Full text: 8.1954 (0009)

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wird aber nach der starken Hand des Staa 
tes gerufen, wenn in der „freien Marktwirt 
schaft“ sich die Arbeitnehmer die Freiheit 
nehmen, ihre Arbeitskraft einmal nicht zur 
Verfügung zu stellen. Erfreulicherweise gibt 
es jedoch noch besonnene Personen und 
Zeitungen in Westdeutschland. So leitete 
die „Frankfurter Allgemeine“ am Donners 
tag einen Artikel mit den bemerkenswerten 
Worten ein: „Lohnbewegungen sind etwas 
Natürliches — genau so wie Preisbewegun 
gen. Unnatürlich erscheinen sie nur dort, 
wo nicht die Freiheit, sondern die Diktatur 
herrscht.“ 
Hier können wir der „Frankfurter Allge 
meine“ Wirklich einmal zustimmen, um so 
mehr als wir doch am besten beurteilen kön 
nen, daß verantwortungsbewußte Gewerk- 
sdiaften den Streik als letzte Lösung betrach 
ten, der wegen seiner schweren Folgen für 
die Arbeitnehmer und die Allgemeinheit nicht 
leichtfertig vom Zaune gebrochen werden darf, 
und der ja auch letzten Endes nur ausgerufen 
werden kann, wenn er vom Willen der Ar 
beitnehmer in den Betrieben getragen wird. 
Dieser Wille scheint in der Bundes 
republik wirklich vorhanden zu sein; denn bei 
den durchgeführten Urabstimmungen wurde 
die erforderliche Dreiviertelmehrheit bei wei- 
s-n- tem überschritten. 
Es ist von hier aus natürlich schwer, schon 
heute Prognosen über den Ausgang der Lohn 
kämpfe in der Bundesrepublik anzustellen, 
jedenfalls glauben wir bei den bisher erzielten 
Erfolgen und bei der Kampfentschlossenheit 
des deutschen Arbeitnehmers die Aussichten 
günstig beurteilen zu können. 
Unseren deutschen Kollegen wünschen wir 
jedenfalls vollen Erfolg, ist dodi der Ausgang 
der westdeutschen Lohnbewegung für die ge 
samte europäische Arbeitnehmerschaft, die 
ebenfalls noch weit davon entfernt ist, in aus- 
reichendem Maße an dem Sozialprodukt teil 
zuhaben, von ganz erheblicher Bedeutung. 
Auch in den USA 
lebhafte Lohnbewegungen 
Im ersten (Quartal 1954 ist es bei rund 80 
v. H. von insgesamt 222 Arbeitsverträgen, 
deren jeder die Arbeitsbedingungen für etwa 
1000 Arbeiter beinhaltet, zu Lohnerhöhungen 
gekommen. In der Hälfte der Fälle beliefen 
sich diese Lohnerhöhunge auf weniger als 
7 Gent je Arbeitsstunde. Von den Arbeitern, 
auf die Abkommen mit Lohnerhöhungen An 
wendung finden, erhielten ungefähr die Hälfte 
Erhöhungen ihres Stundenlohnes bis zu 
6 Cent. Nur in rund einem Fünftel deT 222 
Kollektivverträge wurde keine Änderung der 
Löhne vorgenommen. 
In den meisten Abkommen wurden die 
Stundenlöhne sämtlicher Arbeiter um einen 
einheitlichen Betrag erhöht, nur in 16 war 
die Erhöhung für Facharbeiter eine größere, 
und in 19 wurden sonstige Abstufungen oder 
Ausgleichsregelungen erzielt. Zu einer pro 
zentualen Erhöhung der Arbeiterlöhne kam 
es in sieben Verträgen. 
Die Bestimmungen über automatische Lohn 
erhöhungen nach Maßgabe der steigenden 
Lebenshaltungskosten wurden in 44 Abkom 
men, die auf 86 000 Arbeiter Anwendung 
finden, entweder erneuert oder neu einge 
führt, aus 15 Verträgen aber, die auf 180 000 
Arbeiter Bezug haben, herausgenommen. Zur 
letzteren Gruppe gehören auch drei Abkom 
men mit Eisenbahngesellschaften, die allein 
123 000 Arbeiter betreffen. 
Von den Abkommen, in denen die Löhne 
für dieses Jahr erhöht wurden, gaben 14 auch 
näher bekannt, welche Lohnerhöhungen die 
25 000 Arbeiter, auf die sie Bezug haben, im 
Jahre 1955 und in den darauffolgenden Jah 
ren zu erwarten haben, und fünf sicherten 
den 18 000 Arbeitern, für die sie Gültigkeit 
haben, künftige Kürzungen der wöchentlichen 
Arbeitszeit bei gleichbleibender Bezahlung zu. 
Das Gros der Abkommen, die Lohner 
höhungen vorsehen, nahm auch gewisse Ver 
änderungen in einer oder mehreren der den 
Arbeitern zugute kommenden sozialen Ein 
richtungen vor; so wurde in rund einem 
Drittel die Gesundheits- und Sozialfürsorge 
großzügiger gestaltet und in einem Viertel 
die Anzahl der bezahlten Feiertage und das 
Urlaubsgeld erhöht. 
Mitglieder sprechen: 
Ein Kollege aus einem Betrieb der Metall 
industrie läßt uns nachstehende Zeilen zu 
gehen, die wir ohne Kommentar unter unsern 
Lesern zur Diskussion stellen. Leider sind bis 
her derartige Diskussionsbeiträge auf eine 
spärliche Resonanz gestoßen. Wir bedauern 
dies um so mehr, als wir doch in unserm 
Organ nicht vorfabrizierte Meinungen bringen, 
sondern die Stimme unserer Mitglieder hören 
wollen. Also, lieber Leser, Du hast das Wort 
zu einer Stellungnahme zu den angeschnittenen 
Fragen. Auch Du sollst Deine Meinung 
äußern können, auch dann, wenn sie mit 
unserer Auffassung nicht übereinstimmt. 
Werter Arbeitskollege! 
Hier schreibt kein Gewerkschaftssekretär, 
sondern ein Arbeitskollege, der wie Du jahr 
aus jahrein auf Früh-, Mittag- und Nacht- 
schicht geht, um dafür eine Bezahlung zu 
empfangen, die für ihn und seine Familie 
zum Sterben zuviel, zum Leben aber oft au 
wenig ist. Ich meine damit ein sdilidites und 
einfaches Leben, wie es sich für Menschen 
des 20. Jahrhunderts in einem Kulturstaat 
gehört. Um nicht absichtlich mißverstanden 
zu werden, — man mißversteht gerne, ivenn 
es sich um Forderungen der Arbeitnehmer 
schaft handelt — will ich es etwas genauer 
definieren. Jeder Arbeitnehmer, gleichgültig, 
ob er Beamter, Angestellter oder einfacher 
Arbeiter ist, sollte so bezahlt werden, daß er 
bei ordentlicher, regelmäßiger und gewissen 
hafter Arbeit folgende Ziele verwirklichen 
kann: 
1. Der Arbeitnehmer und seine Familie sollen 
satt zu essen haben! 
2. Der Arbeitnehmer und seine Familie sollen 
anständig und zeitgemäß wohnen können, 
In neun dieser Abkommen, die zwar den 
von ihnen betroffenen 78 000 Arbeitern keine 
Lohnerhöhungen brachten, wurden soziale 
Einrichtungen entweder neu eingeführt oder 
verbessert In einem Fall, der auf rund 1000 
Arbeiter Bezug hatte, wurde eine Lohnkür 
zung vorgenommen. 
In dieser Zusammenstellung sind alle jene 
Kollektivverträge inbegriffen, die in den 
ersten drei Monaten des laufenden Jahres 
tatsächlich abgeschlossen worden sind, nicht 
aber jene Fälle von Lohnerhöhungen, die 
wohl in dieser Zeit in Kraft traten, über die 
aber schon früher verhandelt worden war, 
also irgendwelche mit den Lebenshaltungs 
kosten zusammenhängende Regelungen, jähr 
liche Aufbesserungen oder bereits früher für 
diesen Zeitpunkt vereinbarte Lohnerhöhungen. 
Sie beinhaltet aber auch solche Änderungen 
in den Kollektivverträgen, die wohl im ersten 
Quartal 1954 abgemacht worden sind, aber 
erst im weiteren Verlauf des Jahres in Kraft 
treten werden, und alle jene Regelungen, die 
gleichfalls in der Berichtszeit festgelegt wor 
den sind, aber erst in den kommenden Jahren 
wirksam werden. „Welt der Arbeit“ Nr. 32 
das heißt, nicht in baufälligen Ruinen oder 
Baracken, sondern in Wohnstätten, die 
zeitgemäß sind und gesunden Ansprüchen 
in kultureller, sittlicher und hygienisdier 
-Beziehung entsprechen. 
3. Er soll sich anständig und sauber kleiden 
können. Es ist nicht unbedingt erforder 
lich, daß man ihm auch am Sonntag den 
Kumpel aus der Grube oder vom Hoch 
ofen auf bereits 200 m ansieht 
4. Er soll, ohne es sich am Munde abzu 
sparen, in der Lage sein, sich eine solide 
Wohnungseinrichtung zu beschaffen. 
5. Der Arbeitnehmer soll soviel verdienen, 
daß er sich über diese Dinge hinaus auch 
eine gewisse Erholung und Entspannung 
leisten kann. Mit seiner Familie mal eine 
Urlaubsreise machen kann, eine Theater 
vorstellung oder Kino besuchen und 
schließlich einige Ersparnisse in Geld oder 
Sachwerten anlegen kann. 
Man kann diese 5 Ziele nur als Mindest 
forderung betrachten und kein vernünftig und 
billig denkender Mensch kann deren Berech 
tigung abstreiten. Nun frage ich Dich, lieber 
Arbeitskollege, zu welchem Prozentsatz und 
bei wievielen von uns sind diese 5 Voraus 
setzungen erfüllt? Ist es nicht vielmehr so, 
daß es bei den allermeisten von uns gerade 
zum Essen und zum Kleiden reicht? Wohnung 
ist ein Problem! Und bei jeder dringenden, 
größeren Anschaffung kommt der Etat bereits 
ins Schwimmen. Um es nur an einem Beispiel 
zu verdeutlichen: Bei einem Durchschnitts 
einkommen von 30 000.—ffrs. kann eine vier 
köpfige Arbeiterfamilie unmöglich verant 
worten, für eine moderne 2 bis 3-Zimmer- 
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