Full text: 59.1931 (0059)

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damals!) verwickelten -Mutter beizustehen, die er denn 
auch mit genauer Not den Fängen der Hexenrichter 
entriß. — Auch sonst wurden seine Verhältnisse 
immer trauriger. Zwar hatte Kaiser Ferdinand II. 
ihn schließlich als Hosmathematicus bestätigt, blieb 
ihni aber das Gehalt weiterhin redlich schuldig, bis 
daß Kepler, der seine Linzer Stellung wegen der nun 
auch in Oberösterreich aufgehobenen Religionsfrei¬ 
heit hatte aufgeben müssen, schließlich bare 12 000 
Gulden zu fordern hatte. Den Drängenden verwies 
der mittellose Kaiser zuletzt an W a l l e n st e i n. 
Der nahm ihn auf seinem Schlosse zu Sagan als 
„Astrologen" auch freundlich auf (1628), verhalf ihm 
aber auch nicht zu seinem Gelde **). Schließlich ent¬ 
schloß sich Kepler, im Herbst 1630 über Leipzig nach 
Regensburg zu reisen, um dort auf dem Reichstage 
seine Ansprüche geltend zu machen. Hier langte er 
am 9. November an, krank von den Anstrengungen 
der in der damaligen Kriegszeit doppelt mühseligen 
Reise, und starb wenige Tage daraus (am 15. No¬ 
vember). 
*) Kepler war also hier Vorgänger des uns aus Schillers Drama 
bekannten Seni. 
Keplers Forschungen und die von ihm gefundenen 
Gesetze sind für die Wissenschaft von ganz hervor¬ 
ragender Bedeutung gewesen, fußt doch auch N e w - 
t o n auf denselben. — Wenn wir nun den so klar 
denkenden und von Streben nach Wahrheit erfüllten 
Mann nebenher noch „Horoskope" stellen und astro¬ 
logische Prophezeiungen veröffentlichen sehen, so 
müssen wir uns dies aus den Zeitverhältnissen er¬ 
klären. Gewiß geschah es vielfach um des Brot¬ 
erwerbs willen; doch dürfen wir nicht etwa denken, 
daß er selbst nicht daran geglaubt. Der Glaube an 
Horoskope usw. war doch damals bei den größten 
Gelehrten felsenfest verbreitet (siehe Melanchthon!). 
Indessen ist aus Keplers Schriften und Briefen klar 
zu ersehen, wie er die Denkfehler der Astrologie 
immer schärfer erkennt und wie er schließlich Wallen¬ 
stein immer wieder warnt vor allzu zuversichtlichem 
Glauben an seinen „Stern", ohne daß er ihn aller¬ 
dings von seinem Glauben an frühere Prophezeiungen 
und damit von seinen politischen Wegen hätte ab¬ 
halten können. 
nter Tadlern der gotischen Baukunst auf¬ 
gewachsen, nährte ich meine Abneigung 
gegen die vielfach überladenen, verworrenen 
Zierrate, dre durch ihre Willkürlichkeit einen religiös 
düsteren Charakter höchst widerwärtig machten; ich 
bestärkte mich in diesem Unwillen, da mir nur geist¬ 
lose Werke dieser Art, an denen man weder gute Ver¬ 
hältnisse, noch eine reine Konsequenz gewahr ward, 
vors Gesicht gekommen waren. 
Hier aber glaubte ich eine neue 
Offenbarung zu erblicken, indem mir 
jenes Tadelnswerte keineswegs er¬ 
schien, sondern vielmehr das Gegen¬ 
teil sich aufdrang. 
Wie ich nun aber immer länger sah und überlegte, 
glaubte ich noch größere Verdienste zu entdecken. 
Herausgefunden war das richtige Verhältnis der 
größeren Abteilungen, die so sinnige als reiche Ver¬ 
zierung bis ins Kleinste; nun aber erkannte ich noch 
die Verknüpfung dieser mannigfaltigen Zierrate 
untereinander, die Hinleitung von einem Hauptteile 
'zuni anderen, die Verschränkung zwar gleichartiger, 
aber doch an Gestalt höchst abwechselnder Einzel¬ 
heiten, vom Heiligen bis zum Ungeheuer, vom Blatt 
his zum Zacken. Je mehr ich untersuchte, desto mehr 
geriet ich in Erstaunen; je mehr ich mich mit Messen 
und Zeichnen unterhielt und abmüdete, desto mehr 
wuchs meine Anhänglichkeit." 
Also schreibt Goethe über den tiefen Eindruck, 
den das Straßburger Münster auf ihn gemacht. Und 
wie ihm, wird es wohl einem jeden für künstlerische 
Formen empfindlichen Menschen ergehen, je mehr, je 
länger, er sich mit diesem Wunder der Baukunst 
beschäftigt. 
Wir haben diesmal davon abgesehen, ein Bild der 
Münsterfassade selbst zu bringen und erst recht ein 
solches, das auch den Turm zeigt. Ist doch die 
Silhouette der Kathedrale der ganzen gebildeten Welt 
bekannt! Und doch möchte man immer wieder hin¬ 
gehen, bewundern und hinweisen auf die Ebenmäßig¬ 
keit und Feinheit der einzelnen Proportionen, die 
reinen und schönen Verhältnisse der einzelnen Teile 
untereinander, kurzum auf das, was Goethe mit den 
Worten bezeichnet, daß „hier das Erhabene 
mit dem Gefälligen in Bund ge¬ 
treten s e i." 
Die Stelle, an der heute das Münster steht, und 
die zugleich die höchste natürliche Erhebung der Stadt 
darstellt, war allzeit eine Kultstätte, an der sich in 
keltischer Zeit ein heiliger Hain, in römischer ein dem 
Herkules geweihter Tempel erhob. In der karolin¬ 
gischen Epoche wurde hier schon das erste Münster 
errichtet, worüber man indessen heute nicht mehr 
viel weiß, und von einem unter Bischof Werner 1015 
begonnenen Neubau ist nur noch der Ostteil der 
Krypta erhalten. — Das heutige Münster entstammt 
etwa der Zeit von 1150—1438. Man hat also fast 
300 Jahre an ihm gebaut. 
Im Volksmund wird gerne Meister Erwin 
von Steinbach (-ß 1318) als Erbauer des
	        

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