Full text: 8.1954 (0009)

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JMick in -die iüett 
Edelstahle im gemeinsamen Markt 
Am 1. August ist, für die breite Öffent 
lichkeit wenig bemerkbar und deshalb von ihr 
kaum registriert, der gemeinsame Markt der 
Montanunion auf den letzten bisher ange 
nommenen Teil der Stahlproduktion, die soge 
nannten „Edelstahle“, ausgedehnt worden. 
Damit ist nach knapp zwei Jahren Tätigkeit 
der Hohen Behörde der gesamte Bereich der 
Kohle und des Stahls mit seinen Rohstoffen 
Eisenerz und Schrott in den vom Vertrage 
vorgesehenen Grenzen der supranationalen 
Autorität der ersten europäischen Gemein 
schaft unterstellt. 
Die Erzeugung von Edelstahlen in der 
Montanunion beträgt jährlich etwas mehr als 
drei Millionen Tonnen, also rund acht Prozent 
der Gesamtproduktion an Rohstahl. Der Wert 
dieser drei Millionen Tonnen ist jedoch im 
Durchschnitt mindestens dreimal so hoch wie 
der der gewöhnlichen „Massenstähle“. Der Er 
lös der Edelstahlindustrien macht also mehr 
als ein Viertel des Produktionswertes der 
l^uhlindustrien in der Montanunion aus. Diese 
Durchschnittswerte geben kein genaues Bild: 
Schon die einfachen Baustähle, die im Vertag 
zu den Edelstählen gerechnet sind, haben 
etwa den doppelten Preis der gewöhnlichen 
Stahlsorten, während die in geringen Mengen 
erzeugten Edelstähle besonderer Qualität und 
Zusammensetzung oft das Zehnfache des üb 
lichen Stahlpreises erreichen. 
Mitteilungsblatt der Hohen Behörde 
vom 2. August 1954. , 
Neue Hoffnung für Leberkranke 
New York (MPIB) - Millionen leberkranker 
Menschen in der ganzen Welt können neue 
Hoffnung schöpfen, seitdem die antibiotischen 
Heilmittel entdeckt wurden. 
Leberleiden raffen mehr Menschen dahin 
als manche im allgemeinen mehr gefürditete 
Krankheiten. In Berlin starben zum Beispiel 
im Jahre 1951 von je 100 000 Personen 37,8 
an Leberkrankheiten und nur 2,7 an Influenza. 
In Bolivien fielen in einem der letzten Jahre 
^Veimal soviel Menschen Erkrankungen der 
lieber und Gallenwege zum Opfer wie Krebs 
krankheiten. 
In Indien sterben alljährlich Hunderte von 
Kindern im Alter von sechs bis achtzehn Mo 
naten an Lebercirrhose, einer Degenerations 
krankheit der Leber. Aus jüngsten ärztlichen 
Berichten jedoch geht hervor, daß das Leben 
dieser Kinder oft mit Hilfe von Antibiotika 
gerettet werden kann. So schreibt Dr. P. 
Krishna Rao aus Bangalore in den Annah of 
the New York Academy of Sciences, daß nach 
Behandlung mit Terramycin und bestimmten 
Nahrungszusätzen „... Kinder, die sonst zum 
Tode verurteilt gewesen wären, am Leben ge 
blieben sind.“ 
Eine andere Erkrankung, die sich verhee 
rend auf die Leber auswirkt — „Kwashiorkor“ 
— gehört zu den tödlichsten aller Krankhei 
ten, die Kinder überhaupt befallen können. 
Zuerst nur in Afrika beobachtet, tritt das Lei 
den, das auf proteinarmer Ernährung beruht, 
>n fast allen Teilen der Welt auf. 
Auf Grund von kürzlich durchgeführten 
Laboratoriumsversuchen ist jedoch damit zu 
rechnen, daß geringe Zusätze fon antibioti 
schen Wirkstoffen, wie z. B. Terramycin, zur 
Nahrung Kinder gegen diese Krankheit 
schützen werden. 
Eine virusbedingte Lebererkrankung, die 
Hepatitis epidemica — oft einfach Gelbsucht 
genannt — tritt immer wieder in epidemischer 
Form in allen Teilen der Welt auf. Eine 
spezifische Kur für diese Infektion ist bisher 
nicht entdeckt worden. Jedoch wurde kürzlich 
von ärztlicher Seite berichtet, daß Terramycin- 
behandlung günstige Ergebnisse mit sich 
brachte. 
So berichten zwei chilenische Ärzte, Dr. H. 
Ducci und Dr. R. Katz, in der amerikanischen 
Fachzeitschrift „Gastroenterologydaß junge 
Patienten, die todkrank und bewußtlos an 
Hepatitis damiederlagen, mit Hilfe dieses 
Antibiotikums und des Hormons Cartison ge 
rettet werden konnten. „Zum ersten Male in 
unserer langjährigen Erfahrung mit akuter 
Hepatitis“, so erklären sie, „haben wir erlebt, 
daß bereits im Koma befindliche Patienten 
sich wieder erholten.“ 
Das gibt es auch noch! 
Forderung weiblicher Arbeitnehmer nach 
Freiheit stößt auf Gewalt. 
Die Nachricht, daß tausend japanische Sei 
denspinnerinnen ihre Wut an dem General 
direktor ihres Unternehmens ausgelassen ha 
ben, weil er verheiratetes Personal am Zu 
sammenleben hindert, wirft ein Schlaglicht 
auf die unerhörten Verhältnisse, die den 
IBFG veranlaßlen, den streikenden Spinne 
reiarbeitern in Japan ein Telegramm als Zei 
chen der Solidarität zu senden. 
In dem an den japanischen Textilarbeiter 
verband gerichteten Telegramm wird den 
streikenden Arbeitern in den Fabriken der 
Ohmi-Spinnerei volle Unterstützung zuge 
sagt. 
Die Belegschaft — es handelt sich meistens 
um junge Spinnerinnen, die in den Schlaf- 
raumen der Betriebsanlagen untergebracht 
sind — fordert das Recht auf freie Ausübung 
ihrer Religion und auf Führung eines nor 
malen Ehelebens ohne die Einmischung des 
Unternehmens. Sie verlangen, daß die Gesell 
schaft aufhört, ihre Briefe zu zensieren und 
ihre persönlichen Angelegenheiten zu kon 
trollieren. Sie bestehen auf freien Ausgang 
am Abend, ohne Sondergenehmigung der Be 
triebsleitung. 
Die Verhältnisse in den zehn Fabriken der 
Ohmi-Spinnereigesellschaft, auf die der Streik 
gegenwärtig begrenzt ist, sind zwar unglaub 
lich, doch sind derartige Zustände weit ver 
breitet und in vielen kleineren und mittleren 
Betrieben in ganz Japan, insbesondere in der 
Textilindustrie, anzutreffen. Da es sich bei 
dem Personal vielfach um junge, in eigenen 
Räumen der Gesellschaft untergebrachte 
Mädchen handelt, vermag die Firma maß 
geblichen Einfluß auf ihr Privatleben zu neh 
men. Dazu gehört eine Pflichtschulun/g im 
Sinne eines aufgezwungenen Buddhismus 
und eine fast vollständige Beaufsichtigung 
jeder sonstigen kulturellen und freizeitlidien 
Tätigkeit. Die Arbeitszeit wird allein von der 
Gesellschaft bestimmt. Überstunden sind an 
der Tagesordnung und werden kaum voll 
bezahlt An Bequemlidikeiten, wie Speisesälen 
und Umkreideräumen, mangelt es völlig. Der 
Produktionswettbewerb zwingt die Spinne 
rinnen zu übermäßiger Anstrengung ohne 
Rücksicht auf körperliche Leistungsfähigkeit. 
Die Gesellschaft lehnt es ab, die für das Per 
sonal zuständige Gewerkschaft anzuerkennen. 
Diese wurde vor einem Monat vom Textil 
arbeiterverband nadi mehr als einjälhrigen 
Bemühungen geschaffen. Die bis dahin ein 
zige Gewerkschaft befand sich in den Händen 
der Betriebsleitung, die alle Funktionäre ein- 
setzte. 
Die neue, bereits 13 000 Mitglieder umfas 
sende Gewerkschaft, stellte im vergangenen 
Monat ihre Forderungen. Als die Gesellschaft 
Verhandlungen ablehnte, trat die Belegschaft 
in den Streik. Die Vertrauensleute waren ge 
zwungen, geheim zusammenzukommen, um 
die Gewerksdiaft zu organisieren, weil jedes 
gegen die Betriebsgewerksdiaft sich wendende 
Belegschaftsmitglied entlassen worden war. 
Mehrere Arbeiter wurden von einer mit Ge 
walt vorgehenden „Schutztruppe“ verletzt, 
die die Gesellsdiaft eingesetzt hatte, um den 
Streik zu brechen und die Streikenden zu 
unterdrücken. 
Der japanische Seeleuteverband übermit 
telte dem IBFG durch das IBFG-Büro Tokio, 
das die Entwicklung der Dinge eingehend 
verfolgt, Einzelheiten über den Konflikt. Die 
Internationale Transportarbeiterföderation hat 
bereits angedeutet, daß sie beabsichtigen 
würde, Boykottmaßnahmen der japanischen 
Gewerkschaften gegen die Verschiffung von 
Erzeugnissen der Gesellsdiaft zu unterstützen. 
Sämtliche japanische Landeszentralen haben 
sich mit den Streikenden solidarisch erklärt, 
und der Arbeitsminister hat den Generaldirek 
tor der Gesellsdiaft ermahnt, mit der Gewerk 
schaft zu verhandeln. Die dem japanischen 
Justizministerium beigegebene Kommission 
für Menschenrechte hat erklärt, daß die Maß 
nahmen der Arbeitgeber eine Verletzung de<r 
Mensdienredite darstellen. Trotzdem hat die 
Olimi-Gesellsdiaft starr an ihrem Standpunkt 
festgehalten. Wegen ihrer niedrigen Produk 
tionskosten vermodite sie jeden ernsthaften 
Wettbewerb auszuschalten und sidi zu einem 
der stärksten Textilkonzerne Japans zu ent 
wickeln. Sie hat niemals gezögert, ihre Macht 
zu benutzen, um die Absiditen der japani 
schen Gewerksdiafter zu zersdilagen. 
Die japanisdie öffentlidikeit stellt ganz 
auf der Seite der Streikenden, die sich ja 
nicht nur für sich selbst, sondern auch für die 
vielen anderen einsetzen, die unter ähnlichen 
Verhältnissen in anderen japanischen Fabriken 
zu leiden haben. Ihr Sieg wäre somit für die 
Masse der unterdrückten japanischen Arbeiter 
ein großer Erfolg. 
(ID 56/54 vom 16. Juli 1954)
	        

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