Full text: 64.1936 (0064)

„Wie hat er denn geheißen, Ihr Toter?" 
fragt er. 
„Josef Schmidbauer!" 
Arthur greift in die Brusttasche und reicht 
der Frau ein kleines Bildchen. Sie weint aus: 
„Wie kommen Sie zu diesem Bilde? Es ist mein 
Bild, das ich Sepp mit ins Feld gegeben habe." 
Da legt Bogner seine Hände auf das weiße 
Haar des Mädchens. „Lange habe ich dich ge¬ 
sucht," sagt er leise, „lange, denn ich schulde dir 
viel: das ganze Leben deines Liebsten, das dir 
gehörte und das er mir schenkte in treuester 
Kameradschaft." 
Hand in Hand treten die beiden vor die 
Steine, die die Namen ihrer Toten tragen. 
Da ist es ihnen plötzlich, als teilten sich die 
Schleier der Nebel. Die Steine vor ihnen ver¬ 
sinken, der dumpfe Ton von Trommeln erklingt 
aus der Ferne: strahlendes Sonnenlicht huscht 
über Stahlhelme und feldgraue Uniformen. In 
endlosen Reihen ziehen sie vorüber die kraft¬ 
vollen Gestalten überschüttet von einem Regen 
duftender Blumen: aus tausenden von Kehlen 
erklingt ein bekanntes Lied: 
„Die Vöglein im Walde, die sangen so 
wunder-wunderschön, 
2n der Heimat, in der Heimat, da 
gibt's ein Wiedersehn!" 
„Hörst du ihren Gruß?" fragt die Frau. Sie 
grüßen uns aus unserer wirklichen Heimat, aus 
der Heimat der Seelen, in die sie uns voraus¬ 
gegangen sind und in der wir sie wiederfinden 
werden!" 
Und dann lodert es auf um die beiden: ge¬ 
waltige Flammen, die sich zu einem leuchtenden 
Wunder verbinden. Opferfeuer sind es! Die 
Opferfeuer der Toten, die ihr Höchstes gaben für 
die Lebenden; und die Opferfeuer der Lebenden, 
die Sehnen und Entsagung schleppen, im An¬ 
denken an die Toten. 
Weg ins neue Leben 
(^^räulein Dr. Margot Heiderich, zweite 
iV Assistentin der Chirurgischen Klinik, wurde 
( / um zwei Uhr früh durch ein Klingeln aus 
dem leichten Schlaf geweckt. Mechanisch griff sie 
nach dem Hörer des Telefons am Tischchen neben 
dem Diwan. Gleich darauf war sie auf den 
Beinen, denn von der Aufnahmekanzlei des 
Krankenhauses hatte man gemeldet, daß soeben 
ein schwerer Fall eingeliefert worden sei. Rasch 
strich sich die Aerztin vor dem Spiegel durch das 
Haar, fuhr in den weißen Mantel und verließ 
leichtfüßig das Dienstzimmer. Als sie den Opera¬ 
tionssaal betrat, waren schon Krankenschwestern 
damit beschäftigt, den Notverband von der Brust 
eines bewußtlosen Mannes zu lösen. „Herzschuß", 
sagte die Oberschwester zur Aerztin, „ein Selbst¬ 
mörder." Dr. Heiderich trat an den Operations¬ 
stuhl heran und untersuchte den Patienten. Die 
Kugel war durch die linke Brustseite gegangen 
und zwischen den Schultern wieder ausgetreten; 
dabei mußte sie das Herz durchbohrt haben. Der 
Puls war kaum mehr wahrnehmbar, der Patient 
lag im Sterben. Die Aerztin trat zurück und 
überlegte einen Augenblick lang. Bevor man den 
Chefarzt verständigte und dieser aus seiner 
Wohnung hier eintraf, würde der Patient tot 
sein. Wenn sie einen Versuch wagen würde? 
Gelang er, dann könnte der Mann gerettet sein, 
und sie hatte sich einen Namen gemacht. Starb 
er ihr aber unter den Händen, trug sie die Ver¬ 
antwortung. Eine Sekunde lang zögerte sie, dann 
wandte sie sich mit energischem Ruck den Schwe¬ 
in 
Von R. Z. Urbanetz 
stern zu: „Herzoperation?" Betroffen sahen sich 
die Frauen an, begannen aber sogleich mit ziel¬ 
bewußter Hast die Vorbereitungen zu treffen. 
Nachdem sich die Aerztin bereitgemacht hatte, 
blieb ihr noch eine Minute Zeit. Ihr beruflicher 
Ehrgeiz, eine große Tat zu vollbringen, und das 
bevorstehende Wagnis versetzten sie in fieber¬ 
hafte Erregung. Den Verletzten hatte sie mit 
ernster Sachlichkeit bisher nur als „Fall" be¬ 
trachtet. Nun erst erwachte in ihr das rein 
menschliche Interesse, da ihr Blick aus des 
Mannes Antlitz fiel, das schon von den Schatten 
des Todes gezeichnet war. Ein seltenes, klassisch 
scharf geschnittenes Gesicht. Wer war er, woher 
kam er. und welches Schicksal hatte ihn ihr zu¬ 
geführt, damit es durch sie entschieden werde? 
Zum ersten Mal, seitdem sie ihren ernsten Beruf 
ausübte, beschlich sie ein banges Gefühl Die 
Meldung der Operationsschwester, daß man be¬ 
reit sei, rief sie in die Wirklichkeit zurück. Die 
junge Aerztin wusch sich noch einmal die Hände, 
band ein weißes Tuch vor den Mund und trat 
an den Operationstisch. Schweigend begann sie 
ihr schweres Werk. Man hörte nur das leise 
Klirren der Instrumente und das Summen der 
Bogenlampe an der Decke. 
„Ich gratuliere, Frau Doktor", sagte am näch¬ 
sten Tag der Chef zu seiner Assistentin, „der 
Mann ist gerettet. Sie haben Karriere vor sich." 
So war es auch. Die Nachricht von der gelunge¬ 
nen Herzoperation der jungen Aerztin erregte 
Aufsehen und machte bald die Runde durch die 
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