Full text: 56.1928 (0056)

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„Und ich, Vetter, schenk' dir den Rat, daß bei noch 
längerem Zögern der Gianetto im Maquis sein wird, 
und dann braucht's mehr als einen Kerl wie dich, 
um ihn dort zu holen." 
Der Adjutant zog eine Uhr aus der Tasche, die gut 
jefm Taler wert war; und als er sah, daß die Augen 
des Kindes bei diesem Anblick funkelten, sagte er ihm, 
indem er die Uhr an der Stahlkette herunterhängen 
ließ: „Schelm! Du hättest doch sicher gern so eine Uhr 
um den Hals hängen, und dann würdest du in 
den Straßen von Porto Vecchio stolz wie ein Pfau 
einherspazieren; und die Leute würden diA fragen: 
Wie spät ist's? und du antwortest ihnen: Schaut auf 
meine Uhr." 
„Wenn ich groß bin, bekomm' ich eine von meinem 
Onkel, dem Korporal." 
„Ja, aber der Sohn deines Onkels hat schon eine 
... nicht so schön wie diese, alles was wahr ist. .. 
Und doch ist er jünger als du." 
Das Kind ächzte. 
„Nun, möchtest du die Uhr, kleiner Vetter?" 
Fortunato, der die Uhr anblinzelte, glich einer 
Katze, der man ein ganzes Huhn vorhält. Da sie 
fühlt, daß man sich über sie lustig macht, wagt sie 
nicht, die Krallen danach auszustrecken, und von Zeit 
zu Zeit wendet sie die Augen ab; um nicht der Ge¬ 
fahr der Versuchung zu unterliegen; aber sie leckt sich 
alle Augenblicke das Maul und sie scheint ihrem 
Herrn zu sagen: „Wie ist doch dein Scherz so graw 
sam!" 
Indessen schien es der Adjutant Gamba aufrichtig 
zu meinen, wie er so die Uhr hinhielt. Fortunato 
regte keine Hand, aber er sagte ihm mit bitterem 
Lächeln: „Warum macht Ihr Euch über mich lustig?" 
„So wahr mir Gott helfe, ich mach' mich nicht Wer 
dich lustig. Sag' mir nur, wo Gianetto ist, und diese 
Uhr ist dein!" 
Fortunato ließ sich ein ungläubiges Lächeln ent¬ 
schlüpfen; und indem er seine schwarzen Augen auf 
diejenigen des Adjutanten richtete, bemühte er sich, 
in ihnen zu lesen, welchen Glauben er wohl diesen 
Worten beimessen durfte. 
„Meine Epauletten will ich verlieren", rief der Ad¬ 
jutant, „wenn ich dir die Uhr nicht unter dieser Be¬ 
dingung gebe! Die Kameraden sind Zeugen, ich kann 
mich nicht mehr davon lossagen." 
Während er so sprach, hielt er die Uhr immer näher 
heran, so nahe schließlich, daß sie die bleiche Wange 
des Kindes berührte. Dieses zeigte auf seinem Ge¬ 
sichte gar wohl den Kampf, den sich in seiner Seele 
die Begierde und die der Gastfreundschaft schuldige 
Scheu lieferten. Seine nackte Brust hob sich bebend, 
es schien fast zu ersticken. Und die Uhr schaukelte hin 
und her, drehte sich und stieß manchmal an seine 
Nasenspitze. Nach und nach hob sich feine rechte Hand 
zur Uhr: die Fingerspitzen berührten sie; und sie 
ruhte völlig in seiner Hand, ohne daß der Adjutant 
jedoch das Ende der Kette losließ. .. Das Ziffer¬ 
blatt war himmelblau ... das Gehäuse neu poliert... 
in der Sonne schien sie ganz aus Feuer ... Die 
Versuchung war zu stark. 
Fortunato hob auch seine linke Hand und deutete mit 
dem Daumen über seine Schulter hinweg auf den 
Heuhaufen, an den er angelehnt! saß. Der Adjutant 
verstand ihn sofort. Er ließ das Ende der Kette 
fahren; Fortunato fühlte sich als alleiniger Besitzer 
der Uhr. Er erhob sich mit der Behendigkeit eines 
Hirsches und entfernte sich zehn Schritte von dem 
Heuhaufen, den die Voltigeure sofort zu durchwühlen 
begannen. 
Es dauerte nicht lange, und man sah das Heu sich 
bewegen; ein blutiger Mensch mit dem Dolch in der 
Hand trat heraus; aber als er versuchte, sich auf 
seinen Füßen aufrecht zu halten, erlaubte ihm dies 
die erkaltete Wunde nicht mehr. Er fiel nieder. Der 
Adjutant warf sich auf ihn und entriß ihm das Stilett. 
Sofort knebelte man ihn stark, trotz seines Wider¬ 
standes. 
Gianetto, der gleich einem Bündel auf dem Boden 
lag, wandte den Kopf nach Fortunato, der sich wieder 
genähert hatte. „Sohn eines-!" sagte er ihm 
mit mehr Verachtung als mit Zorn. Das Kind warf 
ihm das Geldstück zu, das es von ihm erhalten hatte, 
da es fühlte, daß es dies Geschenk nicht mehr ver¬ 
diene; aber der Geächtete schien nicht weiter auf 
diese Bewegung zu achten. Er sagte mit großer Kalt¬ 
blütigkeit zu dem Adjutanten: „Mein lieber Gamba, 
ich kann nicht gehen; Sie werden mich nach der Stadt 
tragen müssen." 
„Du liefst eben noch schneller als ein Reh", sagte 
der grausame Sieger; ,/iber sei ruhig; ich bin so zu¬ 
frieden, dich zu haben, daß ich dich eine Stunde auf 
meinem Rücken trüge, ohne zu ermüden. Übrigens, 
Kamerad, werden wir dir eine Tragbahre machen 
aus Zweigen und deinem Mantel, und bei dem Land¬ 
gut von Crespoli finden wir Pferde." 
„Gut!" sagte der Gefangene, „Ihr werdet auch ein 
wenig Stroh auf Eure 
Bahre legen, damit ich 
bequemer liege." 
Während einige der 
Voltigeure damit be¬ 
schäftigt waren, eine 
Art Bahre aus den 
Asten eines Kastanien¬ 
baumes zu machen, die 
anderen damit, daß sie 
die Wunde Gianettos 
verbanden, erschienen 
plötzlich Mateo Falcone 
und seine Frau an ei¬ 
ner Biegung des Pfa¬ 
des, der zum Maquis 
führte. Die Frau schritt 
mühselig unter der Last 
eines großen Sackes 
voller Kastanien gebeugt 
vorwärts, während ihr 
Gatte stolz daneben 
herging und nur ein 
Gewehr in der Hand 
und ein anderes am 
Riemen trug; denn es 
ist eines Mannes un¬ 
würdig, eine andere Last 
zu tragen als die seiner 
Waffen. 
da erschien plötzlich Mateo ^ Anblick der 
Falcone ... Soldaten war der erste 
Gedanke Mateos, daß
	        

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