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in Geislautern, Fischbach, Goffontaine, Jägersfreude 
und Neunkirchen wurden r> e r P achte t. Auch der 
Steinkohlenbergbau wurde trotz des offen 
zutage liegenden Nutzens, wenn auch nicht direkt ver¬ 
nachlässigt, so doch jedenfalls nicht mit I n t e - 
resse gefördert. Daß einige weniger ertragsfähige 
Gruben aufgegeben wurden, war ja nicht so schlimm; 
doch die Zahl der in sämtliche u 45 Gruben 
insgesa m t nur beschäftigten 141 Arbeiter 
(Dudweiler-Sulzbach hatte z. B. in 13 Stollen nur 
29) ist bezeichnend genug. 
Dagegen mußte selbstverständlich ein glänzender 
Hofft a a t vorhanden sein. Auch die Beamte n- 
s ch a f t des kleinen Landes war trotz der damaligen 
einfachen Verhältnisse überaus zahlreich. Es gab 
eine Regierung, eine Rentkammer, ein Oberforstamt, 
ein Hofamt, ein Marstallämt, ein Banami, ein Berg¬ 
amt: unter den vier Oberämtern in Saarbrücken, 
St. Johann, Ottweiler und Harskirchen kamen dann 
die Schultheißen, die Meyer und Büttel auf den 
Dörfern. Wie aufgebläht dieser Apparat war, dafür 
nur ein Beispiel: Das Oberforstamt bestand aus 
1 Oberjägermeister, 1 Landjägermeister, 1 Oberforst¬ 
meister, 1 Forstrat, 1 Forstmeister, 2 Oberförstern, 
1 Wildmeister, mit entsprechendem Unterpersonal; 
dktzu noch 39 Jagdlakaien, Piqueure und Hunde¬ 
jungen, endlich in Saarwerden und in Ottweiler 
auch noch je ein Oberjäger und 1 Oberförster mit 
6 bis 12 Jägern und Förstern. Außerdem gab es 
noch zahlreiche Beamte „außer den Collegiis." Genau 
so sah es beim eigentlichen Hofstaat aus, wo es 
1 Oberhofmarschall, 1 Hofmarschall, 1 Oberhof¬ 
meister. 1 Generaladjudanten, 1 geheimen Kabinett¬ 
rat und 1 Reisemarschall, ferner 52 Hofbediente und 
34 Stallbediente gab. Bon all diesen Leuten bezogen 
die oberen recht hohe Gehälter. Dazu kamen persön¬ 
liche Zulagen, Dotationen an die Mitglieder des 
„Ordens der ächten Treue" und reichliche Pensionen. 
Die Ausgaben hierfür betrugen 4793 (also unmittel¬ 
bar vor der Flucht des Fürsten) im ganzen 
133.000 fl. Auch der Erbprinz hatte seinen besonderen 
Hofstaat *). So war denn die Hofhaltung glänzend, 
prächtige Pferde, Equipagen: die Vorzimmer voll 
reichgekleideter Jäger, Mohren, Läufer; die Tafeln 
prangend im Ueberfluß; stets sah man zahlreiche 
Gäste *). 
Auch das Theater war als fürstliches Vergnügen 
hoch bewertet. Der Fürst und seine zweite Gattin 
Katharina traten häufig in Liebhaberrollen auf, so¬ 
wohl in dem kleinen Theatersaal im Schloße als 
auch in dem an Ludwigsplatz erbauten Hof-Schau¬ 
spielhaus. Dieses wurde später ein Raub der 
Flammen, doch hat man vor kurzem eine Zeichnung 
desselben wieder aufgefunden. Es war ein Werk 
Balthasars Stengels (des Sohnes des großen Barock¬ 
architekten) von vorbildlichen klassizistischen Formen. 
Hier spielte auch der berühmte Schauspieler I f f - 
land, und der Fürst veranlaßte die Stadt Saar¬ 
brücken, ihn zum „Ehrenbürger" zu machen. Auch 
*) Die Angaben hier und im folgenden zum Teil nach Rnppers- 
bergs „Geschichte des Saargebiets". 
Goethes Freund aus der Straßburger Studenten¬ 
zeit Heinrich Leopold Wagner, war eine Zeit¬ 
lang in Saarbrücken. Doch sein aufrechter Sinn und 
seine Parteinahme für die in Ungnade gefallene 
Familie des Präsidenten von Günderode ließen ihn 
nicht lange hier weilen. Auch er erfuhr von dem 
Fürsten eine unverdiente Beschimpfung, die aber 
(nach seinen eigenen Worten) noch" so beschaffen war, 
daß man sie in Saarbrücken, wo der ehrlichste Mann 
den größten Beschimpfungen ausgesetzt ist, noch wohl 
ertragen kann." 1774 veröffentlichte Wagner im 
Saarbrücker Wochenblatt einen Neujahrsgruß, in 
dem er die heuchlerische Gesinnung der 
l^a arbrücker Bürger kennzeichnete, die 
eifrigst gratulierten: 
„Dem prasserischen Landesherrn, 
Der Geißel seines Volks, den jeder Bürger 
gern 
Im Notfall mit dem Großsuktan vertauschte..." 
Solcher Freimut fand in Saarbrücken natürlich 
keine Stätte. Ende Mai 1774 wurde Wagner aus¬ 
gewiesen. 
Es ist also kein Wunder, daß die aus Frankreich 
konlmenden revolutionären Ideen in 
Saarbrücken auf fruchtbaren Boden fielen. Tie Ab¬ 
schaffung der Feudalrechte in Frankreich gab denn 
auch, den Anlaß zu den schon erwähnten Petitionen 
der Saarbrücker und Ottweiler Untertanen. Es kam 
auch zu Tumulten, sogar dazu, daß (Herbst 1789) 
ein fürstliches Haus in Neunkirchen von den empör- 
ten Untertanen in Brand gesteckt wurde. Notgedrun¬ 
gen luachte der Fürst nach und nach einige Zuge¬ 
ständnisse. Zunächst entließ er feinen Günstling, den 
Präsidenten v. Hammerer; ferner schuf er die Ein¬ 
richtung der „Berechtigungskohlen" (siehe Bergm. 
Kal. 1928, Seite 104 ff) und endlich bewilligte er den 
Fortfall etlicher Naturalleistungen. Bisher waren 
z. B. die Untertanen verpflichtet gewesen, Holz und 
Kohlen zur Hofhaltung, sowie Kanzlei- und Bedien¬ 
tenholz, Fourage, Früchte" und Baumaterial zu den 
herrschaftlichen Gebäuden herbeizuführen, auf den 
herrschaftlichen Wiesen Heu zu machen und heimzu¬ 
führen, auch bei der Verlegung des Hoflagers die 
notwendigen Fuhren zu leisten. Für die Befreiung 
von diesen Diensten sollten sie jährlich ein Frongeld 
bezahlen, doch blieben die Holzfuhren für die Geist¬ 
lichen, die Fronden zur Unterhaltung der Brücken 
und Wege usw., sowie vor allem die I a g d f r o n - 
den bestehen. Zu diesen gehörte die Verpflich¬ 
tung, das Jagdzeug zu den Jagden zu fahren und 
aufzuhängen, Treiberdienste zu thun, das erlegte 
Wildpret zu fahren, Reit- und Stellwege zu machen 
und zit putzen und Wald anzupflanzen. Auch sonst 
waren die Zugeständnisse zum Teil nur gering. Der 
Erlaß des Hammels- und Grundbirnen- (~ Kartof¬ 
fel-) zehnten wurde ganz abgeschlagen. Wie wenig 
überhaupt der Fürst sich des Ernstes der Lage bewußt 
war, zeigt, daß die Ausfuhr von Wolle noch besonders 
verboten wurde. Daß demnach auch die Unruhen 
nicht aufhörten, trotzdem Gemeindeversammlungen
	        
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