Full text: 59.1931 (0059)

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Die Episode schildert, 
wie der Oheim Grüne¬ 
baum, ein ehrsamer 
Flickschuster, seinen Nef¬ 
fen erwartet, der gerade 
sein Abitür macht! 
„In seinem Sonn¬ 
tagshabit stand der 
Oheim Niklas Grüne¬ 
baum an der Ecke, dem 
Gymnasium gegenüber, 
und glich insofern einem 
Engel, als er einen schö¬ 
nen langen Rock trug, 
welcher freilich, was den 
Schnitt betraf, wenig 
mit den Gewändern der 
Heiligenbilder gemein 
hatte. Tie Taille dieses 
Rockes war durch den 
Verfertiger dem Nacken 
so nah als möglich ge¬ 
rückt, und zwei Nonplus¬ 
ultraknöpfe bezeichneten 
ihren Beginn. Deutlich 
zeichneten sich die 
Taschen in der unteren 
Gegend der Schöße ab, 
und eine kurze Pfeife 
mit anmutig schaukeln¬ 
den Quasten sah neu¬ 
gierig aus der einen her¬ 
vor. Eine gelb- und 
braungestreifte Weste" 
trug der Oheim, und 
Hosen von grünlich¬ 
blauer Färbung, etwas 
zu kurz, aber von angenehmer Konstruktion, oben zu 
eng, unten zu weit. Die Petschafte, welche unter dem 
Magen des würdigen Mannes baumelten, waren 
eigentlich einer seitenlangen Beschreibung würdig, 
und von dem Hut wollen wir deshalb nichts sagen, 
weil wir fürchten, dadurch über die Grenzen des 
gegebenen Raumes unwiderstehlich hinausgerissen zu 
werden. 
Um zwölf Uhr sollte das Examen beendet sein, und 
von Augenblick zu Augenblick geriet des Oheims 
Nervensystem in lebendigere Schwingungen. Er nahm 
den Hut ab und wischte sich mit dem Sacktuch die 
Stirn; er stülpte ihn wieder auf, schob ihn nach 
hinten, schob ihn nach vorn, nach rechts und nach 
links. Er nahm die langen Rockschöße unter die 
Arme und ließ sie wieder fallen; er schnäuzte sich, 
daß nian es drei Straßen weit hörte. Er sing an, 
laut mit sich selber zu sprechen, und gestikulierte da¬ 
bei sehr, Zum hohen Ergötzen sämtlicher Gaffer und 
Gafferinnen in den Ladentüren und hinter den 
Fenstern der nächsten Umgebung. Die Marktweiber, 
denen er den ganzen Morgen über den Weg versperrt 
hatte, setzten öfters ihre Eierkörbe, Gemüsekörbe und 
Milchkannen nieder, um ihm wenigstens moralisch 
seinen Standpunkt zu 
verrücken, aber er war 
taub für ihre Anzüglich¬ 
keiten. Er hätte sich 
heute selbst von den 
Hunden verächtlich be¬ 
handeln lassen. 
Um dreiviertel auf 
Zwölf nahm er im näch¬ 
sten Materialladen den 
sechsten Bittern, und es 
war die höchste Zeit da¬ 
zu, denn er fühlte sich so 
schwach auf den Füßen, 
daß er fast dem Umsin¬ 
ken nahe war. Von jetzt 
an hielt er die Uhr, ein 
Familienstück, für wel¬ 
ches ein Raritätensamm- 
lcr viel Geld bezahlt 
haben würde, krampfhaft 
in der zitternden Hand, 
und als die Glocke auf 
der Stadtkirche zwölf 
schlug, wäre er beinahe 
„fertig und kaputt" nach 
Haus gegangen, um sich 
zu Bett zu legen.- 
Fest lehnte jetzt der 
Oheim an der Haus¬ 
wand; er lächelte durch 
Tränen. Er fing an, die 
Aufmerksamkeit der Poli¬ 
zei zu erregen, und sie 
gab ihm, mütterlich be¬ 
sorgt, den Rat, nicht län¬ 
ger zu warten, sondern 
nach Haus zu gehen, was zur Folge hatte, daß er sich 
nur noch fester an die Wand lehnte und mit mi߬ 
fälligem Gegrunz, schnaufend und glucksend die Ab¬ 
sicht aussprach, bis zum Jüngsten Gericht an dieser 
Ecke auf „den Jungen" zu warten. Da er bis jetzt 
die öffentliche Ruhe noch nicht sehr störte, so zog 
sich die Polizei ein wenig zurück, behielt ihn aber 
scharf im Auge, bereit, in jedem Augenblick hervor¬ 
zuspringen und zuzupacken. 
Glücklicherweise wachte mit der löblichen Sicher¬ 
heitsbehörde über dem Meister Niklas auch sein 
Schutzengel, oder vielmehr, der kam eben von einem 
Privat-Geschäftswege zurück, um seine Wache wieder 
anzutreten. Mit Entsetzen erkannte er, wie die 
Sachen standen, und seiner Vermittlung war's höchst¬ 
wahrscheinlich zuzuschreiben, daß nur noch eine kleine 
Viertelstunde der Oheim Grünebaum durch eigene 
Kraft das Gleichgewicht zu bewahren hatte; — um 
dreiviertel auf Eins sank er, fiel er, schlug er dem 
bleichen, aufgeregten Neffen in die Arme- 
Viktoria! gesiegt hatte Hans Unwirrsch, gesiegt hatte 
der Meister Grünebaum. Der eine über die Fragen 
der sieben examinierenden Lehrer, der andere über 
die sieben Bittern, — Viktoria!" — 
“W 
Wilhelm Raabe. 
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