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Entdeckung des Radiums, sowie zur Erkennung einer 
ganzen Elementen-Familie, die alle dieselbe Eigen¬ 
schaft besaßen, Strahlungen von sich zu geben. Man 
nannte sie radioaktive Elemente, und die erwähnte 
Eigenschaft bezeichnete man als „Radioaktivität". 
Das bekannteste dieser radioaktiven Elemente ist 
das R a d i u m. 
Die Herstellung des Radiums war damals mit 
außerordentlichen Schwierigkeiten verbunden, zumal 
das Element sehr selten war, sehr verdünnt und auch 
seine chemischen Eigenschaften nicht bekannt waren. 
Um seine Salze zu reinigen, zu isolieren, machte 
man gerade von seiner Radioaktivität Gebrauch. 
Heute ist die Gewinnung leichter, und man kann von 
einer wahren Radium-Industrie sprechen. 
Der Ausgangsrohstoff für das Radium ist die 
„P e ch b l e n d e". Bis in die letzten Jahren kannte 
man nur das Pechblendenlager von Johannishof in 
Böhmen. Aber dieses Erz war recht arm an Radium 
und enthielt durchschnittlich nur 2 bis 5 tausendstel 
Gramm Radium pro Tonne. Zur Gewinnung von 
einem Gramm Radium mußte man an die 800 
Tonnen Pechblende behandeln, und zwar mit 300 
Tonnen Chemikalien und über 15 000 Liter Flüssig¬ 
keit. 
Seit einigen Jahren hat man nun im belgischen 
Kongo Pechblende entdeckt, die Radiumgehalt bis zu 
50 tausendstel Gramm pro Tonne Erz enthält. Man 
bearbeitet die Pechblende in Mengen von ca. 30 
Tonnen. Der chemische Vorgang ist sehr kompliziert 
und kann im Rahmen dieser Niederschrift nicht be¬ 
handelt werden. (Wer aber dafür besonderes In¬ 
teresse hat, findet Näberes in dem Buch: „Bearbei¬ 
tung der Pechblende^ von Haitinger und Ulrich.) 
Für die Behandlung solch großer Massen bedarf man 
spezieller Vorrichtungen, die tagelanges Kochen 
mancher Substanzen ermöglichen, oder das Filtrieren 
in einem Trichter, der über zwei Zentner Stoffe 
aufnehmen kann. Rach sechswöchentlicher Be¬ 
handlung der Pechblende hat man von den 30 Ton¬ 
nen Erz noch einen Rückstand von ungefähr 60 Kilo, 
der hauptsächlich Vleichlorid enthält. Und dieses 
Bleichlorid birgt nun in sich das kostbare Radium. 
Nach weiteren, mehrfachen chemischen Verfahren 
bleiben endlich nur noch zwei Kilogramm übrig, 
die jetzt einen verhältnismäßig hohen Radium-Ee- 
halt haben. Die Weiterbearbeitung geht dann im 
Laboratorium vor sich. Man wartet dort die voll¬ 
ständige Isolierung ab, bis man zwei bis drei 
Gramm Radiumsalze beisammen hat. Die Unkosten 
des ganzen Herstellungsverfahrens sind enorm. Ein 
Gramm Radium in Form von Radiumbromid stellt 
sich auf eine Million Zweihunderttausend Franken. 
Die gesamte Jahresproduktion ist heute ca. 10 
Gramm. 
Das reine Radium verhält sich chemisch sehr ähn¬ 
lich wie Baryum und Calcium. Es zersetzt das 
Wasser und bildet dann eine basische Verbindung, 
die man chemisch mit Kalk vergleichen kann. Reines 
Radium ist schwer aufzubewahren, da es sehr schnell 
chemische Bindungen eingeht; man stellt es in Form 
seiner stabileren Salze her. Das ist kein Nachteil, 
da die Radioaktivität unabhängig von dem Ver- 
bindungszustand des Radiums ist. 
Die Haupteigenart des Radiums besteht in der 
Aussendung von Strahlen, ganz besonderer Eigen- 
Profeflor Pierre Lurle. (Pholo Dnjardw.) 
schäften. Gewöhnliches Wasser wird durch dieselben 
in Wasserstoffsuperoxyd verwandelt, Sauerstoff in 
Ozon, der weiße Phosphor in roten verwandelt, der 
Schmelzpunkt des Schwefels wird verschoben usw. 
Man stellt ferner Farbenerscheinungen bei zahl¬ 
reichen Substanzen fest, wenn sie von Radiumstrahlen 
getroffen werden. So haben Pierre und Madame 
Curie festgestellt, daß Glas sich in braun, violett, 
elb oder blau färbt (die Verschiedenheit der Far- 
en scheint mit der Reinheit des Glases zusammen¬ 
zuhängen). Quartz wird gelb, verschiedene Edel¬ 
steine verfärben sich ebenfalls z. V. Ametyst färbt 
sich violett, blaue Saphire werden gelb oder braun. 
Die Erklärung dieser Farbenerscheinungen sind noch 
nicht sicher und sehr kompliziert. 
Die Radiumstrahlen durchdringen auch eine ganze 
Reihe Substanzen, welche für gewöhnliches Licht 
undurchlässig sind, so z. B. eine Aluminiumplatte. 
Natürlich werden dadurch die Strahlen geschwächt; 
sie verlieren auch an Aktivität, wenn sie einen 
solchen Schirm durchdringen, ebensogut wie ge¬ 
wöhnliches Licht an Intensität abnimmt, wenn es 
mehrfach Glasscheiben durchdringt. Die Metalle sind 
ungleich durchlässig für die Radiumstrahlen. So 
werden sie durch ein paar Zentimeter dicke Blei¬ 
platten vollständig angehalten. Man macht von 
dieser Eigenschaft Gebrauch, indem man die Strahlen 
durch entsprechende Metallsilter filtriert, der z. B. 
durch 1/2 bis 1 Millimeter starkes Platin gebildet 
werden kann. 
Aber die bekannteste Eigenschaft der Radium- 
strahlen ist die Einwirkung auf die lebende
	        

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