Full text: 41.1913 (0041)

sehr erschwert wurde und es zu vielen weitläufigen 
Streitigkeiten kam, durch welche auch die Untertanen 
in Mitleidenschaft gezogen wurde». Wilhelm Heinrichs 
Bestreben ging dahin, diese Besitzungen und Gerecht¬ 
same allmählich an sich zu bringen. 
Tie vielfach streitigen Grenzen wurden durch Ver¬ 
träge der fürstlichen Regierung mit den benachbarten 
Territorialherren festgelegt. So wurden mit dem König 
von Frankreich, mit den Grafen von der Leyen, mit der 
Abtei Wadgas¬ 
sen, mit den 
Herren von For- 
bach, mit Loth¬ 
ringen, Kurtrier, 
Pfalz -Zwei- 
> brücken, den 
fl Herren von 
Kerpen, der Ab¬ 
tei Fraulautern 
und den Herren 
vonHagen zahl¬ 
reiche Grenzre¬ 
zesse u. Verträge 
geschlossen.Doch 
die Hauptbedeu¬ 
tung des Fürsten 
Wilhelm Hein¬ 
richliegt auf oem 
Gebiete der in¬ 
neren Entwick- 
lungdesLandes. 
Infolge der 
Kriegsstürme, 
die mehr als 
ein Jahrhun¬ 
dert lang mit 
kurzen Unter¬ 
brechungen un¬ 
sere Gegend 
heimgesucht hal¬ 
ten, war das 
Land verarmt 
und bot einen 
düsteren, un¬ 
wirtlichen An¬ 
blick. Städteunö 
Dörfer waren 
wenig bevölkert. 
Unscheinbare 
und ärmliche 
Wohnungen 
verrieten die 
traurige Lage 
der Bevölker¬ 
ung, in stumpfer 
Gleichgültigkeit lebten die Bewohner dahin. Die 
ländliche Bevölkerung war an die Scholle gefesselt, 
aber auch den Städtern fehlte es an Tatkraft und 
Unternehmungsgeist. Aus dieser Stumpfheit suchte 
Wilhelm Heinrich seine Untertanen zu wecken, und es 
gelang ihm, auf allen Lebensgebieten einen Aufschwung 
herbeizuführen. 
Da der Ackerbau die ursprünglichste Quelle des 
Wohlstandes ist, so setzte hier die Tätigkeit Wilhelm 
Heinrichs vornehmlich ein. Konnte er auch nicht daran 
denken die Leibeigenschaft und die Frondienste der 
Bauern aufzuheben, weil dadurch eine große wirtschaft¬ 
liche Umwälzung herbeigeführt worden wäre, so suchte 
er doch ihre Lage auf mannigfache Weise zu bessern. 
Ter Betrieb des Ackerbaus stand auf einer niedrigen 
Stufe. Mit Ausnahme des Köllertales galt das Land 
als raun und unfruchtbar. Es wurde hanptsäclilich 
Korn und Hafer gebaut, auch etwas Gerste; Weizen, 
glaubte man, gedeihe nicht. Daneben wurde Hanf, 
Flachs, Mais (Welschkorn) und Tabak gezogen. Tie 
Felder waren jedoch nicht nach Fluren oder Gewannen 
abgeteilt, die großen Waldungen nahrncn den größten 
Terl des Bodens 
ein. DadasVieh 
fast beständig 
auf der Weide 
war, so fehlte 
es an Dünger, 
und man ließ 
deshalb den 
Acker so lange 
brach liegen, bis 
er wieder er¬ 
tragfähig war. 
Daneben 
herrschte der 
Rodereibetrieb: 
Hecken und 
Busche wurden 
abgebrannt, 
ausgerodet und 
das Land 
besäet, hierdrrrch 
wurde aber der 
Bestand der 
Waldungen 
vielfach gefähr¬ 
det. Um das 
Ackerland zu 
vermehren, 
überließ Wil¬ 
helm Heinrich 
den Untertanen 
Grundstücke, die 
zu Waldungen 
nicht taugten, 
zum Ausstocken, 
erlaubte die An¬ 
lage von eigenen 
Kalköfen zum 
Düngen der 
Felder und ge¬ 
währte Stein¬ 
kohlengries zum 
Kalkbrennen 
aus den herr¬ 
schaftlichen 
Gruben zu bil¬ 
ligem Preise. Er bestimmte, daß ein jeder Bauer sein 
Ackerland in 3 bis 4 Fluren teilen und rationell bewirt¬ 
schaften sollte; in jeder Meierei, (Bürgermeisterei) wurden 
ein oder mehrere erfahrene Landwirte bestellt, die darauf 
zu achten hatten. Die Felder sollten zur ersten Saat 
mit Kalk und zu den beiden folgenden mit Mist oder 
Asche gedüngt werden. Die Wiesen wurden durch Ab¬ 
zugsgräben verbessert; das Weiden des Viehes nach der 
Heuernte wurde untersagt und das Verbot schließlich 
auf die Zeit vom 1. April bis Mitte September aus¬ 
gedehnt, damit reichliches Heu und Grummet zur Stall- 
fütterung vorhanden wäre. Die schädlichen Nachtweiden 
wurden aufgehoben und das dafür benutzte Land verteilt. 
Fürstin Sophie, geb. Gräfin von Erbach, Gemahlin des Fürste» Wilhelm Heinrich.
	        

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