Full text: 57.1929 (0057)

89 
men. Die Mode des Schnupfens verlor sich 
allmählich, der Raucher eroberte immer 
mehr das Feld. War das Rauchen erst eine 
„Kunst" gewesen, die man besonders lernen 
mußte, da man einmal die, noch auf primitive 
Art getrockneten und zerkleinerten, Blätter mit 
viel Verstand in die Pfeife stopfen mußte, da¬ 
mit sie auch richtig bis zum Ende brannten, 
auch wohl den Rauch nach Art der Indianer 
noch schluckte*), so entdeckte man allmäh¬ 
lich das Geheimnis der Edelgärung, der natür¬ 
lichen Fermentation. Auch fing man 
an, statt wie bisher die trockenen Blätter ein¬ 
fach zu zerbrechen und in Stücken in die Pfeife 
zu stopfen, dieselben vorher anzufeuchten und 
dann zu einer Rolle zusammenzuwickeln, die 
ringsum mit besonders schönen besten Blät¬ 
tern umkleidet wurde, und daraus ein langes, 
etwa zolldickes Seil zu spinnen, das dann auf 
einer Haspel aufgerollt wurde. Die Rollen, die 
so entstanden, teilte man in bequeme kleine 
Stücke, wovon der Raucher dann jeweils soviel 
schnitt, als er brauchte. Noch heute finden wir dies 
Verfahren beim Strang- oder Rollentabak. 
Was die Pfeife anging, war ihr Urbild die 
indianische, von der wir als Kinder so oft im Leder¬ 
strumpf gelesen. Die Holländer führten dann lange 
weiße Tonpfeifen aus dem schönen porösen Gouda- 
Ton ein. Auf dem Balkan entstand ihr ein 
Konkurrent in. der roten Siegelerde, woraus die 
Köpfe der mit Rohren aus Weichsel- und Kirsch¬ 
holz oder Jasminstöcken versehenen Türkenpfeife 
geschnitten wurden. Auch kam für diesen Tschibuk 
genannten „Türkenkopf aus rotem Ton mit 
goldenen Streifen", wie es so schön in dem 
bekannten Gedicht heißt, das wir einst alle in 
der Schule lernten, zuerst die Sitte eines 
Mundstückes aus Bernstein oder dergl. auf. 
Weiter schufen die Orientalen die Na-rgileh, 
bei der der Rauch edelster Tabake durch parfü¬ 
miertes Wasser gekühlt wird. Endlich kam im 
18. Jahrhundert die Meers chaumpfei^fe 
auf, von der ein Budapester Schuster, Karl 
Kowacs, die ersten für den Grafen Andrassy, 
der das Mineral aus der Türkei mitgebracht, 
geschnitzt und dabei durch Zufall den bräunen¬ 
den Einfluß seiner pechbeschmutzten Schuster¬ 
finger auf den Meerschaum entdeckt hatte. Die 
Schnitzerei der Meerschaumpfeifen wurde bald 
zu einem überaus lohnenden Handwerk. Große 
Künstler, wie Schwind, hielten sich nicht für 
zu hoch, für dieses Stück behaglicher Häuslich¬ 
keit Entwürfe zu zeichnen, und heute noch fin¬ 
det man manchmal bei Antiquitätenhändlern 
oder als Ausstellungsstück in Läden alter 
Tabakfirmen solche phantastisch geschnitzten 
*) Von ersten Rauchern, den Wachauer Bauern, wird er- 
zählt, daß sie „die Pistolen ins Maul genommen, Feuer ge¬ 
fressen und den Rauch ausgespeiet, Hernachmals in den Köpfen 
wirbeltch oder tumb geworden, Wider die Wände und Tisch¬ 
ecken gepurzelt und darniedergefallen wären". 
Pfeifenköpfe und Spitzen. Schließlich kam dann noch 
in Deutschland jene Pfeife auf, ohne die wir uns 
keinen würdigen Hausvater auf Bildern von Ludwig 
Richter oder Spitzweg vorstellen können, die mit 
einem großen Porzellankopf, dickem weitgebohrten 
Rohr und biegsamem Mundstück versehene lange 
Pfeife. 
Sie war aber nicht nur das Sinnbild des Haus¬ 
vaters, sondern ebensosehr des Studenten, der 
damit im stolzen Bewußtsein seiner akademischen 
Freiheit über die Straße zog. Dies Vorbild reizte 
aber auch manchen anderen, Bürger; indessen eine 
Orientale bei der Zigarettenfabrikation. 
Der Besucher raucht eine Nargileh oder Wasserpfeife. 
ab-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.