Full text: 53.1925 (0053)

Sohn eines Seidenwarenfabrikanten geboren. 
Sein engeres Vaterland hat Teil an seinen 
Schöpfungen. Die heiße Mittagssonne erzeugt 
die lebhafte Phantasie, die Daudets Werke be¬ 
lebt und mit einer wohlwollenden Spottsucht 
durchtränkt. Nachdem sein Vater wegen finan¬ 
zieller Verhältnisse nach Lyon übergesiedelt 
war, besuchte Alphonse dort das Gymnasium. 
Durch Schicksalsschläge verarmte indessen die 
Familie vollständig und Alphonse mußte schon 
frühzeitig sein Brot als Hilfslehrer zu ver¬ 
dienen suchen. Bald wandte er sich aber nach 
Paris, wo er an feinem Bruder eine Stütze 
fand. Die Veröffentlichung einer kleinen Ge- 
dichtsammung und späterhin einer Anzahl rei¬ 
zender Märchen erregte das Interesse der 
Kaiserin Eugenie, die ihn ihrem Schwager, 
dem Herzoge von Morny, als Privatsekretär 
empfahl. In dieser Stellung hatte er Gelegen¬ 
heit, durch große Reisen Stoff zu neuen Schöp¬ 
fungen zu sammeln. Dadurch gelang es ihm 
bald, sich unabhängig zu machen und von dem 
Ertrage seiner Feder zu leben. 
Mit zu den besten seiner Werke zählen die 
kleinen Schilderungen aus dem Landleben, die 
unter dem Titel „Briefe aus meiner Mühle" 
(Uettras ela mon moulin) im Jahre 1868 er¬ 
schienen sind. Diese Briefe sind geschrieben in 
einer malerisch gelegenen, einsamen Mühle, 
„einer Wind- und Mahlmühle im Rhone¬ 
tal, mitten in der Provence, auf einem mit 
Fichten und grünen Eichen bestandenen 
Hügel, welche besagte Mühle seit mehr als 
zwanzig Jahren leer steht und nicht mehr 
in mahlfähigem Zustande ist, wie sich aus dem 
wilden Wein, dem Moose, Rosmarin und 
anderen Schmarotzerpflanzen ergibt, die sich 
bis an das Ende der Flügel emporwinden" 
wie es so prächtig in dem Kaufakt geschildert 
ist. In dieser von Daudet für seinen Aufent¬ 
halt gekauften Mühle war er in einer Um¬ 
gebung, die wie fast immer bei seiner Arbeit, 
dem Stoff seiner Erzählungen sich anpaßte, 
was natürlich der Anschaulichkeit seiner Schil¬ 
derungen ungemein förderlich sein mußte. 
Jede dieser Erzählungen ist ein wahres 
Meisterwerk, das Natursinn und eine bemer¬ 
kenswerte Empfänglichkeit für das Zarte und 
Schöne mit einem feinsinnigen Humor ver¬ 
bindet. Wenn auch die „Briefe aus meiner 
Mühle" erst nach dem Erscheinen seiner größe¬ 
ren Romane allgemeine Beachtung fanden, so 
zählen sie heute in Frankreich zu den gelesensten 
Büchern, und auch in Deutschland, zumal in 
den höheren Schulen, wird dieses Buch gerne 
gelesen. Wir haben daher im diesjährigen 
Kalender zwei allerliebste Novellen von Daudet 
aufgenommen: „Das Maultier des Papstes" 
und „Die Ziege des Herrn Seguin", aus denen 
der Leser sich selbst ein Urteil bilden kann, ob 
das Vorgesagte berechtigt ist. Die Lektüre 
dieser Novellen wird manchen Leser dazu 
führen, weiteres von Daudet kennen zu lernen, 
was er nicht bereuen wird. 
Der Papstpalast und die Kathedrale zu Avignon.
	        
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