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barabaum" mit Zuckerwerk und „Leckerle" ge¬ 
schmückt, den Kindern zur Freude. — Auf diese Sitte 
der „Barbarazweige" bezieht sich das hübsche Iung- 
mädchenlied Martin Greifs: 
Am Barbaratage holt' ich 
Drei Zweiglein vom Kirschenbaum, 
Die setzt ich in eine Schale: 
Drei Wünsche sprach ich im Traum. 
Der erste, daß einer mich werbe, 
Der zweite, daß er noch jung, 
Der dritte, daß er auch habe 
Des Geldes wohl genung. 
Weihnachten vor der Metten 
Zwei Stöcklein blühten zur Frist: 
Ich weiß einen armen Gesellen, 
Den nahm' ich, wie er ist. 
Außer der hl. Barbara werden auch noch andere 
Heiligen als bergmännische Schutzpatrone verehrt. 
Als die Schutzheilige aller Stande zunächst na¬ 
türlich die allerseligste Jungfrau M a r i a ; sodann 
die hl. Mutter Anna, die besonders im Erzberg¬ 
bau als Patronin der Bergleute verehrt wird, wie 
man aus den vielen St. Annen-Kirchen und Ka¬ 
pellen, und auch aus Städtenamen, wie Annaburg 
usw. entnehmen kann. — Für die Bergleute in 
Böhmen ist der St. Annentag ein Feiertag; auch 
in Österreich ist die Feier weit verbreitet und im 
sächsischen Erzbergbau wurde schon im Mittelalter 
der Tag mit besonderer Feierlichkeit begangen. Im 
Mittelalter wurde auch eine besondere Münze mit 
dem Bilde der Heiligen, der „Annapfennig" dort 
geprägt. 
Endlich kommen als Schutzpatrone der Bergleute 
noch in Frage der hl. Antonio v. Padua, der 
besonders in Westfalen geehrt wird — in Brilon 
z. B. wird sein Gedenktag, der 13. Juni, mit einem 
besonderen feierlichen Kirchgang der Knappen be¬ 
gangen — sowie der Erzengel Raphael. 
So ist die Verehrung der Schutzpatrone bei den 
Bergknappen eine wahrhaft schone Sitte, wohl 
wert, daß sie auch in unserer schnellebigen Zeit sich 
erhalte. Ist der gemeinsame Kirchgang und alles, 
was sonst noch zu der Feier gehört, doch so recht 
dazu angetan, auch das innige Bewußtsein kamerad¬ 
schaftlicher Zusammengehörigkeit zu fördern. 
Sehnt dein armes, müdes Herz hienieden 
Gram- und schmerzbeladen sich nach Frieden, — 
Auf der Erde wird er nicht gewährt. 
Aufwärts mußt du deine Blicke lenken, 
Oder sie hinab zur Tiefe senken, 
Wo der Bergmann seine Schicht verfährt. 
Glück auf! Glück auf! 
vI»»»IIIMIIIII»ttttI»»IIM»»»IU»I»»»IIII»»IlII»IN»»>»M»II»I»»III«ttIIIIIIIIttI»M»I»ttIIII»»II«IMII»IIIM»»»»»M»I»»IIMI»II»II»I»II»ttIUM 
Eine BZerhrraAtsrerse^ 
von Vogumil Goltz. 
niiiiiiiiiiiiiimmniimiiiiiiiiiimiimmiiiiiniiiiimiiiiimiimiiiiimiiiiiiiiimiiiiiiiiimimiimmitmiiiiiiiiimiiiiiiiiiMiiMiiiiiiiiimiiiiiiiimimiiiimiiiiiiii: 
Bogumil Goltz ist geboren 1801 zu Warschau, wo 
sein Vater preußischer Staatsgerichtsdirektor war 
und ein kleines Gut Lißewo bet Thorn bewirtschaftete; 
gestorben ist er 1870 zu Thorn, nach einem an litera¬ 
rischen Wanderzügen reichen, prächtig originellen 
Schrtststellerdasetn. Zu den besten Schöpfungen von 
Goltz gehört das „Buch der Kindheit" und sein drei¬ 
bändiges „Jugendleben". — Wes das Herz voll ist, 
des geht der Mund über, gilt für alles, was Goltz 
geschrieben hat. Er war ein unruhiger Kopf mit 
dem lebhaftesten Geist, aus sich selber reich genug, 
um sich enthusiastisch auszugeben; eine Natur, auch 
inwendig voller Figur, nach außen übersprudelnd, 
ein Philtsterschrea — und heute noch ein Labsal für 
jeden, der Literatur nicht nach der Elle mißt und 
auch im Reich der Dichtung einen Wildling unge¬ 
schoren und nach seiner Fasson selig werden läßt. — 
Wir geben hier eine Probe aus dem „Buch der 
Kindheit": 
Da es in meiner Erinnerung Winter ist, so 
kommen mir Bilder von einer Winterreise, die ich 
vielleicht in meinem sechsten oder siebenten Jahre 
mit meinen Eltern zu den Großeltern mütterlicher 
Seite nach Ostpreußen gemacht. Es waren wohl¬ 
stehende, aber schlichte Bürgersleute, die ihre alten 
Tage mit einer unverheiratet gebliebenen Tochter, 
in einem Landstädtchen verlebten, demjenigen ähn¬ 
lich und nah gelegen, in welchem Herder ge¬ 
boren ist. 
Von den Zurüstungen der Reise habe ich nichts 
weiter behalten, als daß ich in ein altes Um- 
schlagetuch der Mutter vom Kopf bis zu den 
Beinen und bis zum Ersticken festgewickelt worden 
bin. 
Unterwegs finde ich mich im Rücken der Eltern, 
unter einem fabelhaften Verdeck und zwar mehr 
liegend als sitzend verpackt. Die liebe Mutter sagt 
dann von Zeit zu Zeit zum Vater: „Wenn der 
arme Junge nur gut Luft holen kann"; und dann 
fragt sie mich laut und ängstlich: „Jungchen, lebst 
du auch noch, mein Kind?" „Ja, liebe Mutter." 
„Friert dich auch nicht?" „Na. wickle dich nur 
recht fest ein und rühre dich nicht viel, mein Kind." 
Dann sagt wieder der Vater: „Na, na, ängstige 
dich nur nicht, liebe Frau, der ist ein knorriger 
Bengel und ein Unkraut obendrein; so eins ver¬ 
dirbt sobald nicht; wenn dir das Maul zugefroren 
ist, Junge, dann meld' es der Mama." 
Dann wieder fahren wir bei einbrechendem 
Abende über einen großen gefrorenen See. Der 
Kutscher und der Vater gehen neben dem Schlitten 
her, und mich hat die Mama von hinten fort und 
aus den Schoß hervorgeholt, um mich, falls der 
Scylitten einbrechen möchte, gleich weit aufs feste 
Eis zu werfen; so denk' ich es mir jetzt, und so 
hab' ich's wohl damals gefühlt. 
Es geht alles ganz glücklich bis zum Ufer; da ist 
das Eis mürber, die Pferde brechen ein, der 
Schlitten sinkt einen Augenblick ins Wasser, aber 
wir kommen doch mit vielem Geschrei und An¬ 
treiben aufs Land und gleich darauf in einen 
„Krug" (Herberge). Die Mama und ich selbst, wir 
sind trocken: der Kutscher aber und der arme alte 
Papa sind pfütznaß und die liebe Mama so er¬
	        
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