Volltext: 64.1936 (0064)

wissenschaftliche Welt. Sie wurde eingeladen, 
innerhalb kurzer Zeit die Leitung einer großen 
chirurgischen Frauenklinik zu übernehmen sowie 
beim nächsten medizinischen Kongreß einen Vor¬ 
trag zu halten. Der Name Dr. Margot Heiderich 
war über Nacht berühmt geworden. 
Die Besserung im Befinden des Patienten 
machte Fortschritte. Am dritten Tage nach der 
Operation trat die Aerztin an sein Bett. Sie 
hatte inzwischen in Erfahrung gebracht, daß der 
Mann der Ingenieur Wolfgang Tester war, der 
erst vor einigen Wochen vom Ausland in die 
Heimat zurückgekehrt sein sollte. 
„Wie geht es, Herr Ingenieur?" erkundigte 
sich fetzt Dr. Heiderich. 
„Danke, Fräulein", antwortete der Mann, 
„darf ich fragen, wer Sie sind?" 
„Ich habe Sie operiert", sagte die Aerztin, 
und fühlte zu ihrem Aerger brennende Röte auf¬ 
steigen. 
„Sie — —?" Der Ingenieur versuchte, sich mit 
einem Ruck aufzurichten, fiel aber sogleich wie¬ 
der mit einem Stöhnen in die Kissen zurück. 
Mit welchem Recht?" 
„Mit welchem Recht? Mit welchem Recht?" 
wiederholte sich die Aerztin, als sie über den 
langen Gang nach ihrem Zimmer schritt. 
Die Gegenfrage stellte sie dem Ingenieur erst 
vier Wochen später, da sie in elegantem Straßen- 
kostllm im Salon einer Pension ihrem Patienten 
gegenübersaß. Sie war unter dem Vorwand ge¬ 
kommen, sich nach seinem Befinden zu erkundigen. 
„Mit welchem Recht wollten Sie damals Ihr 
Leben von sich werfen?" 
„Mit dem Recht meines freien Willens, da es 
mir nicht mehr wert schien, weiterzuleben. 
Daran hat sich auch jetzt nicht viel geändert. 
Vielleicht war es mein Lebenszweck, Ihnen als 
Brücke zum Ruhm zu dienen", meinte bitter der 
Ingenieur. Dann, einer plötzlichen Stimmung 
gehorchend, erzählte er ihr seine Geschichte. Als 
junger Mann hatte er ein Mädchen kennenge¬ 
lernt, das die große Liebe seines Lebens wurde. 
Da sein Einkommen damals kaum für ihn selbst 
reichte, verweigerten die Eltern des Mädchens 
die Zustimmung zur Heirat. Die beiden jungen 
Leute schworen sich aber die Treue, und der In¬ 
genieur nahm eine Stelle in den Tropen an, die 
ihm eine aussichtsreiche Zukunft versprach. 
Als es endlich soweit war, wollte er seine 
Braut zu sich kommen lassen, doch schob diese die 
Reise von Jahr zu Jahr hinaus. Endlich begab 
sich der Ingenieur, einer plötzlichen Eingebung 
folgend, nach Europa. Erst in der Heimat erfuhr 
er, daß seine Braut schon vor drei Jahren ge¬ 
heiratet hatte. Sie hatte ihm immer noch ge¬ 
schrieben, weil sie zu feig' war, den Wortbruch 
einzugestehen. „Es gibt einen Schmerz", schloß 
der Ingenieur, „vor dem man nur in den Tod 
flüchten kann. Darum griff ich zum Revolver." 
Er hatte beim Fenster gestanden, während er 
sprach. Als er sich nun umwandte, erschrak er. 
denn er sah, daß die schönen Augen der Aerztin 
tränenfeucht geworden waren. 
Wochen vergingen. Die Aerztin hatte sich in 
die Arbeit gestürzt, um über ihrem Beruf das 
leise Weh im Herzen zu vergessen. Eines Tages 
wurde ihr der Ingenieur gemeldet. Er kam, um 
Abschied zu nehmen. Auf ihr „wohin?" deutete 
er mit einer hilflosen Geste nach dem Süden. Er 
.meinte damit in die Tropen zurück. Eine zeit¬ 
lang sprachen sie aneinander vorbei, dann ver¬ 
abschiedete sich der Ingenieur und wandte sich 
zum Gehen. In der Tür aber drehte er sich rasch 
noch einmal um und küßte der Aerztin beide 
Hände. Dann war er fort. Langsam erstarrte 
das gezwungene Lächeln um den Mund der 
schönen Frau. und nun geschah etwas Sonder¬ 
bares. Dr. Margot Heiderich. die künftige Lei¬ 
terin der berühmten Klinik, warf sich über den 
Tisch und schluchzte hilflos wie ein Kind. Auf 
einmal spürte sie eine Hand auf der Schulter und 
vernahm wie aus weiter Ferne die Worte: 
„Wenn du mein armes Herz willst, Liebes, es 
gehört ja dir. Nimm auch mich dazu." 
Es sprach der Ingenieur Wolfgang Tester, der 
zurückgekehrt war, um seine vergessenen Hand¬ 
schuhe zu holen. 
Des Kindes -Opfer 
Eine Geschichte vorn Schacht von Dörte Friedrich 
ls sie in den Schacht einfuhren, sagte Nik¬ 
kei zu seinem Steiger: „Bäbchen hat eine 
neue Uhr, ich versteh' mich so ein bißchen 
auf Mechanik und habe sie ihr selbst aus altem 
Material gemacht. 
Zum Gehäuse habe ich eine alte Nickelfassung 
genommen, die noch von der Urgroßmutter 
stammt und zu nichts mehr nutze war. Hättest 
einmal sehen sollen, wie das kleine Ding sich 
gefreut hat, immer hat es die Uhr an das Ohr 
gehalten und gelauscht, ob sie noch tickt, und 
dann war die Freude groß, für das Kind ist es 
die ganze Seligkeit." 
Der Steiger hatte aufmerksam zugehört. Jetzt 
ging ein breites Lächeln über seine markigen 
Züge. Er kannte Nickel sehr gut. Als junger
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.