Full text: 72.1944 (0072)

Die große Versuchung 
Von Heinrich Riedel 
Hoch im einsamen Gebirg der Nordseite 
der Hohen Tauern schreitet ein Mann, dessen 
noch jugendlichem Gesicht viele feine Fält- 
chen ein leicht unharmonisches Aussehen ge¬ 
ben, über den Jochweg zu Tal. Er ist kein 
Bauer und auch kein Stadtmensch; ein Schrei¬ 
ber vielleicht oder sonst einer von denen, die 
auf dem Land in Büros arbeiten. 
Er befindet sich auf einem wichtigen Boten¬ 
gang und kommt von seinem Heimatdorf, 
einem großen Dorf von Bergmannsbauern, die 
dort seit uralten Zeiten — schon die Augs¬ 
burger Fugger ließen in diesen Bergstöcken 
nach Gold graben — auf immer noch etwas 
altertümliche Weise das schimmernde Erz dem 
Fels abgewinnen. Uber einigen Häusern seines 
Dorfes war eine Lawine niedergegangen und 
mehrere Bewohner waren schwer verletzt 
worden. Da hatte er sich erboten, aus der 
kleinen Stadt G. jenseits des Gebirgskammes 
einen Arzt zu holen, denn die Lawine hatte 
auch die Telefonleitungen zerrissen. 
Der Mann stapft unter ersichtlicher An¬ 
strengung durch den hohen Schnee. Seit Men¬ 
schengedenken hat es nicht so viel Schnee 
gegeben. 
Neben ihm schreitet sein Hund, ein kräf¬ 
tiger Schäferhund. Beide sind müde; man 
sieht es ihnen an. Kein Wunder, der Aufstieg 
auf der anderen Seite hatte es in sich gehabt. 
Und der Abstieg durch das langgezogene, zer¬ 
klüftete Tal, durch das im Sommer der schäu¬ 
mende, jetzt starr vereiste Wildbach zur fer¬ 
nen Salzach hin braust, war nicht minder 
beschwerlich. 
Es fängt wieder an zu schneien. Immer 
dichter fallen die Flocken, wie lebendige 
Schmetterlingswesen, wie Tüchlein, die sich 
im Flug entfalten und huschgeschwind auf 
der Erde breiten. 
Die Sonne steht ihnen entgegen und ist 
schon nahe an den Felsen am Rand des Blick¬ 
feldes. Eine Zeitlang noch ist sie ein ver¬ 
halten glimmender roter Kupferball, sehr nah 
und scheinbar von so milder Wärme, daß 
man sie mit der Hand hätte anfassen können. 
Dann wird sie bleicher und sinkt auf einmal 
ziemlich schnell weg, wie ein Ertrinkender. 
Doch nun erglühn die Fels- und Schnee¬ 
zinnen in einem zarten Rosa. Die Bergwelt 
steht wie ein aus Sehnsucht und Traum ge¬ 
wirktes Wunder da. Dann legen sich, als die 
kosmische Glutmasse hinter den Bergen noch 
tiefer hinuntergeschwebt ist, violette Tinten 
darüber und ungeheure lohende Schwaden 
scheinen aufzusteigen, als rauchten Zyklopen¬ 
essen gen Himmel. 
Der Mann läßt sich nieder, um einen Wim¬ 
perblick zu schauen, und auch um zu rasten. 
Denn er ist wirklich sehr müde. Und der Hund 
legt sich sogleich neben ihn hin. — 
Wie wohlig sitzt es sich auf dem weichen 
Schnee. Er lehnt sich hintüber. Unaufhörlich 
schweben die Flocken, wie von unsichtbaren 
Fäden an den ihnen bestimmten Platz ge¬ 
zogen, hernieder. 
Bald haben sie seinen Körper bedeckt. Er 
schließt die Augen, und weiß es nicht. Der 
Hund steht einmal auf, schüttelt sich, gähnt 
und legt sich wieder, leise knurrend, neben 
den Herrn. 
Eine unendlich wohltuende Ruhe und Mü¬ 
digkeit breitet sich im Körper des Mannes. 
Sein Denken verengt sich. Er liegt wie im 
Vorstadium der Narkose. Er ist plötzlich ein 
König. Wie bedeutungslos scheinen ihm jetzt 
die kleinen und großen Sorgen des Alltags. 
Wie komisch geradezu ist die Sucht der Men¬ 
schen, zu rennen, sich abzuhetzen, auf der 
Jagd nach dem Glück, nach dem Erfolg. Wie 
lächerlich ist ihre Einbildung, daß sie über¬ 
haupt etwas tun könnten. Sie können nichts 
tun. Sie werden vom Schicksal wie Marionet¬ 
ten an unsichtbaren Fäden geführt. Das Seil, 
an dem sie zappeln, ist lang, doch unzerrei߬ 
bar. So sinnt er . . . 
Wie ein großes, in einem Blick und Augen¬ 
blick überschaubares Panorama liegt sein 
Leben vor ihm, durchsichtig, und auch sein 
eigenes Wesen mit allen Schwächen und Feh¬ 
lern. Er erkennt, weshalb er so oft den fal¬ 
schen Weg gegangen und findet es kinder¬ 
leicht, es in Zukunft besser zu machen. Aber 
es will ihm dünken, dies Leben sei nicht wert 
gewesen, gelebt worden zu sein; es sei auch 
nicht der Mühe wert, es weiterzuwandern. 
Wie eine schmerzlich-verführerische Blume 
blüht in jedem Menschenherzen neben dem 
sieghaften Trieb zum Leben die Sehnsucht 
nach dem Tod. Wäre jetzt nicht die rechte 
Gelegenheit, geht es ihm halbbewußt durch 
den Kopf, sich auf halbwegs unauffällige 
Weise davonzustehlen? Er braucht nur liegen 
zu bleiben und er wird erfrieren in der Nacht. 
Kann der Tod leichter sein? Er fühlt ihn in 
der Ferne, obwohl er ihn noch nicht offen vor 
sich zu nennen wagt. Er nennt es Schlaf. 
Schlafen und träumen, des Körperlichen ledig 
und nur Geist sein, das möchte er. 
Merkwürdig, daß die Müdigkeit der Glieder 
und des Denkens ein so wohliges Gefühl sein 
kann. Er schwebt wie in warmen Wassern, 
ohne jede Anstrengung, wie ein Fisch. Es 
scheint ihm eine dumpfe Erinnerung aus Ur¬ 
zeiten, wo er wirklich als Fisch in tropischen 
Meeren geschwommen, viele Millionen Jahre. 
Er fühlt seinen Körper nicht mehr. Gott, laß 
mich ewig so liegen und ruhen, denkt er. 
Doch dann bohrt sich wie ein schmerzhaft 
scharfer Dorn in sein Hirn das Wissen, daß 
es höchste Zeit sei, aufzustehgn, um dem 
dunklen Tor, das schon für ihn geöffnet 
scheint, zu entrinnen. 
Aber der Wille dazu ist sehr schwach. Er 
lächelt über sein Vorhaben wie über ein müßi¬ 
ges Spiel, von dem er von vornherein weiß 
wie es ausgeht. 
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