Full text: 1.1873 (0001)

— 57 — 
gewachsen, leichtfüßig sprang es jetzt aus den Boden 
und wuchs zusehends immer mehr, zum Glück nahmen 
auch die Kleider mit dem Leibe zu: „Wenn's doch bei 
unsern Buben auch so wäre!" dachte Elise in all' ihrer 
Angst. Da stand auch schon das Püppchen als eine 
wunderschöne, prächtige Prinzessin dicht vor ihr, hob 
drohend den Finger in die Höhe und. sprach mit feiner 
Stimme: 
„Wie schmutzig ist dein Stiibchen, Frau! 
Befleckt mir noch mein Kleidchen, schau!" 
„Kannst du sprechen?" rief Elise erstaunt und er¬ 
schrocken. „So hab ich doch mein Lebtag keine Puppe 
gesehn!" Ohne auf die unnvthige Frage zu antworten, 
fuhr die Erscheinung fort: < 
„Lchau mein's nur an, so fein und rein, 
So blink und blank sollt' deines sein!" 
Allmählich ward Elise mit hem Ungewöhnlichen 
vertraut und ihr alter Trotz kehrte zurück. „Für wen 
sollt' ich's putzen?" fragte sie mürrisch, „Ihm ist 
das Wirthshaus doch lieber!"— Aber wie ernst winkt 
da der zarte Finger! Wie durchdringend schauten die 
hellen Augen sie an! 
„Ein kalter Hecrd, ein schlecht Gericht, 
Ein loses Maul und schief Gesicht, 
Ein zuchtlos Kind, ein schmutzig Haus, 
Das.treibt den besten Mann hinaus!" 
sagte die seine Stimme. Und dann schien ihr Aerger 
zu groß zu werden, um sich in Reimen auszusprechen, 
fast heftig fuhr sie fort: „Sieh dir den Fußboden 
einmal an? Man erkennt die Farbe des Holzes nicht 
mehr. Die Stühle — ich wage mich nicht zu setzen. 
Den Tisch — er ist noch nicht abgeräumt. Zwei Schei¬ 
ben sind gebrochen und die andern halb blind, und so
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.