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Bis in die graue Borzeit reicht die Übung 
mancher Völker, bestimmte Abschnitte im Jah¬ 
resablauf zu feiern. Zn der Regel fanden diese 
Feiern zu Ehren der lebenspendenden Sonne 
statt, bei denen, in Darbringung von Opfern 
und feierlichen Zeremonien versucht wurde, den 
Sonnengott günstig zu stimmen. 
Einzelne dieser heidnischen Gebräuche haben 
sich, trotz beinahe zweitausendjähriger christ¬ 
licher Kultur, bis in unsere Tage erhalten. 
Das noch in vielen Gegenden Mitteleuropas 
übliche Sonnwendfeuer ist ja nichts anderes, 
als die in die christliche Zeit hinübergerettete 
Sitte, dem Sonnengott Tribut zu zollen. 
Eine Abart dieses Sonnenkults ist in beinahe 
reiner Form in dem „Scheibenschlagen" (jeweils 
der erste Sonntag nach Fastnacht) im ale- 
manischen Oberbaden auch heute noch Brauch. 
Drei Tage vor dem „Scheibenschlagen" ziehen 
die noch schulpflichtigen Jungen mit großen 
Wagen durch die Straßen und unter lauten 
Rufen „Schibeholz, Schibeholz" betteln sie, von 
Haus zu Haus, um brennbares Holz, alte Fässer, 
unbrauchbare Gegenstände aus Holz. 
Am Samstag vor dem Fest des Scheiben¬ 
schlagens wird nun dieses so gesammelte Brenn¬ 
material auf Wiesen vor dem Orte zu großen 
etwa 2 bis 3 Meter hohen Stößen geschichtet 
und mit leicht brennbaren Ölen oder Fetten 
übergössen. Vor den Holzstößen, die in Ab¬ 
ständen von 10 bis 12 Meter voneinander ge¬ 
trennt sind, werden dann glatt gehobelte Tan- 
nenbretter in der Breite von 60 Zentimeter 
derart befestigt, daß das eine Ende am Boden 
festgerammt wird und das andere Ende auf 
etwa 1 —1,20 Meter hohen Holzpfählen ruht. 
Am Festtag, bei Einbruch der Dunkelheit, 
versammelt sich alles was laufen kann, groß 
und klein, reich und arm, auf der Wiese, be¬ 
waffnet mit 1,50 — 2,50 Meter langen Hassel¬ 
nußstecken und mit in der Mitte durchlochten 
runden Scheiben aus gut getrocknetem Buchen¬ 
holz. Diese Scheiben werden nun, jeweils in 
einem Stück, am dünnen Ende des Steckens 
befestigt und in den brennenden Holzstoß ge¬ 
halten. Glüht die Scheibe, d. h. nur der Rand 
derselben, dann läuft der Träger unter dem 
Abfingen von „Schibi — Schibo, wem soll die 
Schibe go,a) so goht fi nit, so fahrt si nit, het>>) 
si kaie) Loch no-t) stinkt si nit; die Schibe soll 
mineree) LiabschtiO goh". Dabei schwingt der 
Sänger oder Sängerin die Gerte mit der glühen¬ 
den Scheibe in weitem Bogen über sich und läuft 
zu einer der hergerichteten Bänke,zielt und schlägt 
die Scheibe auf der schiefen Bank vom Stocke los, 
so daß sie weit in die Höhe über die Wiese fliegt. 
Hat der Scheibenschläger Glück, dann saußt seine 
Scheibe weit ins Land hinein. In diesem Falle 
soll der vorhin gesungene Wunsch in Erfüllung 
gehen. Ist aber der Schläger linkisch, ungewandt 
und die brennende Scheibe löst sich nicht vom 
Stock, oder fällt unter die Scheibenbank, dann 
war sein Wunsch vergebens. 
Man sieht also hier noch deutlich, wie der 
Aberglaube, daß das Glück durch Opfer irgend¬ 
welcher Art gewonnen werden kann, sich noch 
heute in manchem Brauchtum erhalten hat. 
Fantastisch mutet das Scheibenschlagen den 
Zuschauer an, wenn neben vielen, brennenden 
Holzstößen in dunkler Nacht hunderte und aber- 
hunderte feuriger Scheiben weit am Himmel 
leuchtend, davonjagen. Ein Gedicht, das dieses 
Fest in alemanischer Mundart besingt, soll diese 
kurze Darstellung ergänzen und beschließen. 
a) gehen, b) hat, c) kein, d) dann, e) meiner, f) Liebsten. 
Des Schibeschlage! *) 
Des Schibeschlage isch bi uns ä Bruch 2) vun 
altershär, 
Un jedes Johr, do gang i halt zum Hus 3) der 
Fierwehr.4) 
Dert b) enne 6) uf der lange Matt, sin d'Schibe 
un die Bänk, 
Un jedes Johr i kriag's7) nie satt, fliegt d'Schibe 
wi ni lenk! 
I Han e Schibe für dich g'scylage, 
Du wirsch mer s'Kiachli 8) nu versage; 
So Han i gsait9) als kleiner Bua, 
Un Kiachli hets no gä 10) un gttua.11 *) 
Doch Hit, Hit sin mer groß hejo, 
Hit mi mer^b) s'Kiachli jingri lo ") 
Un s'tuat mer weh, wenn i dra denk, 
Daß nimmi git e Schibeg'schenk. 
Und doch du könntsch mers gä fürwahr 
Sisch gar nit düer 15) un nit rar, 
En einzger Schmutz lß) vun bittere Sit17) 
Isch mir meh 18) wert, als all der Kitt. 
i) Scheibenschlagen, 2) Brauch, 3) Haus, 4) Feuerwehr, 
5) dort, 0) drüben, 7) bekomme, 8) Kuchen, gesagt, 10) gegeben, 
ii) genug, i2) heule, i») müssen wir. '■*) lassen, ,s) teuer, 
>«) Kuß, ii) Seite, ") mehr.
	        

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