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einen Wald erreichen konnte, der von Leuten aus der 
Bande des berühmten Banditen besetzt war. Das gut¬ 
gewachsene, nette Mädchen hatte weder Gold und 
Silber, noch sonstige kostbare Sachen bei sich, die die 
Begierde der Wegelagerer gereizt hätten. Aber es 
fürchtete sich dennoch, obschon es nur seine Tugend 
zu verlieren hatte. So ging es also nicht ohne Angst 
die Waldstraße, die durch die hohen Bäume verdunkelt 
wurde. Plötzlich trat aus einem Gebüsch ein hübscher 
junger Mann hervor, der so gar nichts von einem 
Verbrecher an sich hatte. 
— Nun, liebes Mädchen, wo wandern Sie hin? 
sprach der Fremde. 
Sein Anblick beruhigte das junge Mädchen und es 
war glücklich, einen Beschützer gefunden zu haben. 
Daher zögerte es auch nicht, dem Herrn seine Be¬ 
fürchtung anzuvertrauen, den Schinderhannes anzu¬ 
treffen, der im Walde auf der Lauer liegen sollte. 
— Fürchten Sie also den Schinderhannes so sehr? 
meinte der Unbekannte. 
— Ja, man sagt, er sei jung und unternehmungs¬ 
lustig, erwiderte das Mädchen. 
— Jung ist er sicher; aber unternehmungslustig? 
daran zweifle ich. Man erzählt sich doch, daß er mit 
Julie Blasius, einem sehr liebenswürdigen und 
schönen Mädchen, verheiratet sei, und daß er es nicht 
über sich bringen könnte, sie zu betrüben. 
— Sie glauben wirklich? sagte das Mädchen. Und 
es muß auch wahr fein! Alan sagt ja auch, daß er 
mit den armen Leuten Erbarmen habe. 
So zog sich die Unterhaltung hin, bis das Paar 
in voller Harmonie den Ausgang des Waldes erreicht 
hatte. 
Dann zog der Unbekannte seinen kokett auf das 
gelockte Haar gesetzten Dreispitz und sagte: 
— Hier müssen wir uns trennen, Fräulein. Sie 
brauchen keine Furcht mehr zu haben. Schinderhannes 
fühlt sich alucklich, ein so nettes Kind, wie Sie, be¬ 
schützt zu haben. 
Damit verschwand der Bandit und ließ das Mäd¬ 
chen in seinem Erstaunen und seiner Freude allein. 
Sobald das Mädchen das Dorf erreicht hatte, er¬ 
zählte es sein Abenteuer und diese wahrscheinlich noch 
weiter ausgeschmückte Erzählung vermehrte das An¬ 
sehen des Banditen bei b-en Leuten. 
Manchmal war er noch drolliger. Eines Tags durch¬ 
wanderte eine Anzahl jüdischer Händler den Soon- 
wald. Sie waren alle gar unruhig, als sie sich einer 
Stelle näherten, wo die Felsen mehr zusammentraten 
und wo man wußte, daß die Räuber oft im Hinter¬ 
halte lagen. Hindurch mußte man aber, es half alles 
nichts. Plötzlich zeigte sich am Straßenrand ein mit 
einer langen Flinte bewaffneter Mann, der die 
Truppe der Händler anhielt. Hinter den Bäumen 
standen iwch andere Männer, ebenfalls mit Flinten 
bewaffnet. Auf einem seitlichen Felsen lag Schinder¬ 
hannes und betrachtete den vor Schrecken zitternden 
Menschenhaufen. 
— Ich werde Euch ein gütiger Fürst sein! schrie er 
sie an. Zieht Eure Schuhe aus. Meine Leute werden 
sie aus einen Haufen Wersen. Wer dann, wenn ich 
winke, nach einer Minute seine Schuhe wieder ge¬ 
funden hat, darf frei passieren. Die anderen werden 
mit dem Tode bestraft und ihre Sachen ihnen abge¬ 
nommen! 
Tie Anordnung des Banditenhäuptlings wurde 
ausgeführt. Die Juden zogen die Schuhe aus und die 
Gefährten des Schinderhannes warfen sie durch¬ 
einander auf einen Haufen mitten auf die Straße. 
Dann lagerte sich der Häuptling mit seiner Bande 
in aller Gemütsruhe, worauf das verabredete Zeichen 
ertönte. Man kann sich nun unschwer vorstellen, mit 
welcher Hast die unglücklichen Händler sich auf den 
Schuhhaufen stürzten, da doch jeder von ihnen der 
erste sein wollte, um seine Schuhe zu erhaschen. Es 
gab also eine richtige homerische Schlacht, aus der 
die armen Kerle wohl oder übel mit blaugeschlagenen 
Augen, gespaltenen Lippen und zerrissenen Kleidern 
hervorgingen. Den Zuschauern bereitete natürlich 
dieser, improvisierte Wettstreit ein unbändiges Ver¬ 
gnügen. Einen Teil ihrer Ware mußten die Händler 
zurücklassen, dann konnten sie ihren Weg fortsetzen, 
ohne weiteren Schaden zu erleiden. 
Zu Zeiten gefiel es dem Banditen von Birken¬ 
feld, die Rolle der Vorsehung zu spielen. Gegen alle, 
die ihm irgend einen Tienst leisteten, zeigte er sich 
dankbar. Eines Tages befand er sich, als Hausierer 
verkleidet, in einer Herberge. An einem der Tische saß 
ein braver Landpfarrer und speiste recht bescheiden. 
Die anderen Tische waren von Fuhrleuten und Hau¬ 
sierern besetzt, die zechten und schlemmten. 
Einer der Gäste beklagte sich über die Unsicherheit 
der Zeit. 
— Die Straßen sind gar nicht mehr sicher, meinte 
er, seit der Schindcrhannes und seine Bande auf dem 
Hunsrück weilt. Der Handel wird immer geringer. 
Es wagt ja niemand mehr, mit Waren zu reisen. 
— Pah! mein Freund, sagte der Pfarrer, was 
fürchtest Du eigentlich? Wenn Du den Schinder¬ 
hannes triffst, brauchst Du nur guten Tag zu sagen. 
So arme Leute wie Du, fällt er nicht an. 
— Wer ist dieser Pfarrer? frug Schinderhannes 
seinen Nachbarn. 
— Das ist der Pastor von M..., kennen Sie ihn 
denn nicht? Er ist ein hilfsbereiter Mann und steht 
allen armen Leuten bei. 
Der Bandit antwortete nichts. Aber am nächsten 
Tage empfing der Pfarrer von ihm einen wohl¬ 
gefüllten Beutel mit Gold und ein Körbchen mit 
frischen Eiern; ein Dankesbrief lag auch dabei. 
Wenn nun auch die armen Leute dem Banditen 
Vückler günstig gesinnt waren, so nahmen es die 
reichen Kaufleute doch recht übel auf, wenn sie regel¬ 
recht von ihm ausgeplündert wurden. 
Von 1795 bis 1798 war es den Franzosen, die 
damals Herren im Lande waren, noch nicht gelungen, 
eine feste Verwaltung ick den linksrheinischen Ge¬ 
bieten einzurichten. 1798 verzichtete Österreich auf 
seine dortigen Besitzungen. Preußen hatte damals 
kein ernsthaftes Interesse in diesen Gegenden, und 
die Teilung Polens lenkte seinen Blick vom Rheine 
ab. Frankreich hatte damit freie Hand und organi¬ 
sierte die Länder links des Rheines. Die Ordnung 
und die Sicherheit wurden wieder hergestellt, was 
eine schwierige, ja fast unmöglich erscheinende Auf¬ 
abc für die damit Beauftragten war. Weite Wälder 
edeckten das Land, Ruinen fanden sich überall; 
Straßen waren selten und die noch existierten, waren 
in üblen: Zustande. Die Spuren des Krieges, der 
5 lange Jahre gedauert hatte waren überall zu sehen. 
Bonaparte, der Erste Konsul, faßte nun den festen 
Entschluß, Ordnung zu schaffen und ließ zu diesem
	        
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