Full text: 53.1925 (0053)

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Weine waren wieder da und damit auch die gute 
Laune, die langen Ruhestunden und der niedliche 
Gavotteschritt, wenn es über die Brücke von 
Avignon ging. Aber seit seinem Abenteuer auf 
dem Turme behandelte man es in der Stadt etwas 
kühler. Man raunte sich manche Bemerkungen zu, 
wenn man es kommen sah; die alten Leute schüt¬ 
telten den Kopf und die Kinder lachten, wobei sie 
aus den Glockenturm zeigten. Selbst der gute 
Papst hatte nicht mehr das alte Vertrauen in seine 
Freundin, und wenn er sich Sonntags auf dem 
Rückwege vom Weinberg zu einem kleinen Schläf¬ 
chen auf ihrem Rücken oerleiten ließ, so hatte er 
immer ein gewisses Bangen bei dem Gedanken: 
„wenn ich nachher da oben auf der Plattform 
aufwachen sollte!" Das Maultier merkte das ganz 
gut und es bereitete ihm auch Kummer, aber es 
sagte nichts. Wenn man aber in seiner Gegen¬ 
wart den Namen Tistet Vedene aussprach, ge¬ 
rieten seine langen Ohren ins Zittern und mit 
leichtem Lachen schärfte es seine Hufeisen auf dem 
Pflaster- 
Sieben Jahre flössen so dahin. Nach Ablauf 
dieser sieben Jahre verließ Tistet Vedene den Hof 
von Neapel und kehrte nach Avignon zurück. 
Seine Zeit dort war noch nicht um; aber er hatte 
erfahren, daß der Erste Senfmacher des Papstes 
gerade plötzlich in Avignon gestorben war, und 
da diese Würde ihm paßte, so hatte er sich nach 
Möglichkeit beeilt, um als Mitbewerber auftreten 
zu können. 
Als nun unser Ränkeschmied Vedene in den 
Schloßsaal trat, erkannte ihn der Heilige Vater 
zuerst nicht, so sehr war er gewachsen und voller 
geworden. Allerdings war der gute Papst seiner¬ 
seits stark gealtert und konnte ohne Brille nicht 
mehr deutlich sehen. 
Tistet wurde dadurch keineswegs eingeschüchtert. 
— Wie, erhabener Heiliger Vater, Ihr kennt 
mich nicht mehr?... Ich bin's, Tistet Vedene! 
— Vedene?... 
— Ei gewiß, Ihr kennt mich doch, der Eurem 
Maultier den gewürzten Wein brachte. 
— Ach ja!... ja... ich entsinne mich... Ein guter 
kleiner Kerl, der Tistet Vedene... Und was will er 
jetzt von uns? 
— O, nicht viel, erhabener Heiliger Vater... Ich 
wollte bitten... Da fällt mir gerade ein, wie steht's 
mit Eurem Maultier, habt Ihr es immer noch? 
Und es geht ihm gut?... Ah, um so besser! .. Ich 
wollte Euch um die Stelle des Ersten Senfmachers 
bitten, der gerade gestorben ist. 
— Erster Senfmacher! Du?... Aber Du bist 
doch zu jung. Wie alt bist Du denn? 
— Zwanzig Jahre und zwei Monate, erlauchter 
Pontifex, gerade fünf Jahre älter als Euer Maul¬ 
tier... Oh, bei der göttlichen Gnade, das brave 
Tier!... Wenn Ihr wüßtet, wie lieb ich es hatte, 
das Maultier!... wie ich mich in Italien nach ihm 
sehnte!... Ihr werdet mich doch wieder zu ihm 
lassen?... 
— Ja, mein Kind, Du sollst es sehen, sagte der 
gütige Papst ganz gerührt... Und da Du es so 
lieb hast, das brave Tier, ist mein Wille, daß Du 
in seiner Nähe weilest. Von heute ab nehme ich 
Dich in meinen persönlichen Dienst als Erster 
Senfmacher... Meine Kardinäle werden Einspruch 
erheben, aber das macht nichts, das bin ich ge¬ 
wohnt... Komm morgen nach Schluß der Vesper 
zu Uns; Wir werden Dir dann die Insignien 
Deiner Würde in Gegenwart Unseres Kapitels 
überreichen und dann — werde ich Dich zu 
meinem Maultier führen und Du wirst mit uns 
beiden nach dem Weinberg kommen... Gefällt Dir 
das? Gehe jetzt... 
Ob Tistet Vedene zufrieden war, als er den 
großen Saal verließ, und ob er mit Ungeduld die 
Zeremonie des nächsten Tages erwartete, brauche 
ich Euch wohl nicht zu versichern. Und doch gab 
es im Schlosse noch ein glücklicheres und ungedul¬ 
digeres Geschöpf als ihn: das war das Maultier. 
Seit Vedenes Rückkehr bis zur Vesper des folgen¬ 
den Tages hörte das schreckliche Tier nicht auf, 
sich mit Hafer vollzupfropfen und mit seinen 
Hinterhufen gegen die Wand auszuschlagen. Da¬ 
mit bereitete auch es sich auf die Zeremonie vor. 
So betrat also Tistet Vedene am folgenden Tage 
nach Schluß der Vesper den Hof des päpstlichen 
Palastes. Die ganze hohe Geistlichkeit war zu¬ 
gegen, die Kardinäle in ihren roten Gewändern, 
der Anwalt des Teufels in schwarzem Sammet, 
die Klosteräbte mit der Mitra, der Küster von
	        
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