Full text: 57.1929 (0057)

91 
und nach kleineren 
Formaten, so fand 
man in der Zigarette 
die Freundin flüchti¬ 
ger Augenblicke. 
Auch die Zigarette 
hatte gleich Pfeife 
und Zigarre ihr 
historisches . Vorbild 
bei den Indianern, 
und zwar in den in 
ein Maisblatt gehüll¬ 
ten Tabakröllchen. In 
ihrer Entwicklung 
müssen wir zwei Ar¬ 
ten unterscheiden: Ein¬ 
mal ist es die spa¬ 
nisch-romanische, die 
s ch w a r z e amerika- 
nische und auch afri¬ 
kanische Tabake, ver¬ 
hältnismäßig grob ge¬ 
schnitten, von strengem 
reinern Geschmack ent¬ 
hält. Wir hier im 
Saargebiet kennen sie 
alle in der Form der 
französischen Ziga¬ 
rette, der „Caporal'' 
und ähnlicher Sorten, 
doch werden auch hier¬ 
zulande seit altersher 
gleichartige geraucht, 
wie die Rothändel, 
und Rotfüchsle usw. 
— Zum anderen 
kommt die orien¬ 
talische Zigarette in Frage, aus sehr fein ge¬ 
schnittenen, langfaserigen, Hellen und milden Tabaken. 
Ihre berühmtesten „Importen" kommen aus Ägyp¬ 
ten, obwohl, das sei gleich klargestellt, in Ägypten 
selbst gar kein Tabak angebaut wird. Auch die russische 
Zigarette enthält, wenn auch in etwas anderer 
Mischung, orientalische Tabake. — Anstelle des Mais¬ 
strohs der alten „Zigaritos" ist längst als Hülle das 
Papier getreten. Es wird heute in seinen besten 
Qualitäten aus Hanfsasern, in geringeren Sorten 
teilweise oder ganz aus Zellulosefasern hergestellt, und 
ist zur Erzielung eines gleichmäßigen Brands mit 
Magnesiumkarbonat präpariert. Zwar hat die Sitte, 
sich selbst seine Zigarette zu drehen, sich noch vielfach 
erhalten, aber die überwiegende Zahl kommt doch 
fertig aus den Fabriken, und damit geht Hand in 
Hand die Sitte des Goldmundstücks usw. 
In Ägypten war, wie gesagt, zuerst die Zigaretten¬ 
fabrikation im Großen aufgenommen und vervoll- 
kommt worden. 
Ist schon bei der Zigarrensabrikation die Frage der 
Abstimmung von Deckblatt und Einlage in ihrer Ge¬ 
schmacksrichtung sehr wichtig, so steht dies doch in gar 
keinem Vergleichsverhältnis zur Zigarette. Denn, 
wenn man Zigaretten aus einer einzigen Tabaksorte 
machen sollte, so wür¬ 
de ihr Geschmack kei¬ 
nem Menschen zu¬ 
sagen, und nähme 
man auch die aller¬ 
beste und teuerste 
dazu. 
Ter wertvollste Zi¬ 
garettentabak komntt 
aus Mazedonien. Tie 
Namen Uenidze, Xan- 
thi, Cavalla, Zichna, 
Drama, Serres usw. 
kennzeichnen ihn. Die 
griechischen, bulgari¬ 
schen, bosnischen und 
Herzegowiner Tabake 
vermögen ihn an 
Güte nicht zu errei¬ 
chen. Hingegen kommt 
aus Kleinasien, aus 
der Gegend von Sam- 
soun und Smyrna, 
wieder ein hochwerti¬ 
ger Tabak. In der 
Mischung nun dieser 
verschiedenen „Prove¬ 
nienzen", von denen 
oft bis 20 und mehr 
in Betracht kommen, 
und von denen keine 
im Geschmack allzu¬ 
sehr hervortreten darf, 
besteht das Haupt¬ 
geheimnis der Ziga¬ 
rette. Ist ferner schon 
bei der Zucht der 
Tabakpflanze, die gegen jegliche Reizung außerordent¬ 
lich empfindlich ist und auf die leisesten Witterungs¬ 
schwankungen reagiert, außerordentliche Erfahrung 
und echte orientalische Geduld notwendig, ist ferner 
der Einkauf der verschiedenen jedesmal anders aus¬ 
fallenden Ernten eine Sache höchsten Sachverständ¬ 
nisses, so ist endlich die Mischung der einzelnen Pro¬ 
venienzen, ihre Abstimmung aufeinander, eine Aus¬ 
gabe höchster Erfahrung, der gleichzeitig eine instinktiv 
geleitete Geschmacksempfindung zur Seite stehen muß. 
Tenn es ist gewissermaßen von Jahr zu Jahr ein 
neues Mischungsverhältnis erforderlich, um trotz all 
dieser Schwankungen den typischen Charakter einer 
einmal eingeführten Marke zu erhalten, und wohl 
gerade auch d e m Umstand, daß dies trotz allem 
nicht immer gelingt, verdanken wir die alljährlich 
neu auftretenden, aber häufig nicht langlebigen Neu¬ 
schöpfungen. 
Tie teuere ägyptische Jmportzigarette ist heule noch 
durchweg Handarbeit, Mischung wie Schnitt, For¬ 
mung des Tabakstranges und Umhüllung. Auch als 
bei uns in Mitteleuropa die ersten Zigarettenfabriken 
entstanden (in Dresden, das noch heute im Ziga- 
rettcnhandel vorherrschend ist) waren die ersten Ar¬ 
beiter Türken. 
Maschinelle Entstaubung und Auflockerung des Schnittabaks.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.