Full text: 60.1932 (0060)

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Das „Pfiff er5 üs“ in Nappoltsiveilcr. 
Bietzgertor und Brunnen in Rappoltsweiier. 
gleichzeitig bedeutend wegen seiner Mühlen und 
Spinnereien. 
Aber über die Gegenwart soll man doch nicht 
das Altertum vergessen, das gar deutlich in die 
Gegenwart hineingrützt: nicht nur mit den Burgen, 
mit schönen alten Toren und Brunnen, mit inter¬ 
essanten Häusern und Kirchen, sondern auch mit 
einem einzigartigen Volksfest, dem „Pfifferdaj". — 
Die Grafen von Rappoltstein waren nämlich seit 
dem frühen Mittelalter besondere Gönner der 
„fahrenden Leute", und Minnesänger und 
später die herumziehenden Spielleute fanden hier 
immer gastliche Aufnahme. Im XV. Jahrhundert 
schlossen sich die nicht seßhaften Leute im Elsaß nun 
zu einer Genossenschaft zusammen, deren Patronat 
Herr Schmatzmann v. Rappoltstein gern übernahm. 
Der deutsche Kaiser Friedrich III. bestätigte ihn 
darin, und so waren denn die Geiger und Pfeifer 
im Elsaß eine anerkannte Zunft mit Siegel und 
Brief; sie hatten das Monopol für alle Festlich¬ 
keiten und die Herren von Rappoltstein hießen jetzt 
die „Könige im Pfeiferkönigreich im 
oberen und unteren Elsaß." — In Rap¬ 
poltsweiler war das Pfeifergericht, und hier sam¬ 
melte sich alljährlich die Bruderschaft zum „Pfeifer¬ 
tag" am Sonntag nach Mariä Geburt in der Zunft¬ 
herberge „zur Sonne", die heute noch als „Pfiffer- 
hüs" besteht. Im feierlichen Zuge, das Zunftbanner 
voran, der von der Rappoltsteiner Herrschaft er¬ 
nannte Pfeiferkönig mit vergoldeter Krone, der 
Herold und die Schöffen des Gerichts, sodann je 
zwei und zwei die Spielleute, so ging der Zug 
zur Muttergottes von Kloster Dusenbach, die 
Schutzpatronin der Zunft war, und deren Bild das 
Zunftsiegel zeigte. — Rach der großen Messe, zu 
der jeder auf seinem Instrumente spielte, ging der 
Zug dann zum Schloß, um der „Herrschaft im 
Königreich" zu huldigen, worauf der Pfeifertag im 
Zunfthause mit fröhlichem Tanze Mahl und Trank 
schloß. 
Dies „Königreich der Pfeifer" mit seiner ge¬ 
nauen, in 26 Paragraphen aufgezeichneten Satzung, 
bestand bis zur großen Revolution, überlebte also 
das Aussterben der Herrschaft. Die Stadt bewahrt 
noch viele Erinnerungen: Pokale, Panzer und 
Waffen. Auch steht am alten Markt vor dem 
Lamm noch der Laufbrunnen von 1316, dessen vier 
Wassergießer einen Ritter, einen Knappen mit 
Eselsohren, einen Löwen mit Mönchskopf und einen 
Schalksnarren mit Schellenkappe zeigen. (Nach 
August Becker, 1878.) 
Der „Pfifferdaj" wird aber auch heute wieder 
alljährlich gefeiert, und von nah und fern kommen 
die Besucher dazu. Möge auch mancher Leser des 
Bergmannskalenders nächstens einmal dabei sein! 
Es wird ihn sicher nicht gereuen!
	        
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