Volltext: 72.1944 (0072)

Von d&i 'Ungeduld des tKexzens 
PK. Es ist nun in zwei Jahren so gewesen; 
wenn die Tage länger wurden, der knietiefe 
Schlamm der Straßen sich in Staub verwan¬ 
delte, die Sonne immer wärmer auf die 
nackten, feuchtglänzenden Flanken der zer¬ 
frorenen Erde niederschien und fast über 
Nacht den hohen Sommer herbeizauberte, 
fing die Unruhe an. Eine Unruhe, die in der 
Ruhe der Front ihren Ausgang nahm, sich 
in Weilen durch das ganze Operationsgebiet 
fortpflanzte und bis in die fernsten Winkel 
der fernen Heimat hinüberstrahlte. 
Der Posten an der vordersten Schulterwehr 
der Riesenfront im Osten empfand sie zu¬ 
erst. Er hatte den bitteren Kelch der Winter¬ 
schlacht bis zur Neige geleert und war zum 
zweiten Mal mit aufrechtem Nacken durch 
die entfesselte Hölle geschritten. Er war 
durch weite Räume, die er im vergangenen 
Sommer stürmend durchmessen, zurück¬ 
marschiert, den drängenden, übermächtigen, 
frohlockenden Feind im Rücken, hatte sich 
immer wieder festgekrallt im Schnee der 
Steppe und die Flut, die ihn auf allen 'Seiten 
gierig umspülte, aufgehalten. Manche Lage, 
aus der es keinen Ausweg mehr zu geben 
schien, war von ihm in letztem verbissenem 
Kampf gemeistert worden. Dennoch hatte er 
zähneknirschend die Gräber der Kameraden 
in der winterlichen Einöde zurücklassen, 
Straßen, Brücken und Schienenstränge unter¬ 
minieren, beschädigte Fahrzeuge verbrennen, 
erschöpfte Pferde erschießen und liebgewor¬ 
denen persönlichen Besitz aufgeben müssen, 
um sich selbst aus der drohenden Umklam¬ 
merung herauszuhauen. 
All dies hatte er erlebt. Sein Herz war 
rauh und hart geworden in den furchtbaren 
Wochen, und sein Gemüt hatte sich ver¬ 
düstert über den unzählbaren Schrecken. Er 
war müde und der Ruhe bedürftig. Es lag 
kein Grund vor, anzunehmen, daß er ihrer 
allzubald überdrüssig werden könne. 
Obwohl seitdem erst eine kurze Spanne 
Zeit verronnen ist, dünkt ihn der Ablauf 
seiner Tage — gemessen an dem Gewesenen 
— jetzt schon wieder zu still und ereignis¬ 
los. Nicht, daß es ihn nach Blut und Brand 
gelüstete — dessen hat er genug gekostet — 
aber er spürt in allen Gliedern jene fiebrige 
Unruhe, die in der Natur, in den Dingen und 
Menschen um ihn herum und in ihm selbst 
begründet liegt. Er sieht, daß sich die gelich¬ 
teten Reihen wieder gefüllt haben, daß 
frischer Ersatz eingetroffen ist und neue 
Von Kriegsberichter Bert Naegel* 
Waffen und Fahrzeuge aus der Heimat- ge¬ 
kommen sind. Bedeutsame Veränderungen' 
Die bedeutsamste aber liegt bei ihm selbst 
Vielleicht hat er das Glück gehabt, auf Urlaub 
fahren zu dürfen, vielleicht haben auch nur 
die Sonne, der Frühlingswind, das junge 
Grün oder ein Lerchentriller die Wandlung 
zuwege gebracht. Jedenfalls sind die harten 
Schalen zersprungen, die sein Herz wie ein 
Panzer umschlossen hielten und haben es 
blank und unversehrt in seiner Brust ge¬ 
lassen. Mit einer tiefen Freude hat er be¬ 
merkt, daß es noch schlägt wie ehedem, daß 
es nicht ein toter Stein ist, sondern immer 
noch jener unablässig sprudelnde Quell, dem 
er sein Leben verdankt und alles, was es 
schön und gut macht. 
Dieses Herz, das wiedererneuerte, ist es 
auch, das nun die heilige Unrast und Unge¬ 
duld in ihm erzeugt, das sich nach dem 
Kriege sehnt, um den Frieden zu gewinnen 
Denn dies ist das Geheimnis: er, der Soldat, 
sieht in seinem dritten Ostsommer ganz klar 
den Weg, der noch vor ihm liegt, den er über 
alle Höhen und durch alle Tiefen beschreiten 
muß, zum Ziele hin. Sein Blick durchdringt 
mit fast seherischer Kraft das neblichste 
Gewölk, das in den Gründen liegt und ihn 
irre machen will. Er weiß, daß noch schwere 
Opfer von ihm gefordert werden — vielleicht 
sogar das letzte — aber er ist bereit, sie zu 
bringen, um des Sieges oder Friedens willen 
Er weiß auch, daß eines dieser Opfer das 
Warten ist, daß es Entscheidungen gibt, von 
denen er nichts ahnt und denen er sich 
unterordnen muß. Er ist bereit, selbst dies 
in Kauf zu nehmen und sich wochen-, ja 
monatelang, wenn es nötig sein sollte, zu be¬ 
scheiden. Denn daß nichts ohne Sinn unc 
genaueste Überlegung geschieht in dieser 
Phase des überdimensionalen Ringens, das 
hat er längst erfühlt. So wie der Sieg reifen 
muß, müssen auch die Schläge reifen, die ihn 
vorbereiten. 
An der Ostfront steht der Soldat in seinem 
Graben und wartet. Vielleicht wird er in 
einem oder mehreren Monaten noch immer 
warten. Er tut es still und ohne Murren. Mit¬ 
unter nur, wenn die Sehnsucht nach Frau 
und Kind wie eine ferne, himmlischsüße 
Melodie in ihm aufklingt, horcht er hinaus, 
oto nicht bald der letzte große Schlacht¬ 
gesang anhebe, der die anbrechende Morgen¬ 
röte verkündet. Dann ist sie wieder da: die 
Ungeduld des Herzens.
	        

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