Full text: 66.1938 (0066)

Vier ^ahre nationalsozialistische Wehrpolitik 
So war die wehrpolitische Lage Deutschlands 
um die Jahreswende 1932/33: Ein Volk, das 
zerrissen von Parteien, Klassen und Konfessio¬ 
nen jeden Glauben an sich selbst und das Ver¬ 
trauen zur Staatsführung verloren hatte; ein 
Staat, der in allen Fugen krachte und in naher 
Zukunft eine leichte Beute des Kommunismus 
zu werden schien; eine Wirtschaft, deren Merk¬ 
mal die erschreckende Zahl von 7 Millionen Ar¬ 
beitslosen bildete; eine Kultur, die Unkultur 
war, weil sie allen kulturzerstörenden Kräften 
freien Lauf ließ; eine Verfassung, die nur noch 
auf dem Papier stand und deren praktische Un¬ 
brauchbarkeit sich schon längst erwiesen hatte; 
eine Regierung ohne klares Programm, die sich 
in taktischen Winkelzügen erschöpfte; eine Wehr¬ 
macht endlich, deren Stärke, Gliederung, Be¬ 
waffnung bis zur Platzpatrone und bis zum 
Hufnagel vom Feind diktiert war, die der Wehr¬ 
form nach ins 18. Jahrhundert gehörte und die 
trotz des vorzüglichen Geistes und des hohen 
Ausbildungsstandes ihrer Aufgabe, Volk und 
Reich zu schützen, nicht entfernt gewachsen sein 
konnte; im ganzen eine geradezu erschreckende 
Erbschaft für den Mann, der sich berufen fühlte, 
das Steuer zu ergreifen, Volk und Reich vom 
Abgrund zurückzureißen und sie einer neuen Zu¬ 
kunft entgegenzufllhren. 
Man sage-nicht, daß viele dieser Dinge nichts 
mit Wehrpolitik zu tun hätten. Neuzeitliche 
Wehrpolitik ist mehr als ein Rechenexempel mit 
Bataillonen, Kanonen und Bombern. Wehr¬ 
politik ist gewiß nur ein Teil der Gesamtpolitik, 
aber richtig aufgefaßt, der wichtigste. Ein Volk, 
dessen jährliche Geburtenziffer in steiler Kurve 
abwärts führt, ist auch wehrpolitisch dem Unter¬ 
gang geweiht. Ein Staat, der Pazifismus und 
Landesverrat gedeihen läßt, unterhöhlt das 
Fundament der zahlenmäßig stärksten Armee. 
Millionen von Arbeitslosen können Hundert¬ 
tausende gut bewaffneter Soldaten politisch uni) 
strategisch lahmlegen. Mangelnde Vrotfreiheit 
kann die schönsten Feldzugspläne über den Hau¬ 
fen werfen. Innerer Hader und Zwist schwächt 
die Außenpolitik und läßt auch die Armee nicht 
unberührt. 
Deshalb war es die erste und dringlichste Auf¬ 
gabe der neuen Staatsführung, die Einheit des 
nationalen Denkens und Wollens herzustellen, 
das Vertrauen zur Führung und in die eigene 
Kraft zu stärken und so innenpolitisch die festen 
Grundlagen zu schaffen, ohne die der außen¬ 
politische Befreiungskampf nicht gelingen konnte. 
Deshalb mußten die Parteien und alle die Kräfte 
verschwinden, die Deutschland ins Unglück ge- 
Von Walter ^osi, Major im Reichskriegsministerium 
stürzt hatten; deshalb mußte die innere Er¬ 
neuerung von Volk und Staat Hand in Hand 
mit dem äußeren Kampf gegen Versailles und 
Genf gehen. 
So stand das erste Jahr der nationalsozia¬ 
listischen Revolution innenpolitisch im Zeichen 
der Reinigung und Kräftigung von Volk und 
Reich, außenpolitisch aber wurde es beherrscht 
von dem Kampf um Ehr-e, Gleichberechtigung 
und gleiche Sicherheit. Die Eingliederung der 
Reichswehr in den neuen Staat gelang leicht 
und reibungslos. Der Nationalsozialismus ist 
die politische Verkörperung echten Soldaten¬ 
tums. Ein unbekannter Frontsoldat des Welt¬ 
krieges ist sein Schöpfer. Soldatische Geistes¬ 
haltung wurde durch Adolf Hitler zum Grund¬ 
gesetz der Nation erhoben. Freudig folgte die 
Reichswehr seinem Ruf, feste Kameradschaft um¬ 
schloß bald den Waffenträger und den politischen 
Soldaten der NSDAP. Alles, was im inneren 
Gefüge der Armee noch an die Zeit des Zwischen¬ 
reiches von Weimar erinnerte — Vertrauens¬ 
leute und „Reservatrechte" der Länder, die 
schwarz-rot-goldene Gösch auf der Flagge und 
anderes mehr — verschwand gleichsam über 
Nacht. Frisches Leben durchpulste die Truppe, 
die sich gedanklich und organisatorisch auf den 
Tag der Freiheit vorbereitete. 
Der Verbohrtheit der hochgerüsteten „Sieger- 
mächte" und ihrem schon längst erwiesenen Wil¬ 
len, das feierlich gegebene Abrüstungsversprechen 
nicht einzulösen, war es schließlich zu ver¬ 
danken, daß dieser Tag der Freiheit früher an¬ 
brach, als das deutsche Volk erwartete. Nach 
mehr als anderthalbjähriger Dauer der Ab¬ 
rüstungskonferenz, nach unzähligen Beweisen 
deutscher Friedens- und Verständigungsbereit¬ 
schaft durchhieb der Führer den Strick, den man 
uns in Genf um den Hals legen wollte. Der 
Entschluß am 14. Oktober 1933, den Völkerbund 
und die Abrüstungskonferenz zu verlassen, 
machte dem unwürdigen Spiel ein Ende. 
Auch das Jahr 1934 war außenpolitisch noch 
erfüllt von Versuchen mehrerer Großmächte, auf 
diplomatischem Wege zu einer Rüstungsverein¬ 
barung mit Deutschland zu kommen. Alle diese 
Bemühungen aber zerschlug das schroffe fran¬ 
zösische „Nein" aus dem Munde Varthous. 
Frankreich wollte nicht abrüsten, es wollte 
kein gleiches Recht für alle, es wollte seine 
wehrpolitische Vorherrschaft über Europa nicht 
aufgeben. Deutschland mußte zur Selbsthilfe 
greifen, wenn es frei und sicher leben wollte. 
Die Reichswehr befand sich 1934 im Aufbruch. 
Sie bereitete sich auf den Uebergang zur kurz¬ 
107
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.