Full text: 40.1912 (0040)

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zunächst zwei Jahre unter den Grubenhagener Herzögen, 
sodann unter den braunschweigischen und seit 1617 
unter den hannoverschen Welfen, bis sie 1625 nach 
Klausthal verlegt wurde. Hier wurden 1804 die 
letzten Andreastaler geschlagen. 
Als Bergwerksanlagen über Tag stehen heute nur 
noch das Zechenhaus der Samfouer Grube mit ihrem 
787 Meter liefen Schacht, das Pochwerk lind die Erz¬ 
wäsche, sowie der jetzt als Gastwirtschaft benutzte 
Geipel der Neufanger Grube (der heiligen Katharina 
neuer Fang). Niemand sieht den unscheinbaren Ge¬ 
bäuden, den ältesten der Stadt, die Schätze an, die in 
ihnen einmal ans Licht gefördert und aufbereitet 
wurden. Mit ihrem altersgeschwärzten Gebälk, ihren 
steilen Haubendächern und schnörkeligen Wetterfahnen, 
der merkwürdigen altmodischen Fahrkunst und der 
altertümlichen Eimerförderung haben sie anderwärts 
wohl nicht allzuviel ihresgleichen. Vielleicht wird es 
Zeit für den, der diese 
Zeugen einer ver¬ 
gangenen Zeit noch 
einmal besichtigen 
möchte! Kegelbrüder 
werden am Ende 
erfreut sein, vor der 
Katharina Neusang 
die höchstgelegene 
Kegelbahn Deutsch¬ 
lands zu finden. Eine 
alte Holztafel über 
der Geipeltür er¬ 
innert wehmütig an 
entschwundenes Le¬ 
ben und Treiben: 
Cathrina Neufanger 
Tagesstoln^ Wo, j 
gehest» hin 
In den toden Berg 
nein Da die Reichen 
Erz Mittel Sein 
Ich hab nun 101 
Jahr aufs Neue 
wieder gestanden und 
bis Anno 
1763 Als 48 Jahr die ausbeit steds erhalden Anno 
1764 65 und 66 
Als 3 Jahr Wegen Geringen Anbrichen der Gewerken 
Zubus erhalten 
Anno 1767 mich wieder frei gebauet und von Anno 
1768 durch Gotts 
Segen Herrn und Gewerken wieder mit Ausbeit steds 
erfreut 
Gott segne ferner fort und fort Mit Neigen Segen 
hier und dort. 
Was wird die Zukunft für die Stadt bringen? 
Nun wird Andreasberg freilich, wenn auch feines 
Charakters als bergbauende Stadt entkleidet, in jeder 
anderen Beziehung, vor allem landschaftlich, eine Berg¬ 
stadt bleiben. Darin liegen Vorzüge, aber auch gewisse 
Gefahren. Als Jndustrieort alten Stils wird die 
Stadt noch mehr als sonst damit rechnen müssen, daß 
sie eine künstliche Gründung, eine auf der Berghohe 
angelegte Kolonie ist, gleichsam eine Pflanze, deren 
Saugwurzeln bis jetzt Hunderte von Metern lies im festen 
Gestein gelegen haben. Als zweithöchster Harzort und 
oberhalb der Grenze der Tuberkulose nennt sie sich in 
hervorragendem Sinne einen Höhenkurort, und doch 
hat sie seit den Jahrzehnten, wo sie für die mit der 
Bahn Kommenden noch eine der wenigen Eingangs¬ 
pforten ins Gebirge war, mit ihrem Fremdenverkehr 
nicht den Aufschwung der meisten anderen Harzorte 
erlebt. 
Und doch sollte kein Harzbesucher die Stadt über¬ 
schlagen. 
Einzeln genommen sind die meisten Häuser nüchtern 
und ausdruckslos, doch sie wirken, tief in die Mulden 
der kleinen Hochebene eingebettet, in ihrer Gesamtheit 
so malerisch wie kaum eine zweite Bergsladt. 
Im Jahre 1796 brannte in siebzehn Stunden nahe¬ 
zu die halbe Stadt nieder und wurde dann ,in dem 
früheren planlosen Durcheinander wieder aufgebaut, 
so daß das Ganze einen altertümlichen Eindruck be¬ 
hielt. Überall hängen die Straßenzüge an steilen 
Halden; wie in unruhigem Wellenspiel aufspringende 
grüne Bergkuppen bilden den Hintergrund, dahinter 
in der Ferne langgestreckte, blauschwarz daliegende 
Massen. Allerorten 
eine Fülle des An¬ 
ziehenden, gleichviel 
ob auf den Straßen 
die Ziegen- und Kuh- 
herden sich sammeln, 
vor niedrigen Fen¬ 
stern allerwärts Blu¬ 
menstöcke blühen und 
in den Holzkäfigen 
die Kanarienvögel 
trillern, oder ob alles 
tief, tief verschneit 
liegt, weiße Sicheln 
die Ecken der Fenster¬ 
scheiben verzieren und 
die zahme Hirschkuh 
Mieke bettelnd von 
Fenster zu Fenster 
trottet, bis dann 
anderen Tages fröh¬ 
liches Schlittenge¬ 
läut erklingt und dce 
vom Bogenlicht er¬ 
hellte Breitestraß e 
bis in die Nacht 
hinein eine treffliche Rodelbahn bietet. 
Es werden mancherlei Befürchtungen über die 
Zukunft laut. 
Die Andreasberger sträuben sich vor dem Gedanken, 
ihre altberühmte Stadt möchte zum Waldarbeiter- und 
Sägemüllerdörfchen herabsinken. Hoffentlich sind das 
grundlose Sorgen. Andreasberg wird es sich freilich 
gefallen lassen müssen, noch mehr eine Industriestadt 
zu werden, als es bislang mit Holzschleiferei, Weberei 
und Spitzenklöppeln, Bleiweiß-, Möbel- und Zigarren¬ 
fabriken allmählich schon wurde. Trotz der ständigen 
Verminderung der Grubenbelegschaft ist die Einwohner¬ 
zahl (3750) nicht zurückgegangen. Längst hat die 
Bergbehörde die Wasserkraft frei gewordener Gefälle 
den Gewerbetreibenden für niedrigen Pachtzins zur 
Verfügung gestellt und wird das in Zukunft noch aus¬ 
giebiger tun. 
Natürlicherweise werden die nächsten Übergangs¬ 
jahre schwierig sein; doch wenn von den Bewohnern 
auch heute noch gilt, was A. Ey in seinem „Geleits¬ 
mann" 1854 ihnen nachrühmt, so werden sie die Krise 
überwinden. „Offenheit und Biederkeit — so heißt 
es da — gepaart mit ausgezeichneter Gastfreundschaft, 
dabei ein recht klarer Verstand, verbunden mit scharfem 
Andreasbergs steilste Straße: Die Herrenstraße.
	        
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