Full text: 64.1936 (0064)

rohr der unterdrückten Saarbevölkerung sein 
wird, ganz besonders in den Zeiten, in denen 
die Saarpresse mundtot gemacht ist. Als in 
Saarbrücken die ersten Mitglieder der vom 
Völkerbundsrat ernannten Regierungskommis¬ 
sion eintreffen, nimmt die Bevölkerung von 
ihrem Einzug kaum Notiz und die zum Empfang 
vorher besonders eingeladenen Zeitungen blei¬ 
ben den Empfangsveranstaltungen absichtlich 
fern. Kein Vertreter der Saarpresse nimmt 
daran teil. Die erste große Regierungsprokla¬ 
mation wird von der Presse unv der Bevölke¬ 
rung mit größter Vorsicht aufgenommen. Die 
Zeitungen betonen, daß die Bevölkerung an der 
Saar deutsch ist und deutsch bleiben will und 
das ihr aufgebürdete Schicksal als ein großes 
Unrecht empfindet, jedoch in der Erwartung, 
daß die Regierungskommission streng neutral 
ihres Amtes walten werde und es als ihre erste 
Aufgabe betrachte, für das Wohlergehen der ihr 
anvertrauten Bevölkerung zu sorgen, zur Mit¬ 
arbeit bereit ist. 
* 
Reichswehr in Saarbrücken 
Jubel an der Saar 
März 1920: Die Abordnungen der inter¬ 
nationalen Kommission, die die Grenze des 
Saargebietes feststellen soll, treffen in Saar¬ 
brücken ein. Die deutsche Abordnung wird von 
Oberstleutnant von Tylander geführt. Als 
er mit seiner Begleitung (Offiziere und Mann¬ 
schaften der Reichswehr) in Saarbrücken ein¬ 
trifft, geht der Ruf: „Reichswehr, deutsche 
Reichswehr in Saarbrücken!" von Mund zu 
Mund wie ein „Lauffeuer" durch die Stadt. 
Bald haben sich Tausende und aber Tausende in 
der Bahnhofstraße vor dem Hotel „Rheinischer 
Hof", in dem die deutsche Abordnung Wohnung 
genommen hat, versammelt. Seit dem 23. No¬ 
vember 1918 hat man an der Saar keine deut¬ 
schen Soldaten in Uniform mehr gesehen'Reichs¬ 
wehr in Uniform überhaupt noch nicht. In den 
nächsten Tagen kommt jung und alt aus dem 
ganzen Saargebiet nach Saarbrücken, um die 
deutschen Reichswehrsoldaten zu sehen und an 
ihrer Huldigung teilzunehmen. Immer wieder 
bringt die, namentlich in den frühen Abend¬ 
stunden, nach Zehntausenden zählende Menge 
stürmisch begeisterte Hochrufe auf Deutschland 
und die Reichswehr aus. Entblößten Hauptes 
wird das Deutschlandlied gesungen, andere 
patriotische Lieder folgen. Sobald sich Reichs¬ 
wehrsoldaten auf der Straße sehen lassen, wer¬ 
den sie auf die Schultern gehoben und unter 
Jubel und Gesang durch die Menge getragen. 
Ein wahrer Freudentaumel hat die Masie er¬ 
faßt Oberstleutnant v. Xylander wird von 
der Menge immer wieder herausgerufen und 
jubelnd begrüßt. 
Die Franzosen sind fast im wahrsten Sin 
des Wortes sprachlos ob dieser Begeisterung,, 
dieser spontanen, stürmischen, aber völlig fr« 
lichen Demonstration. So fassungslos, daß ft 
uniformierter Franzose zu sehen ist und sie ni- 
wissen, was getan werden kann. Gewaltj, 
vorgehen gegen eine fast hunderttausendköH 
friedlich demonstrierende Menge, die nichts i 
dcres will als ihrer großen, ja heiligen j 
geisterung für ihr Vaterland und ihrer Fre» 
über die Anwesenheit deutscher ReichswehrsoL 
ten Ausdruck zu verleihen, scheint ihnen H 
sichtlich nicht ratsam, zumal sie annehmen mH 
daß es bei einem gewaltsamen Vorgehen s, 
wahrscheinlich zu größerem Blutvergießen kr 
men werde und sie — wenn auch völlig uni 
rechtigt — noch damit rechnen, doch ei« 
nennenswerten Teil der Bevölkerung für Fm 
reichs Saarpläne gewinnen zu können. £ 
halten sich daher geflisientlich zurück. Die M 
kann infolgedessen fast 8 Tage lang ungestört 
Saarbrücken für ihr geliebtes Vaterland dem 
ftrieren, so lange, bis alle dagewesen sind ii 
an dem großen Erlebnis teilgenommen hab 
Erst als die Ansammlungen geringer weck 
treten die Franzosen auch mit Absperrungs- u 
Säuberungsmaßnahmen in Erscheinung, l! 
wie schließlich jede Kundgebung ein Ende find 
so flaut auch diese allmählich ab. Aber tu 
lange nachher erzählt man sich immer wies 
freudestrahlend im ganzen Saarlande davon 
Tie saarländischen Beamten 
im Kampf um ihr Recht 
August 1920: Wieder wird der Bel«: 
rungszustand über das ganze Saargebiet r> 
hängt. Die größeren Städte, besonders 9k 
brücken und Neunkirchen, aber auch das gm 
Sulzbach- und Fischbachtal glichen einem riesig 
französischen Heerlager. Alle möglichen Trupp 
— weiße, gelbe, schwarze — und die verschick 
sten Waffenarten sind vertreten. Panzeraul 
Tanks, Geschütze aller Art werden durch ! 
Straßen geführt und auf öffentlichen Plätzen u 
vor Gebäuden, auch vor Zeitungsgebäuden, ai 
gestellt. Man glaubt, es sei eine große Schle 
in Vorbereitung. 
Was ist die Ursache dieser Kriegsspielm 
Nun, die saardeutschen Beamten sind in d 
Streik getreten. Nach monatelangen Verhol 
langen über den Inhalt einer von ! 
Regierungskommission ausgearbeiteten Beaml 
Dienstordnung setzt die Regierungskommiß 
plötzlich ein neues Veamtenstatut in Kraft, ok 
die von den Beamten beanstandeten wesi 
lichen Verschlechterungen gegenüber der bis 
geltenden deutschen Dienstordnung aus ihm l 
auszunehmen. Die Beamten antworteten mit! 
Verkündigung der Streiks. Ein solcher Streik 
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