Full text: 67.1939 (0067)

Die Halm-Büchse - ein altes Bergmannsgerät 
Von H. Keuth, Museumsdirektor in Saarbrücken 
Den ältesten Bergleuten des Saar-Kohlen- 
gebietes ist noch ein Gerät bekannt, das sie 
Halmbüchse oder — auf den ehemals bayerischen 
Gruben — Helmbüchse nannten. Sie trugen es 
als Hauer stolz in dem Leibgurt eingehakt. Diese 
Halmbüchse ist ein volkskundlich außerordentlich 
interesianter Gegenstand. Er ist auffallend durch 
seine Form und die an ihm angebrachten alt¬ 
artigen Verzierungen, die die Halmbüchse über 
die anderen, sonst im Bergbau benutzten Arbeits¬ 
geräte hervorhebt. 
Die Halmbüchse ist meist eine aus Pappel-, zu¬ 
weilen Buchenholz geschnittene Dose von 22 bis 
25 cm Länge. Der obere Teil ist flach und breit, 
der untere rund, köcherartig verlängert. Ein 
Holzdeckel, mit Scharnier oder zum Schieben ein¬ 
gerichtet, schließt das Gerät. Innen sind in das 
volle Holz zwei gleich große runde Löcher von je 
2 cm Durchmesser gebohrt. Das tiefere dient 
zur Aufnahme von Strohhalmen (daher Halm¬ 
büchse). Im zweiten werden Drahtstückchen auf¬ 
bewahrt, an die viereckige Zunderplättchen auf¬ 
gereiht sind. An einer kurzen Kette hängt ein 
Drahthaken, mit dem die Büchse an den Leib¬ 
riemen so eingehängt wird, daß sie hinten bau¬ 
melt. Was bedeuten nun Zunder und Stroh¬ 
halm und warum werden sie so sorgfältig in 
einer eigens für sie geschaffenen Holzdose auf¬ 
bewahrt? 
Zum Verständnis müssen wir einen Arbeits¬ 
vorgang erklären, wie er in den hiesigen Gruben 
vor etwa 50 Jahren allgemein war. In alter 
Zeit wurden Kohle und Gestein durch Schwarz¬ 
pulver gesprengt. Der Bergmann bohrte Löcher, 
füllte die Kammer mit Pulver und versetzte den 
vorderen Teil des Loches — um die eingelegte 
Raumnadel herum — mit Lehm, der durch den 
Ladestock oder Stampfer festgestopft wurde. Zum 
Zünden benützte er das sog. Schwefelmännchen, 
das in beliebiger Länge von einem Wollfaden 
abgeschnitten, den der Hauer zu Hause in 
Schwefel getränkt und getrocknet hatte. Es war 
recht schwierig, diesen Faden in das Bohrloch 
einzuschieben oder einzulegen; das Anzünden an 
der offenen Grubenlampe wurde unmöglich, als 
diese bei der zunehmenden Schlagwettergefahr 
mehr und mehr abgeschafft wurden. 
Sehr frühzeitig ist deshalb in den preußischen 
Gruben des Saarlandes, in Westfalen und wohl 
auch in anderen Bergbaubezirken die Halm¬ 
zündung aufgekommen, während man in St. 
Ingbert und anderen bayerischen Gruben die 
Helmzündung benutzte. 
Die Halmzündung wurde in der Wohnung 
vorbereitet, indem der Hauer Strohhalme von 
15—30 cm Länge — zum Schießen in der Kohle 
brauchte man längere Halme als für Knapp- 
fchüfse im Gestein — so zurechtschnitt, daß das 
eine Ende durch einen Halmknoten verschlossen 
blieb. Nun wurde der Halm mit Pulver — I 
möglichst mit feinem Jagdpulver, das die 
Zwischenräume besser ausfüllte — gefüllt und j 
am anderen Ende durch Pech oder Siegellack — l 
Wachs war weniger zweckmäßig — verschlossen, j 
Es wurden Roggen-, Gersten-, Weizen- oder ! 
Haferstrohhalme benutzt, die die Bergleute 
wegen ihrer verschiedenen Länge und Dicke gern \ 
miteinander austauschten. Vor dem meist ver¬ 
wendeten Roggenstroh hatten die Halme aus . 
Haferstroh den Vorzug, weil die Hohlröhre 
dünner war und dadurch Pulver zum Füllen ge¬ 
spart wurde. 
War in der Grube der Schuß fertig besetzt, ! 
wurde die Naumnadel herausgezogen und in das 
Loch der feste Halm eingeschoben. Das durch den 1 
natürlichen Halmknoten gebildete Ende wurde ? 
zuerst eingeführt. An dem aus dem Bohrloch 
herausstehenden Ende wurde nunmehr das Ver¬ 
schlußpech v-orsichtig etwas entfernt und der 
Halm eingekerbt. Mit Stahl und Feuerstein ; 
brachte der Hauer nunmehr ein Stückchen Zunder 
zum Glühen und klemmte es rasch an dem einge¬ 
kerbten Halmende fest. Beim Abtun mehrerer 
Schüsse wurden die Zunderplättchen vielleicht 
schon vorher an den Halmen befestigt und mit 
einem anderen Zunder angesteckt Die Zunder¬ 
plättchen am Halm glimmten fort und brachten 
das Pulver im Halm und im Bohrlochtiefsten 
sehr bald zur Explosion. Wurden die kleinen 
Zunder nicht sehr geschickt und am äußersten 
Ende, sondern vielleicht sogar mit der Lampe an¬ 
gesteckt, dann sprühte das Pulver heraus und 
brachte durch den kurzen Halm sogar den Schuß 
zur Entladung, noch bevor sich der Bergmann in 
Sicherheit bringen konnte. Man sah früher im 
Revier viele Bergleute, deren Gesicht und Hände 
durch unzählige viele blaue Punkte unter der 
Haut entstellt waren. Das waren meist solche 
Bergleute, die bei dem geschilderten Schießver¬ 
fahren durch verfrühte oder auch verspätete Zün¬ 
dung verwundet wurden. 
Für die Helmzündung auf den bayerischen 
Gruben im Saarrevier benutzte man keine Stroh¬ 
halme, sondern konische Papierröllchen, die so¬ 
genannten „Helme", die ebenfalls zu Hause vor¬ 
bereitet werden mußten. Das Papier wurde 
stark durchfeuchtet. Auf einer Seite wurde feines 
Schwarzpulver gestreut und aufgedrückt. Diese 
Seite wurde nach innen konisch so gerollt, daß 
am einen Ende eine Spitze, am anderen Ende 
eine Oeffnung blieb, die man beim Transport 
zukniffte. Diese Helme hatten den Vorzug, daß 
man sie bei tiefen Bohrlöchern in beliebiger 
Länge zusammenschachteln konnte und trotzdem 
keine Versager vorkamen. Das Aneinandersetzen 
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