Full text: 8.1954 (0009)

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man offensiditlich nicht gleichartige Einhei 
ten zum Vergleich herangezogen (siehe Quali 
tätsbezeichnungen). Abgesehen von diesen 
Tatsachen sind wir jedoch von den durch 
das Amt in Saarbrücken festgestellten Preisen 
so überrascht, daß wir unsere Hausfrauen 
fragen müssen, ob auch sie diese gute Quelle 
gdion entdeckt haben. Oder sollte es sich um 
Waren zweifelhafter Qualität handeln? 
Allerdings dürfen wir in diesem Zusammen 
hang gestehen —vdiesen Vorwurf des Amtes 
stecken wir unwidersprochen ein —, daß wir 
es in der Vergangenheit versäumt haben, auf 
den Verbraucher genügend im Sinne eines 
kritischen Einkaufs einzuwirken. Das wer 
den wir nachholen. Vielleicht tritt uns hier 
das Amt für Preisbildung getreu seiner Auf 
gabenstellung hilfreich zur Seite, indem es 
wöchentlich einen erweiterten Warenkorb in 
der Tagespresse veröffentlicht, für eine zweck 
mäßige Auswertung durch den Verbraucher 
werden wir schon Sorge tragen. 
2. Wir dürfen ins Gedächtnis rufen, daß 
von uns die unterschiedlichen Lebensmittel- 
preise und ganz besonders die Fleischpreise 
an der Saar und irn benachbarten Lothringen 
inkriminiert worden waren. Was hätte also 
näher gelegen, als die Untersuchungen vor 
dringlich auf diesen Sektor und auf Lothrin 
gen zu konzentrieren, umso mehr, als gerade 
f Ä{fie Lebensmittel rund 50°,'« unseres Waren 
korbes ausmachen und Lothringen für die 
Festlegung unserer Löhne und Gehälter so 
zusagen als Vergleichszone fungiert. 
Nun war die erste Vergleichsfahrt, die nach 
langem Zögern von dem Amt für Preisbildung 
und Wirtschaftskontrolle nicht zuletzt auf Be 
treiben der Einheitsgewerkschaft gestartet 
wurde auch ursprünglich nach Metz ange 
setzt, in letzter Minute wurde jedoch auf 
Veranlassung der mitfahrenden Metzger nach 
Straßburg umdisponiert. Was Straßburg für 
einen Preisvergleich bedeutet, mögen folgende 
i 
Nur keire Mitbestimmung? 
was sich aber die Gewerkschaft Öffentlicher 
Dienst im Gesamtverband Christlicher Ge 
werkschaften in dem berechtigten Kampfe 
der Straßenbahner erlaubt, geht doch wohl 
über das,, wofür man noch Verständnis auf 
bringen könnte, weit hinaus. Mit dürren Wor- 
^•J^ten gesagt, man lehnt dort die Einbeziehung 
der Straßenbahner in das Betriebsverfassungs 
gesetz schlankweg ab. Ist diesen Herren das 
ohnehin nicht weitreichende Mitbestimmungs 
recht für die Straßenbahner noch zu weit 
gehend? Hat man an der Mitbestimmung 
überhaupt kein Interesse, weit man sich von 
den kommenden Betriebsrätewahlen für die 
eigenen Farben nicht allzuviel verspricht? 
Oder scheut man sich höheren Ortes anzu 
ecken? In einem Rundschreiben zitiert be 
sagter Verband den Herrn Ministerpräsiden 
ten wie folgt- 
»Ministerpräsident Hoffmann gab seiner 
Auffassung darüber Ausdruck, daß von dem 
Zeitpunkt ab, wo die Straßenbahner als 
Privatbediem/etie behandelt werden, die 
Lohn- und Arbeitsbedingungen des öffent 
lichen Dienstes automatisch in Fortfall kom 
men und sodann die Lohn- und sonstigen 
Bedingungen durch Tarifverträge zwischen 
Arbeitgeber und Arbeitnehmer neu gere 
gelt werden müssen.“ 
Hier können wir nur sagen, daß bange 
machen nicht uilt, besonders nicht bei den 
Straßenbahnern, denen man doch wohl schon 
Ausführungen erhellen, die wir der Nr. 10 
vom Oktober 1954 de3 „Le syndicaliste Force 
Ouvriere“ unter „Zonenabschlag“ entnehmen: 
„Am 16. September 1954 wurden wir von 
Herrn Guy Mollet, Präsident des Europa 
rates empfangen. Es war uns ein Leichtes, 
während der Unterredung dem Präsidenten 
zu beweisen, wie wenig der Zonenab 
schlag bei uns berechtigt und wie gerecht 
unsere Forderung ist. Letzterer bestätigte 
uns auch unser Argument, wonach Stras 
bourg den traurigen Ruf hat, eine der teuer 
sten, ja sogar die teuerste Stadt Frank 
reichs zu sein. Wir gaben dem Herrn Prä 
sidenten kund, daß die Einwohner unserer 
Europastadt stolz sind, daß ihre Stadt da 
zu auserwählt wurde, den Europarat in 
ihren Mauern zu beherbergen, daß ihnen 
aber diese Ehre sehr teuer zu stehen kommt, 
denn die Preise stiegen seither in unend 
liche Höhen und dies speziell was die Mie 
ten betrifft.“ 
Ja, die Ansicht selbst Straßburger Geschäfts 
leute geht über diese Feststellungen noch hin 
aus; denn der Vertreter der Einheitsgewerk 
schaft wurde von einem Lebensmittelhändler 
gefragt, warum man gerade die Preise in der 
teuersten Stadt Europas ermitteln wolle. Das 
fragen wir uns auch. In dieser Frage liegt 
auch zum Teil die Antwort auf die irrigen 
Mutmaßungen, die in der SVZ vom 12. 9. 
1954 „Ein Preisvergleich - Angst vor der eige 
nen Courage?" (Der Artikel scheint uns vom 
Amt für Preisbildung und Wirtschaftskontrolle 
lanciert) und im „Saar-Handel“ angestellt 
wurden, weswegen Protokolle über Einzel 
untersuchungen vom Vertreter der Einheits 
gewerkschaft nicht unterschrieben wurden. Um 
es deutlicher zu sagen, weil bei der Einheits 
gewerkschaft der Verdacht bestand, der bis 
beute noch nicht behoben wurde, daß man 
durch Protokollierung einzelner Untersuchun 
gen auch durch den Vertreter der Einheits 
in Anbetracht der von ihnen angemeldeten 
Lohnforderungen keinen größeren Gefallen 
tun könnte, als sie unter das Tarifvertragsge 
setz zu bringen, auf das der gesamte Öffent 
liche Dienst bereits seit vier Jahren vergeblich 
wartet. Wir hegen nicht den geringsten Zwei 
fel, daß gerade unssre Kollegen von der 
Straßenbahn in freier Tarifpartnerschaft sehr 
wohl ihre Rechte zu wahren wissen, und daß 
sie im sozialen Fortschritt bestimmt nicht 
stagnieren werden. 
Die Antwort auf ihre unverständlidie Hal 
tung, um keinen härteren Ausdruck zu ge 
brauchen, hat die Gewerkschaft „Öffentlicher 
Dienst“ in der CCS nun inzwischen durch 
die Straßenbahner selbst erhalten, da eine 
ganze Reihe von Kollegen, selbst alte Funk 
tionäre, zu der Gewerkschaft mit der klaren 
und entschlossenen Haltung, dem Industrie 
verband Verkehr und Transport der Einheits 
gewerkschaft übergewechselt sind. Das ist ja 
wohl auch die einzig richtige Antwort an eine 
Gewerkschaft, die sich anscheinend der Re 
gierung stärker verpflichtet fühlt als den 
Arbeitnehmern. 
Was die Einheitsgewerkschaft anbelangt, so 
haben bereits alle Verbände sich mit den 
Straßenbahnern solidarisch erklärt. Alle Ar 
beitnehmer sollten jedoch aus all diesen Er 
fahrungen der jüngsten Vergangenheit dio 
Lehre ziehen, daß es ununterbrochen um die 
Arbeitnehmerrechte zu kämpfen gilt, 
wollen wir nicht rückwärts sondern vorwärts 
schreiten. 
gewerkschaft eine Repräsentation konstruieren 
wollte, die keineswegs erwiesen war, natür 
lich mit der „wohlwollenden“ Absicht, die 
These des Lebensmittelhandels und des Amtes 
für Preisbildung zu stützen und die These 
der Einheitsgewerkschaft ad absurdum zu 
führen. Unseres Erachtens kann man uns doch 
nur zumuten, eine möglichst lückenlose Ge- 
samtauswertung zu unterschreiben. Hierzu 
sind wir bereit, ganz gleich welches Ergebnis 
erzielt wird, vorausgesetzt, daß gleiche Waren 
in gleichen Gesehäftskategorien verglichen 
worden sind. Diese Voraussetzungen wurden 
bisher nicht erfüllt. 
Noch eines: Vom „Saar-Handel“ wird zu 
gegeben, daß innerhalb des Saarlandes „von 
Straßenecke zu Straßenecke“ Preisunterschiede 
bestehen, von dem Amt für Preisbildung und 
Wirtschaftskontrolle wurde uns dariiberhinaus 
bestätigt, daß die Preise in kleineren Orten 
des Saarlandes erheblich höher liegen, als bei 
spielsweise in Saarbrücken oder sonstigen 
größeren Städten. Ja, wir haben in Geschäf 
ten, die nicht mehr als 3—4 km auseinander 
liegen, derart krasse Preisdifferenzen festge 
stellt, daß wir uns fragen müssen, wie das 
überhaupt möglich ist, ohne daß amllieherseits 
mit aller Schärfe zugegriffen wurde. Hier 
scheint man, sehr zum Schaden des Verbrau 
chers, höheren Ortes doch etwas zu tolerant. 
Um auf das Preisniveau in Lothringen und 
an der Saar zurückzukommen: selbst wenn 
also die Lebensmittelpreise in Metz und Saar 
brücken im Durchschnitt keine wesentlichen 
Preisunterschiede aufzeigen sollten, was wir 
nach unseren eigenen Feststellungen besonders 
hinsichtlich der Fleischwaren nach wie vor 
zu bestreiten wagen, dann dürfte doch immer 
hin auf Grund der vorhergegangenen Fest 
stellungen erwiesen sein, daß das Gesamt 
niveau der Lebensmittelpreise in Lothringen 
und an der Saar zu Ungunsten der Saar diffe 
riert. Wir glauben nun, daß in der aufgetre 
tenen Auseinandersetzung bezüglich der Preise 
überhaupt kein Ergebnis erzielt werden wird, 
solange nicht folgende Erkenntnisse audi in 
die Praxis umgesetzt werden, die das Amt 
für Preisbildung und Wirtschaftskontrolle 
selbst in seiner der Pressekonferenz vom 1. 10. 
1954 vorgelegten Stellungnahme klar heraus 
stellt, leider ohne bisher — auch in den Bei 
spielen seiner Stellungnahme nicht — ent 
sprechend vorgegangen zu sein: 
„Wie bereits angedeutet, werden Preisver 
gleiche zwischen Gebieten, in denen dio 
Geschmacksrichtung und die Verbraudisge 
wohnheiten der Bevölkerung große Unter 
schiede aufweisen, stets problematisdi blei 
ben. Gleichwohl können Preisvergleicho 
zwischen beiden Nachbargebieten, insbe 
sondere bezüglidi der wichtigsten V er 
brauch .sgüter nützlich und aufsdilußreidi 
sein, wenn Preise für Waren gleidier Qua 
lität, gleicher Verpackung und Sortierung 
etc. einander gegenübergestellt werden. 
Voraussetzung ist auch, daß die Betriebe, 
in denen die Preise erhoben werden, 
gleiche Struktur und Ausstattung haben. 
.Ebenso ist auf ähnliche Standorte der Be 
triebe zu aditen, also auf ihre Lage in 
einer Groß-, Mittel-, Kleinstadt oder in 
einem Dorf, im Stadtzentrum oder im Vor 
ort etc. Schließlich muß audi der Zeitpunkt 
der Preiserhebung, besonders bei saisonbe 
dingten Waren der gleidie sein." 
Die Nutzanwendung können wir nur drin 
gend empfehlen, soll die nun einmal be 
stehende Vertrauenskrise nicht unbegrenzt© 
Fortdauer haben und zu nodi heftigeren Aus 
einandersetzungen führen als bisher.
	        

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