urkundlich erwähnt), ist um die Mitte des fünften
Jahrhunderts von den germanischen Brukterern,
die zuletzt auf dem gegenüberliegenden Rhein¬
ufer wohnten, dauernd bevölkert worden. Diese
wurden nach dem Lande Gripiar bzw. Riboar
„Ripuarier" genannt und nahmen diesen Namen
mit bis in unsere Saargegend. Hier dehnte sich
dieser Stamm, zu welchem auch die Amsiwarier
(zuletzt im Belgischen seßhaft) und die Chasu-
arier gehörten, westlich des Köllertaler Waldes,
der die ripuarisch-hessische Stammesgrenze bil¬
det, längs des Südabhanges des Hochwaldes weit
nach Norden aus.
Den Ripuariern stehen vonhause aus zunächst
die Moselfranken, die höchstwahrscheinlich aus
den in der römischen Literatur stets zusammen¬
genannten und wohl stammlich zusammengehö¬
rigen Usipiern und Tenkterern und Tubanten
hervorgegangen sind. Diese saßen vor dem end¬
gültigen Rheinübergang der Germanen im
5. Jahrh, vom Neuwieder Becken bzw. Rhein¬
brohl, wo der Rhein anfing, eine sichere Grenze
des Römerreiches zu bilden (vgl. Tacit. Germa¬
nia 32), rheinabwärts bis etwa gegen Köln, vor¬
her noch weiter stromabwärts, und besiedelten
im Süden der Brukterer (Ripuarier) im allge¬
meinen die Flußgebiete der Salm, Lieser, Ueß,
Alf und Eltz und das Moseltal im Mündungs¬
bereiche dieser Flüsse. Im späteren Mittelalter
drangen sie die Drohn und andere Hunsrücktäler
hinauf und rodeten und bevölkerten Hochwald
und Hunsrück, die nach Aufon's Mosellalied
(Vers 5—6) sozusagen noch menschenleer und
voll starrender Wälder waren (Ende des vierten
Jahrhunderts n. Chr.). Sie drangen über den
Höhenkamm in die Täler der Löster und Prims
bis gegen das nördliche Saargebiet vor, wo das¬
selbe Volkstum, wie im Drohntal und dem vor¬
gelagerten Moselgelände angetroffen wird.
Diese Hochwälder Moselfranken unterscheiden
sich von den Ripuariern, mit denen sie die grö¬
ßere Sachlichkeit und gemessene Zurückhaltung
gemeinsam haben, doch sehr wahrnehmbar durch
ihre größere Lebendigkeit, Unruhe und Schroff¬
heit. Ihre Vorfahren gaben einst dem Römer
Cäsar, der sie auf dem linken Rheinufer nicht
dulden wollte, wo sie sich, von den Schwaben
gedrängt, neue Wohnsitze suchten, die stolze Ant¬
wort: „Die Germanen hätten den Krieg mit dem
Römischen Volke nicht aus sich begonnen, aber
sie würden ihn auch nicht ablehnen, wenn sie
dazu gereizt würden. Germanenart sei es seit
Väterzeiten, ihren Angreifern zu widerstehen
und nicht um den Frieden anzuhalten . . . einzig
den Schwaben wichen sie aus, da diesen selbst die
unsterblichen Götter nicht gewachsen seien. Im
übrigen gäbe es niemanden auf Erden, den sie
nicht zu überwinden vermöchten" (Caes. Bell.
Call. IV, 7). Es wäre nun eine reizvolle Auf¬
gabe, die genauen Grenzlinien zwischen diesen
Moselfranken und den Ripuariern in unserer
Gegend abzustecken. Dies ist durchaus möglich,
da die Einzelstämme der gleichen Rasse sich unter¬
einander auch in ihrem körperlichen Aussehen,
besonders in der Gesichtsbildung (physiogno-
misch), wohl unterscheiden. In den Grenzorten
lausen beide Stilarten meist deutlich nebenein¬
ander. Vielleicht regen vorliegende Zeilen zu
Untersuchungen an.
Die kleinere Osthälfte des ehm. Saargebietes,
d. h. die Striche südöstlich des Warndt- und des
Köllertaler Waldes, bewohnen die sog. Rhein¬
franken. Diese sitzen heute etwa ab Andernach
und Rheinbrohl rheinaufwärts bis zu den Ala¬
mannen im Elsaß und Baden als ein von Ripu¬
ariern und Moselfranken wohlunterschiedener,
besonders lebhafter, gefühliger und gesprächiger
Volksstamm. Ich weiß sehr wohl, daß die Mehr¬
zahl unserer Forscher in ihnen die Nachfahren
der Usipier und Tubanten (mit Tenkterern)
erblicken möchten. Aber diese letzteren Volks¬
stämme saßen nach der oben angeführten Tacitus-
stelle schon mehr am Niederrhein, dort, wo der
Rheinstrom nach Einmündung der Lahn und
Mosel als römische Reichsgrenze genügte, d. h.
von Rheinbrohl, etwas unterhalb Neuwied, an.
Denn dort begann die rechtsrheinische, künstlich
befestigte sog. Limes-Grenze, die von dorther
südlich über Westerwald, Taunus und Vogels¬
berg nach der Donau verlief (seit Ende des
1. Jahrh. n. Chr.). Bis Rheinbrohl genügte also
der Rhein den Römern noch nicht als Grenze.
Dazu kommt, daß die Rheinfranken an Mittel¬
rhein und Main trotz größter Lebhaftigkeit den
heutigen Hessen an Eder, Fulda und Schwalm
geistartlich zum Verwechseln gleich erscheinen.
Wir wissen aus direkten und unbestrittenen alt¬
römischen Zeugnissen, daß Nassau (heutiger Re¬
gierungsbezirk Wiesbaden) nach Abzug der Ubier
von Chatten (Hessen) in Besitz genommen wurde.
Diese Hessen hießen Maden, d. s. die Mattiaker
der römischen Berichte. Di-ese blieben nördlich
und südlich des Taunus bis heute seßhaft, bis
auf eine kleinere Abteilung in den stärker von
Rom abhängigen Uferstrichen des Rheines und
der Unterlahn, die im Jahre 10 v. Chr. „zu den
Sugambern" an der Ruhr auswanderte (Dio
Cassius 54, 36, 3) und dort als „Chattuarier"
(Chattmannen) auftrat. Später werden sie auch
als „Franken" bezeichnet (Ammian) und sitzen
heute an der Niers und unteren Ruhr. Der
Großteil der Maden (Meden, Motten . . .) blieb
in Nassau zurück und wird von Tacitus als be¬
sonders lebhaft geschildert („arius animantur").
Unter Kaiser Eallienus (Mitte des 3. Jahrh,
n. Chr.) wurden ihre Wohnsitze „von Barbaren
besetzt", unter denen nach Ausweis ihrer Mund¬
art nur Oberhessen zu verstehen sind. Unter
deren Führung beteiligten sie sich, ohne Nassau
aufzugeben, im 5. und 6. Jahrh, an dem allge¬
meinen Rheinübergang und besiedelten das
untere Moseltal sowie das linke Rheinufer strom¬
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