Full text: 8.1954 (0009)

Wohnung 8 000.— bis 9.000.— ffrs Miete zu 
bezahlen! Sie ist also oft gezwungen, weiter 
in baufälligen Notwohnungen und Baracken 
zu vegetieren, nicht zu wohnen. Es ist dies 
ein unwürdiger Zustand für ein Kulturland 
im 20. Jahrhundert, dessen Fortschritte und 
Errungenschaften auf den Gebieten der Tech 
nik und Zivilisation doch in erster Linie den 
schaffenden Menschen der Kulturländer zuzu 
schreiben sind. Wieviel Arbeitswillen und Er 
findungsgeist, wieviel Fleiß und wieviel 
Opfer haben diese Menschen gebracht, um 
das Leben schöner, praktischer und angeneh 
mer zu gestalten, und wie wenig profitieren 
seine einfachen, fleißigen, schaffenden Men 
schen davon. Man hat vielmehr den Eindruck, 
als ob in der zweiten Hälfte dieses an Wider 
sinn und Unsinn so reichen Jahrhunderts, 
dessen Narrheit sich am deutlichsten in deT 
Wasserstoffbombe demonstriert, ein allge 
meiner Rückschritt auf das 19. Jahrhundert 
hin zu verzeichnen wäre! Nämlich eine Auf 
teilung in wenige unermeßlich Reiche und 
unendlich viele Bitteranne! Man redet so 
furchtbar viel von Demokratie und Menschen 
rechten und sieht so selten wirkliche Taten 
zum Wohle der Allgemeinheit. Wen trifft für 
diesen unschönen, ungerechten und ungesun 
den Zustand die Verantwortung und die 
Schuld? 
In erster Linie den Arbeitnehmer selber, 
wiederum gleichgültig, ob es sich dabei um 
Beamte, Angestellte oder Arbeiter handelt. 
Warum? So sehe ich Euch mit erstaunten 
Augen fragen! Wieso? Was haben wir zu 
dem jetzigen Zustand beigetragen? Nichts 
habt Ihr getan, garnichts, das ist es ja eben! 
Ein großer Teil von Euch ist — um das Kind 
einmal ganz klar beim Namen zu nennen — 
nicht gewillt, für seine Rechte und Interessen 
zu kämpfen. In dieser Welt und vor allem in 
unserem materialistischen Zeitalter muß man 
aber um seine Rechte kämpfen wie in der 
Natur jedes Tier und jede Pflanze um seinen 
Platz an der Sonne kämpfen muß. Umsonst 
ist der Tod Eure Väter und Vorväter haben 
Euch den jetzigen Lebensstandard erkämpft 
in harten, opferreichen Kämpfen, achtet 
darauf, daß Ihr nicht nach und nach ein Recht 
nach dem andern verliert und man Euch 
zurückdrückt auf einen Zustand und Verhält 
nisse, wie «e vor 100 Jahren in Europa 
herrsditenl Wißt Ihr noch wie das war? Kin 
der arbeiteten in Bergwerken und Spinnereien 
18 Stunden und mehr am Tag mit einem 
trockenen Stückchen Brot. Denkt an die 
Greuel in den englischen Spinnereien, die 
Weber in Schlesienl Sklavenfron schlimmster 
Art im Zeichen des Fortschritts. Eure Väter 
und Großväter haben Euch den 8-Stunden- 
Tag und viele andere Erleichterungen und 
Verbesserungen für den Arbeitnehmer er 
kämpft, es wurde ihnen nichts geschenkt. 
Stück für Stück mußten sie es einer profit- 
gierigen Unternehmerschaft- abringen. Sie 
konnten in diesen Kämpfen nur siegen und 
»ich durchsetzen, weil sie sich in ihren Ge 
werkschaften fest zusammengeschlossen hatten 
und kein noch so schweres Opfer finanzieller 
oder zeitlicher Art scheuten, um zum gemein 
samen Kampf beizutragen. 
Und heute? Man braucht sich nur eine Be- 
legschaftsversammlung anzusehen? Ich habe 
welche miterlebt mit 1% — in Worten — 
einem Prozent Beteiligung. Wundert Ihr Euch 
da noch, wenn uns der Arbeitgeber auslacht? 
Man hört immer wieder die Äußerung: Ach 
die Gewerkschaft macht ja doch nichts! Oder, 
— die Arbeitgeber bezahlen uns ja doch nur 
»oviel sie wollen — Meine lieben Arbeits 
4 
kollegen, wenn sie uns nur soviel bezahlten, 
wie sie wollten, dann bekämen wir nicht viel 
mehr wie jene englischen Kinder in den 
Spinnereien von Manchester vor 100 Jahren. 
Glücklicherweise sind wir doch noch nicht so 
weit, daß sie uns bezahlen wie sie wollen, 
sondern immer noch so, wie sie müssen. Sie, 
die Arbeitgeber, nehmen sich dabei allerdings 
in zunehmendem Maße kleinere und auch 
größere Freiheiten in den komplizierten 
Lohnsystemen heraus — zu ihren Gunsten 
selbstredend — und die Arbeitnehmerschaft 
kann es sich nicht leisten, da auf die Dauer 
tatenlos und uninteressiert zuzusehen. Es 
geht ja schließlich dabei nicht nur um uns, 
sondern auch um das Wohl und Wehe unserer 
Familie und unserer Kinder. Es geht um die 
Zukunft! Stillstand ist Rückschritt! In den 
letzten 9 Jahren nach dem Ende des letzten 
großen Krieges sind außer schönen W'orten 
und Proklamationen für die Arbeitnehmer 
schaft keine allzugroßen Ziele und Forderun 
gen mehr erreicht worden, jedenfalls stehen 
diese in keinem Verhältnis zu den schönen 
Worten mit Proklamationen. 
In allen Staaten Europas herrscht heute 
„angeblich“ die Demokratie, d. h. eine de 
mokratische Staatsform. Demokratie heißt 
Volksherrschaft. Man kennt eine liberale De 
mokratie, eine christliche — verschiedene 
Zwischenformen — und schließlich Volksde 
mokratien. Der kleine Mann wäre also der 
Herrscher?! Leider ist das über die Abgabe 
des Stimmzettels nur sehr unvollkommen der 
Fall und er wird nicht darum herum kom 
men, sich zur Wahrnehmung seiner Interessen 
zu Interessen- und Kampfgemeinschaften zu- 
sammenzusdiließen. Für den Arbeitnehmer 
kann dies nur die Gewerkschaft sein, und 
zwar gehören da restlos alle hinein, nicht 
nur ein Bruchteil! Die besten Verfassungen 
und Gesetze nützen bei den heutigen kom 
plizierten Finanz-, Wirtschafts- und Sozial 
problemen nichts, wenn nicht Faddeute und 
Spezialisten da sind, die sie für den jeweili 
gen Interessenten auswerten und vertreten. 
Um die Redrte und Interessen der Arbeitneh- 
mersdiaft in den versdiiedenen Industrie 
zweigen erfolgreich gegen die Arbeitgeber und 
deren Verbände vertreten zu können, bedarf 
es umfassender Kenntnisse und vieler Erfah 
rung und der Erfolg der Interessenvertretung 
hängt nidit zuletzt davon ab, inwieweit es 
gelingt, Fadikräfte für die Ziele der Gewerk- 
sdiaft einzuspannen. Dafür muß der Arbeit 
nehmer die Mittel aufbringen und zwar jeder 
Arbeitnehmer, wenn er eine wirksame Interes 
senvertretung wünscht. 
Man mag mit mandiem im Verband und 
Betrieb nidit zufrieden sein bezüglich der 
Gewerksdiaftsarbeit, sowohl in personeller 
als auch in sonstiger Hinsicht, das kann man 
aber nicht dadurch ändern, daß man abseits 
steht und sich um garnichts kümmert. Nein! 
Jeder Arbeitnehmer gehört in die Gewerk 
schaft, nicht nur als zahlendes Mitglied, son 
dern als Kämpfer und Antreiber, jawohl als 
Antreiber! Besucht die Versammlungen und 
tragt Eure berechtigten Forderungen vor und 
unterstützt diejenigen Arbeitskollegen und 
Vertrauensleute, die oft keine Mühe und kein 
Risiko scheuen, um Eure Interessen wahrzu 
nehmen. Wenn wir unser Ziel erreichen und 
der Arbeitnehmersdraft einen wohlverdienten, 
angemessenen und zeitgemäßen Lebensstan 
dard sichern wollen, so haben wir keine Zeit 
zu verlieren. Das beste Betriebsverfassungs 
gesetz — wir haben nidit das beste — nützt 
uns nidits, wenn wir nidit willens und fähig 
find, die darin festgelegten Paragraphen auch 
zu unseren Gunsten zu verfechten und durch 
zusetzen. 
Wenn Du, lieber Arbeitskollege, meinen 
Ausführungen zustimmst, so gib diesen Ar 
tikel weiter an deinen Kollegen, für den Du 
mitbezahlst, Deinem Kollegen, der sich um 
nidits kümmert, der nur ab und zu mal mault, 
es würde nichts gemacht. Vielleidit sieht er 
ein, daß es nidit nur um Deine Existenz und 
Zukunft geht, sondern auch um seine eigene 
und die seiner Familie. Wir müssen uns zu- 
ßammensdiließen zur Sidierung unserer I.e- 
bensredite. Dazu ist es notwendig, daß die 
Gewerkschaften nidit vegetieren, sondern 
leben und aktiv werden. Euch, die mitarbei- 
ten und milkämpfen und Eudi, die Ihr die 
unverdienten Früdite des gewerksdiaftlidien 
Kampfes stillschweigend und gleichgültig in 
Ansprudi nehmt, rufe ich die Worte des 
großen deutschen Didrters zu: 
„Feiger Gedanken, bänglidies Sdiwanken 
weibisches Zagen, ängstliches Klagen 
wendet kein Elend, madi Dich nidit frei 
allen Gewalten, zum Trutz dich erhalten 
ninnner sidi beugen, kräftig sidi zeigen 
rufet die Anne der Götter herbei.“ 
(Coethe) 
Arbeiier-Filmfestspieie 
Das Internationale Institut für Arbeiterfilme 
hat für die Internationalen Arbeiter-Filmfest 
spiele, die in Hamburg vom 15. bis 18. Sep 
tember dieses Jahres abgehajten werden sol 
len, einen bemerkenswerten Zuspruch ge 
funden. 
Europäisdie und amerikanisdie Organisatio 
nen haben sdion über 20 Filme angeboten, 
aber die endgültige Auswahl wird nidit ge 
troffen werden, bevor die Organisationen in 
Asien und Afrika ebenfalls Gelegenheit hat 
ten, ihre Filme zu unterbreiten. Diese Orga 
nisationen werden gebeten, das so bald wie 
möglidi zu tun. Eine Besdireibung der ver 
fügbaren Filme ist an ILFI, 26, rue du Lom 
bard, Brüssel, Belgien, zu schicken. Die end 
gültige Auswahl wird Filme aus so vielen 
Ländern wie -möglidi umfassen und eine mög 
lichst große Vielseitigkeit des Arbeitslebens 
zeigen. 
Für die Internationalen Arbeiter-Filmfest 
spiele selbst haben viele Landesorganisationen 
sowohl wie Internationale Berufssekretariate 
Vertreter angemeldet. 
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Martin Decker & Co. GmbH. 
SAARBRÜCKEN 
Warndtstrasse 15 - Telefon 8566
	        

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