Full text: 60.1932 (0060)

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Aber kommen wir nach dieser Abschweifung wieder 
auf das eigentliche Thema zurück. — Zwar bestand 
die „Römerbrücke" am Halberg noch, wie wir ein¬ 
gangs erwähnten, bis zum 13. Jahrhundert. Als 
aber die Grafen ihren Sitz nach der neuen Burg 
verlegt hatten, als sich dort in deren Schutz eine 
neue Ansiedlung gebildet hatte, und als weiterhin 
diese ebenso wie die gegenüberliegende Ortschaft 
St. Johann durch die Gnade der Herrschaft Stadt¬ 
rechte erhalten hatte, als weiterhin eben durch 
diesen Enadenakt der Herrschaft die Beziehungen 
zwischen den beiden „Städten" engere geworden 
waren, da hatte eigentlich niemand mehr ein Jn- 
teresie an der alten Brücke. Bedeutete doch deren 
Benutzung jedesmal einen großen Umweg. Und 
die Grafen selbst hatten am allerwenigsten ein Jn- 
teresie daran, da die Verpachtung des zwischen ihren 
beiden Städten eingerichteten Fährbetriebs doch 
für sie eine Einnahmequelle bedeutete! — So ließ 
man die alte Brücke denn auch ruhig verfallen, 
ohne daß jemand nun an einen Ersatz für sie ge¬ 
dacht hätte! Dazu bedurfte es erst eines äußeren 
Anstoßes und eines stärkeren Willens, als ihn 
Grafen und Bürger bei der doch immerhin nur ge¬ 
ringfügiger Bedeutung des nachbarlichen Verkehrs 
hätten aufbringen können. Und dieser Wille war 
der des mächtigsten Mannes der damaligen Welt, 
des Herrschers, in desien Land die Sonne nicht 
unterging, Karl V., der Kaiser des heiligen römi- 
en Reiches deutscher Nation. Denn der hatte im 
ärz 1546 mit seinen Truppen das gleiche erfahren 
müssen, wie zahlreiche Kaufleute, die auf ihrem 
Weg zwischen Metz und den Rheinstädten und weiter 
zwischen den Niederlanden und Italien hier die 
Saar überschreiten mußten: daß nämlich bei Hoch¬ 
wasser die vorhandenen beiden Fähren nicht be¬ 
trieben werden konnten, und sie mit dem Warten 
an der Saar kostbare Tage verloren. — Was nun 
den Saarbrückern, des kaufmännischen Transitver¬ 
kehrs wegen zu schaffen, niemals eingefallen wäre, 
das mußten sie jetzt auf des Kaisers Willen hin 
tun: eine Brücke bauen. 
So entstand als das Werk eines Metzer Archi¬ 
tekten die alte Brücke, die nach ihrer Erbau¬ 
ung die Bewunderung der Zeitgenossen hatte. 550 
Fuß lang überbrückte sie das Saartal auf 14 Bogen. 
24 Fuß war sie breit und ihre Höhe über dem mitt¬ 
leren Wasserstand betrug 31 Fuß. Die Bau- 
schwierigkeiten, namentlich bei Gründung der 
Pfeiler, waren groß gewesen) letztere allein hatte 
die ganze ursprünglich ausgeworfene Bausumme 
verschlungen. Die Gesamtkosten beliefen sich denn 
auch auf die für die damalige Zeit ungeheure 
Summe von 20.200 fl., so daß Graf Philipp II. zu 
ihrer Deckung u. a. vom Kaiser die Genehmigung 
zur Erhöhung der Zollgebühren nachsuchen mußte. 
Auch wißen wir aus einer Beschwerde des Stifts 
St. Arnual, daß dieses sich, (allerdings erfolglos), 
wegen Heranziehung zu den für den Brückenbau 
ausgeschriebenen Sondersteuer beschwerte. 
Bis zum 19. Jahrhundert erhob sich an den beiden 
Ausgängen der Brücke je ein Tor, das einen Teil 
der Stadtbefestigung bildete. Ferner war auf 
dem 8. Pfeiler (von dem St. Johanner Tor aus 
gezählt) ein kleines Häuschen für den Brückenzoll- 
Erheber und daneben ein zierliches Portal, das mit 
den Wappen des Grafen und des Geschlechts der 
Gräfin (Leiningen) geschmückt war. über dem 
Bogen des Portals laß man auf der St. Johanner 
Seite: „SUB CAROLO V. ROM. IMP. S. A. T. 
FERD. R. FR. SUO“ *), während zur Linken und 
Rechten der Wappen man folgenden Reim lesen 
konnte: 
„Als man zählt MDXXXXVI Jahr, 
Merk auf, so sag ich Euch fürwahr, 
Ward angefangen zu bauen an dieser Brucken 
Vom Wohlgebornen Philippsen zu Nassau Saar¬ 
brücken 
Moers und Saarwerden, Herr zu Lahr, 
Als er alt war XXXVIII Jahr 
Im XXXXVIII der mindern Zahl **) geendt, 
Als er sich XXXX Jahr alt nennt." 
Im Februar 1784 trat nach einem überaus stren¬ 
gen Winter, ein sehr starkes Hochwasser auf, das 
der Brücke verhängnisvoll werden sollte: der neun 
Meter über seinen normalen Stand gestiegene 
Fluß riß die sechs mittleren Pfeiler samt dem 
Brückenhäuschen fort. Glücklicherweise geschah dies 
des Nachts, so daß Menschenleben nicht zu beklagen 
waren. — Von 1785 auf 86 wurde die Brücke wieder 
hergestellt, jedoch das Vrückenhäuschen wurde nicht 
mehr aufgebaut. 
1814, bei dem Rückzug der französischen Truppen 
wurden von der kleinen Saarbrücker Besatzung 
3 Bogen der Brücke vor der heranrückenden Blücher- 
schen Armee gesprengt, so daß diese bei Saaralben 
und bei Veckingen den Fluß überschreiten mußte. 
— Im Jahre 1815 schon erfolgte die Wiederher¬ 
stellung. 
Von den ursprünglichen 14 Bogen der Brücke 
stehen heute noch 12' zwei auf der St. Johanner 
Seite wurden beim Ausbau der Rampenstraße zu¬ 
geschüttet. — Aus der letzten Geschichte der Brücke 
ist noch zu erwähnen, daß auch sie und ihre Um¬ 
gebung dem Verkehr mancherlei Zugeständnisse 
machen mußte, angefangen von dem Fallen des 
an ihrem Saarbrücker Ausgang gelegenen ehemals 
Günderodeschen Hauses (wo Goethe 1770 weilte) 
und der entsprechenden Freilage der „Schloßfrei¬ 
heit", um dem über sie geleiteten, inzwischen aber 
wieder eingestellten Straßenbahnverkehr Platz zu 
schaffen, bis zu der Erneuerung ihres Oberbaues 
und den Plänen zu ihrer Verbreiterung im letzten 
Jahre. Letztere dürfte allerdings ein frommer 
Wunsch bleiben, hatte sich doch schon bei der Ver¬ 
breiterung des mittleren Brückenpfeilers zur Auf¬ 
nahme des Kaiserdenkmals erneut die Schwierig¬ 
keit der Gründung ergeben, während andererseits 
die vorhandenen Fundamente für eine Verbreite¬ 
rung zu schwach sein dürften. 
Lange, wie gesagt, hat es gedauert, ehe noch 
weitere Brücken die Saar überspannten. Als erste 
kam (1851/52) die Eisenbahnbrücke am 
Deutschmühlenweiher hinzu, die aber eigentlich nicht 
als eine Konkurrentin der alten Brücke angesehen 
werden konnte. Diente sie doch nicht der Verbin¬ 
dung zwischen den beiden Städten, deren Weichbild 
damals noch gar nicht bis in diese Gegend reichte, 
sondern war nur ein Teilstück des Abschnittes 
Saarbrücken-Stieringen, und nachher ein Glied in 
*) 3u deutsch: Unter Karl V, römischer Kaiser, immer Augustus, und 
unter seinem Bruder, dem Könige Zerdinand (erbaut). 
**) Mit „minderer (Zahl" bezeichnete man in den damaligen Urkunden die 
Jahreszahlen nach den Hunderten.
	        

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