Full text: 67.1939 (0067)

urkundlich erwähnt), ist um die Mitte des fünften 
Jahrhunderts von den germanischen Brukterern, 
die zuletzt auf dem gegenüberliegenden Rhein¬ 
ufer wohnten, dauernd bevölkert worden. Diese 
wurden nach dem Lande Gripiar bzw. Riboar 
„Ripuarier" genannt und nahmen diesen Namen 
mit bis in unsere Saargegend. Hier dehnte sich 
dieser Stamm, zu welchem auch die Amsiwarier 
(zuletzt im Belgischen seßhaft) und die Chasu- 
arier gehörten, westlich des Köllertaler Waldes, 
der die ripuarisch-hessische Stammesgrenze bil¬ 
det, längs des Südabhanges des Hochwaldes weit 
nach Norden aus. 
Den Ripuariern stehen vonhause aus zunächst 
die Moselfranken, die höchstwahrscheinlich aus 
den in der römischen Literatur stets zusammen¬ 
genannten und wohl stammlich zusammengehö¬ 
rigen Usipiern und Tenkterern und Tubanten 
hervorgegangen sind. Diese saßen vor dem end¬ 
gültigen Rheinübergang der Germanen im 
5. Jahrh, vom Neuwieder Becken bzw. Rhein¬ 
brohl, wo der Rhein anfing, eine sichere Grenze 
des Römerreiches zu bilden (vgl. Tacit. Germa¬ 
nia 32), rheinabwärts bis etwa gegen Köln, vor¬ 
her noch weiter stromabwärts, und besiedelten 
im Süden der Brukterer (Ripuarier) im allge¬ 
meinen die Flußgebiete der Salm, Lieser, Ueß, 
Alf und Eltz und das Moseltal im Mündungs¬ 
bereiche dieser Flüsse. Im späteren Mittelalter 
drangen sie die Drohn und andere Hunsrücktäler 
hinauf und rodeten und bevölkerten Hochwald 
und Hunsrück, die nach Aufon's Mosellalied 
(Vers 5—6) sozusagen noch menschenleer und 
voll starrender Wälder waren (Ende des vierten 
Jahrhunderts n. Chr.). Sie drangen über den 
Höhenkamm in die Täler der Löster und Prims 
bis gegen das nördliche Saargebiet vor, wo das¬ 
selbe Volkstum, wie im Drohntal und dem vor¬ 
gelagerten Moselgelände angetroffen wird. 
Diese Hochwälder Moselfranken unterscheiden 
sich von den Ripuariern, mit denen sie die grö¬ 
ßere Sachlichkeit und gemessene Zurückhaltung 
gemeinsam haben, doch sehr wahrnehmbar durch 
ihre größere Lebendigkeit, Unruhe und Schroff¬ 
heit. Ihre Vorfahren gaben einst dem Römer 
Cäsar, der sie auf dem linken Rheinufer nicht 
dulden wollte, wo sie sich, von den Schwaben 
gedrängt, neue Wohnsitze suchten, die stolze Ant¬ 
wort: „Die Germanen hätten den Krieg mit dem 
Römischen Volke nicht aus sich begonnen, aber 
sie würden ihn auch nicht ablehnen, wenn sie 
dazu gereizt würden. Germanenart sei es seit 
Väterzeiten, ihren Angreifern zu widerstehen 
und nicht um den Frieden anzuhalten . . . einzig 
den Schwaben wichen sie aus, da diesen selbst die 
unsterblichen Götter nicht gewachsen seien. Im 
übrigen gäbe es niemanden auf Erden, den sie 
nicht zu überwinden vermöchten" (Caes. Bell. 
Call. IV, 7). Es wäre nun eine reizvolle Auf¬ 
gabe, die genauen Grenzlinien zwischen diesen 
Moselfranken und den Ripuariern in unserer 
Gegend abzustecken. Dies ist durchaus möglich, 
da die Einzelstämme der gleichen Rasse sich unter¬ 
einander auch in ihrem körperlichen Aussehen, 
besonders in der Gesichtsbildung (physiogno- 
misch), wohl unterscheiden. In den Grenzorten 
lausen beide Stilarten meist deutlich nebenein¬ 
ander. Vielleicht regen vorliegende Zeilen zu 
Untersuchungen an. 
Die kleinere Osthälfte des ehm. Saargebietes, 
d. h. die Striche südöstlich des Warndt- und des 
Köllertaler Waldes, bewohnen die sog. Rhein¬ 
franken. Diese sitzen heute etwa ab Andernach 
und Rheinbrohl rheinaufwärts bis zu den Ala¬ 
mannen im Elsaß und Baden als ein von Ripu¬ 
ariern und Moselfranken wohlunterschiedener, 
besonders lebhafter, gefühliger und gesprächiger 
Volksstamm. Ich weiß sehr wohl, daß die Mehr¬ 
zahl unserer Forscher in ihnen die Nachfahren 
der Usipier und Tubanten (mit Tenkterern) 
erblicken möchten. Aber diese letzteren Volks¬ 
stämme saßen nach der oben angeführten Tacitus- 
stelle schon mehr am Niederrhein, dort, wo der 
Rheinstrom nach Einmündung der Lahn und 
Mosel als römische Reichsgrenze genügte, d. h. 
von Rheinbrohl, etwas unterhalb Neuwied, an. 
Denn dort begann die rechtsrheinische, künstlich 
befestigte sog. Limes-Grenze, die von dorther 
südlich über Westerwald, Taunus und Vogels¬ 
berg nach der Donau verlief (seit Ende des 
1. Jahrh. n. Chr.). Bis Rheinbrohl genügte also 
der Rhein den Römern noch nicht als Grenze. 
Dazu kommt, daß die Rheinfranken an Mittel¬ 
rhein und Main trotz größter Lebhaftigkeit den 
heutigen Hessen an Eder, Fulda und Schwalm 
geistartlich zum Verwechseln gleich erscheinen. 
Wir wissen aus direkten und unbestrittenen alt¬ 
römischen Zeugnissen, daß Nassau (heutiger Re¬ 
gierungsbezirk Wiesbaden) nach Abzug der Ubier 
von Chatten (Hessen) in Besitz genommen wurde. 
Diese Hessen hießen Maden, d. s. die Mattiaker 
der römischen Berichte. Di-ese blieben nördlich 
und südlich des Taunus bis heute seßhaft, bis 
auf eine kleinere Abteilung in den stärker von 
Rom abhängigen Uferstrichen des Rheines und 
der Unterlahn, die im Jahre 10 v. Chr. „zu den 
Sugambern" an der Ruhr auswanderte (Dio 
Cassius 54, 36, 3) und dort als „Chattuarier" 
(Chattmannen) auftrat. Später werden sie auch 
als „Franken" bezeichnet (Ammian) und sitzen 
heute an der Niers und unteren Ruhr. Der 
Großteil der Maden (Meden, Motten . . .) blieb 
in Nassau zurück und wird von Tacitus als be¬ 
sonders lebhaft geschildert („arius animantur"). 
Unter Kaiser Eallienus (Mitte des 3. Jahrh, 
n. Chr.) wurden ihre Wohnsitze „von Barbaren 
besetzt", unter denen nach Ausweis ihrer Mund¬ 
art nur Oberhessen zu verstehen sind. Unter 
deren Führung beteiligten sie sich, ohne Nassau 
aufzugeben, im 5. und 6. Jahrh, an dem allge¬ 
meinen Rheinübergang und besiedelten das 
untere Moseltal sowie das linke Rheinufer strom¬ 
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