzer auf die 
Mulde zu. Ein Abwarten gab es nun nicht 
mehr, mit den Gewehren war hier nichts zu 
beginnen, und vor dem Panzer herlaufen im 
fast knietiefen Schnee wäre sinnlos gewesen 
Und so ging die Gruppe, die sich um den 
Feldwebel gebildet hatte, an den Panzer heran, 
fünf Soldaten, von denen einer den anderen 
nie vorher gesehen hatte, von denen einer des 
andern Namen nicht wußte, und die doch auf 
Leben und Tod nun ganz eins sein mußten. 
Ein Unteroffizier war noch dabei und ein 
ungarischer Kamerad. Auf zwanzig Meter 
waren sie heran, auf zehn ... Der tote Winkel! 
An anderes dachte keiner, und dann: rauf! 
Ob er schon vorher einmal gefaßt worden 
war oder irgendeinen Schaden hatte, — der 
Panzer rollte, aber er hatte nicht seine volle 
Beweglichkeit. Eine geballte Ladung ins 
Kettenlaufwerk brachte ihn zum Stehen. 
Zwei aus der Gruppe waren nicht mehr an 
den Panzer herangekommen ... Ein Pistolen¬ 
schuß trübte das Schauglas milchig, drang 
jedoch nicht durch. Für die paar Minuten, 
in denen diese Männer verbissen aus dem 
toten Winkel heraus auf den noch allein 
dastehenden Stahlklotz einkämpften, schienen 
die Chancen ausgeglichen. Eine Handgranate 
glitt in das schwach hochgerichtete Geschütz¬ 
rohr des Panzers, eine zweite und eine dritte 
noch. Als sie krepiert waren, schwieg das 
Geschütz; aus dem Panzer heraus rührte sich 
nichts. Aber das mußte nicht bedeuten, daß 
die Besatzung ebenfalls erledigt war. Sie 
lauerte vielleicht im dicken Stahlgehäuse auf 
ihre Chance. Weitere Handgranaten taten 
dem Panzer nichts an. Dann kamen neue 
Sowjetpanzer vorgerollt, Punkte erbitterten 
Ringens überall. Der Feldwebel fand sich mit 
noch zwei Kameraden auf dem rechten Flügel 
des Kampffeldes wieder, wo das Schießen 
abflaute. Sie suchten eine leere Panjehütten- 
reihe nach Wasser und Brot ab, das sie im 
letzten Haus fanden. Als sie heraustraten, 
rollten neue Panzer auf sie zu. Die beiden 
letzten Kameraden blieben im Feuer; sich 
neben sie in den Schnee einwühlend, hatte 
der Feldwebel sie noch verbunden, ehe er 
weiter sprang und kroch. 
Hier begann sein großer Alleingang, der 
weite Weg des Versprengten, der jede Situa¬ 
tion sich selber aufklären, jede Tat sich selbst 
befehlen mußte, und der nur ein Ziel hatte: 
zurück zur Einheit. Die Stunden waren zeit¬ 
los. Es gab nur Schneefelder ohne Pfade, eine 
mit den Händen ausgehöhlte Mulde im Schnee. 
Dunkel voller Ungewißheit, Schüsse und 
plötzlicher Lärm in der Nacht, lauern und 
wagen, Schnee und Kälte. Da war die 
immer wieder auftauchende Erinnerung an 
die versprengten Kameraden der eigenen 
kleinen Kolonne, an die gefallenen oder ver¬ 
wundeten fremden Kameraden aus der Gruppe 
vor dem Panzer. Von dem einen, so viel 
Jüngeren, hatte der Feldwebel noch den 
Namen wissen wollen und nur noch den 
Vornamen erfahren, der ihn nun nicht mehr 
losließ, als wäre damit das ganze Geschlecht 
gerufen, das als heiliger Frühling in diese 
Weiten zog, Begeisterte und Frühgeprüfte, 
schnell Gereifte und Schweigende, die die 
Sieger von morgen sein werden, weil Schöp¬ 
fung und Geschichte ihren Sinn behalten 
müssen, und weil sie auch dieses schwerste 
Erleben nicht niederwerfen kann. 
Diese letzten Stunden, die noch zu Tagen 
wurden, schlossen für den Feldwebel ein 
weiteres Erlebnis ein, das noch einmal den 
ganzen Mann herausforderte. Als er eine Hütte 
betrat, die vor einer halben Stunde leer 
gewesen war, sah er sich drei Bolschewisten 
gegenüber. Kampf und Flucht verboten im 
Augenblick der überlegene Gegner und der 
Raum. Aber das hieß noch nicht Sichdrein- 
geben. Er sah sie seine Pistole beiseitelegen 
und den Inhalt seiner Taschen. Sie hielten 
ihm die ausgeschnittene Anzeige für einen 
gefallenen Freund vor. bei der sie über das
	        

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