Full text: 7.1952 (0007)

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Oktober 1952 
Fabrikarbeiter - aufgepaßt! 
resultiert weiter daraus? Mi tb es tim* 
m u n g bei Einstellungen (Der Betriebs 
rat kennt in vielen Fällen den Betrieb 
bestimmt besser als mancher Unterneh 
mer), ferner Einspruchsrecht bei Hö 
hergruppierungen, damit auch wirklich 
nach Leistungen entlohnt wird und nicht 
nach Gunst, Mitbestimmung bei Akkord 
festsetzung, damit nicht durch über 
mäßige Schufterei Mehrverdienst erzielt 
werden muß, der Arbeiter und Fami 
lien letzten Endes nur Schaden bringt, 
bei Unfallverhütung, damit hier auch 
das letzte getan wird, bei Lehrlingsaus 
bildung und vielem andern. 
Die jetzigen Betriebsräte sind schon 5 
Jahre über die Zeit im Amte. Schon 
vor Jahren setzten Versuche ein, ein 
neuzeitliches Gesetz an der Saar zu 
schaffen. Man hätte auch schon längst 
Als der I.V. Groß- und EimreU-^ndel der EG 
zum 25. September die Angestellten dieser Bran 
chen, sowie die bei Banken, Sparkassen und 
Versicherungsgesellschaften und Generalagentu 
ren, zu einer Protestkundgebung in den Saar 
brücker Johannishof aufrief, konnte der Leiter 
der Kundgebung, Kollege Hektor, eine m 
Anbetracht des schlechten Wettere überaus zahl 
reiche Zuhörerschaft begrüßen. Die Kundge 
bung war notwendig geworden, weil ein wesent 
licher Teil der Arbeitgeber gegenüber den ge 
rechten Forderungen der Angestellten taube 
Ohren markiert hatte. Koll. Hektor schilderte 
die Bemühungen der Gewerkscnaften um ge 
rechte Gehaitsvereiabarungen. Besondere Em 
pörung unter den Angestellten hatte die brüske 
Haltung der Arbeitgeberverlretung des Groß- 
und Einzelhandels verursacht. Die Preisent 
wicklung veranlaßte im Februar ds. Js.^die Ge 
werkschaften, eine restliehe lOprozentige Ge 
baltsforderung erneut und mit Nachdruck vor 
zubringen. Trotz der weiteren Teuerung wurde 
vom Arbeitgeberverband überhaupt nicht rea 
giert. 
Vom Bedingungsausschuß der Banken sei 
eine Antwort eingegangen, aber in ablehnendem 
Sinne. 
Anders sei es bei den Sparkassen.. Hier 
stehe man vor dem Abschluß eines Tarifver 
trages mit einer Besserstellung für die Ange 
stellten. Das gleiche gelte für das Versi 
cherungsgewerbe, wo eine Neuregelung 
der Koeffizienten eine Besserstellung ab 
1. Oktober 1952 ergebe. Es sei zu hoffen, daß 
diese sich auch auf alle anderen Versicherungs 
gesellschaften erstrecken werde, vor allen Din 
gen auf die hiesigen franz. Unternehmen. Bei 
der Durchführung dieser Neuregelung sollten 
die Betriebsräte tatkräftig mitwirken. Von den 
Versicherungsgesellschaften sei die von- beiden 
Gewerkschaften geforderte Berufsjahranerken- 
nurag noch nicht akzeptiert worden. Auch bei 
den Versicherungsgesellschaften müsse, wie dies 
bei Banken und Sparkassen bereits geschehen ( 
eine Erhöhung der Dienstalterszulage von 15 
auf 24 Prozent gefordert werden. Die Versiche- 
rungs-Generalagenturen hätten noch keinen po 
sitiven Bescheid gegeben. Beide Gewerkschaften 
forderten, daß die Angestellten bei den General- 
agenturen die gleiche Bezahlung, die gleiche 
Urlaubsbeihilfe usw. erhalten, wie die bei den 
Versicherungsgesellschaften. 
Als Kollege Hektor darauf ausrief: ,,Die An 
gestellten werden wissen, was sie zu tun habenl“, 
da erscholl lebhafter Beifall, und man wird sich 
im klaren darüber sein müssen, daß die hier 
bekundete Entschlossenheit von Dauer sein wird 
und die Entschlüsse herbeiführt, die nun ein 
mal notwendig werden, um mit allem Nach 
druck der Gerechtigkeit zum Durchbruch zu 
verhelfen. 
Bei der Regierung hatten die Gewerkschaften 
ebenfalls interveniert und die Aufhebung des 
Sonderbehandlung der Angestellten und die Feet 
ein neues Gesetz, wenn die Arbeitneh 
mervertreter mit dem zufrieden wären, 
was die Gegenseite anbietet. Die Einheits 
gewerkschaft hat sich sehr eingehend 
mit der Materie befaßt und längst ent 
sprechende Vorschläge unterbreitet. We 
sentlich für uns ist, daß das neue Ge 
setz die volle Mitbestimmung bringt und 
sich auf alle Arbeitnehmer erstreckt, 
auch auf den öffentlichen Dienst. Sollte 
der Gesetzentwurf absolut unzulänglich 
sein, so müßten die Arbeitnehmerver 
treter im Parlament ihm die Stimme ver 
sagen. (Man wird sich überhaupt auch 
weiterhin sehr genau ansehen müssen, 
wie hier im Parlament die Dinge laufen, 
um zu wissen, wie Regierung und Par 
lamentarier gerade in der Phase der 
Entscheidung eingestellt sind.) 
Setzung des bisher unterschrittenen Mindest 
gehalts auf 20 854 Frs. im 1. Berufsjahr 
in der Ortsklasse I beantragt. Hierüber seien 
alsbald Verhandlungen in Aussicht genommen. 
Ein weiterer Protest der Kundgebung richtet 
sich gegen die dauernde Verschleppung des Be« 
triebsrStegesetzes. Es wird die sofortige Verr 
abschiednng verlangt, andernfalls Aktionen ge 
startet werden, über die sjch alle Gewerkschafts 
verbände einig sind. Kollege Hektor verlas da 
zu den Beschluß der EG vom 10. 9. 
Als der Redner dann die gewerkschaftliche 
Forderung auf Aenderung des derzeitig?« Zu 
standes an der Saar auch von dieser Kundge 
bung klar herausstellte, fand er laute Zustim 
mung und allgemeinen Beifall, besonders als 
er die diesbezügliche Entschließung der Ein 
heitsgewerkschaft vom 10. September verlas, die 
insbesondere die Abschaffung der Konventio 
nen und dafür als Provisorium WirtschaftsveiJ 
träge mit voller Gleichberechtigung verlangt. 
Erfreut nahm man die Mitteilung zur Kennt 
nis, daß man mehreren Protesten beim ehemali 
gen Hohen Kommissariat endlich mit der Frei 
gabe der seit Jahren bei den saarländischen Kre 
ditinstituten gesperrten restlichen Reichsmark 
konten alsbald zu rechnen sei, und zwar zum 
Kurs von 1:20. 
Kollege Hektor konnte verheißungsvoll zu' 
den jetzt erneut erhobenen Forderungen sagen: 
„Sie haben gesehen, wie die beiden Gewerk 
schaften erfolgreich den freien Nachmittag ge 
startet haben, und in Einigkeit werden wir auch 
unter Anwendung der notwendigen Maßnahmen 
neue Erfolge erringen.“ 
Als Gast sprach Kollege Lenhart von der 
CGS. Auch er unterstrich, daß es notwendig 
sein könnte, gemeinsam zu den äußersten ge 
werkschaftlichen Mitteln zu greifen, um Ge 
rechtigkeit zu erlangen. Die Angestelltenschaft 
sei auf dem besten Wege. Sie müsse fortfahren, 
sich durch die starke Organisation in Solida 
rität das ihr zustehende Ansehen restlos zu 
verschaffen und zu sichern. Wenn das neue Be 
triebsrätegesetz Wünsche offen lasse, so sei der 
Grundsatz zu beherzigen: Es kommt nicht dar 
auf an, was man au3 einer Sache macht. 
Beide Redner fanden das volle Einverständnis 
der Versammlung, als eie feststellten, daß di* 
Gewerkschaften für den Fall, daß bis zu An 
fang Oktober keine Einladung zu erfolgverspre 
chenden Verhandlungen an die Gewerkschaften 
von seiten der Arbeitgeber ergangen ist, die 
äußersten gewerkschaftlichen Mittel Platz grei 
fen. 
* 
In Verhandlungen ist inzwischen erreicht 
worden, daß ein wesentlicher Teil der oben an 
geführten Forderungen angenommen worden ist. 
In weiteren Besprechungen werden auch die 
restlichen Punkte alsbald geklärt sein. Näher* 
Einzelheiten werden in Kürze den Verbandsmit 
gliedern bekanntgegeben. 
In der letzten Lohn Verhandlung, die zwischen 
der Firma Villeroy & Boch und den Gewerk 
schaften geführt wurde, wurde von uns gefor 
dert, den Handwerkern und Zeitlohnarbeitern 
eine höhere prozentuale Lohnerhöhung zu ge 
ben, weil die Stundenlöhne derselben gegenüber 
anderen Industriezweigen viel zu niedrig seien. 
Es wurde uns versprochen, diese Frage in 
einer noch stattzufindenden Lohnverhandlung zu 
klären. Leider wurde öfters verhandelt, aber 
immer ohne Erfolg. In dem letzten Schreiben, 
das uns die Genieraldirektion nun zugehen ließ, 
wurde uns mitgeteilt, daß man die Frage wie<- 
derum zurückstellen soll. 
Unsere Geduld ist zu Ende, wir können diese 
Angelegenheit nicht mehr länger hinausschieben 
und werden nun die Angelegenheit an den staat 
lichen Schlichter weiterleiten. 
Aber wichtig ist folgendes: Auf Grund des 
oben erwähnten Schreibens der Firma V & B 
tagten auf unsere Forderung hin am Samstag, 
dem 4. 10. 1952, in Mettlach die Betriebsräte 
der Steingut- und Mosaikfabrik. Während von 
der Mosaikfabrik nur vier Vertreter anwesend 
waren (die anderen Vertreter der Arbeitnehmer 
schaft glänzten ohne Grund in Abwesenheit), 
waren von der Steingutfabrik sieben Vertreter 
anwesend, außerdem der Unterzeichnete und der 
BO. von Merrig, Koll. Büdinger. Tagesordnung 
war die Ablehnung der Handwerkerforderung 
durch die GD. 
Nach längerer Diskussion brachte der BO. 
der Steingutfabrik zum Ausdruck, daß die For- 
Am 3. 10. beschloß der Betriebsrat bei V & B 
Merrig, aus Protest gegen die ablehnende Hal 
tung der Firmenleitung zur Handwerkerlohn 
forderung seinen Rücktritt. 
Am 4. 10. 1952 kamen Delegationen aus al 
len Handwerkerkreisen des Werkes Merzig zum 
Betriebsratsvorsitzenden Büdinger und erklärten 
im folgendes: 
Die Solidaritätsbezeugung des Betriebsrates 
Merzig sei ein Beweis dafür, daß der Betriebs 
rat eindeutig auf Seiten der Handwerker und 
Zeitlohnarbeiter gestanden habe. Diese Tatsache 
habe den interessierten Kreisen ganz klar ge 
zeigt, daß der Merziger Betriebsrat und vor 
allen der Kollege Büdinger sich außerordent 
lich für die Belange der Arbeitnehmer eingesetzt 
habe. Die Delegationen wünschten in einer 
Handwerkerversammlung hierzu Stellung zu 
nehmen. Wenige Stunden später hatten dann 
alle Handwerker und Zeitlohnarbeiter Gelegen 
heit, innerhalb kurzer Zeit folgendes als F 3r- 
derung zu erheben: 
Einstimmig, bei einer Stimmenthaltung, for 
derten die Kollegen, der Betriebsrat Merzig, an 
seiner Spitze der Kollege Büdinger, müsse ab 
Betriebsrat weiter wirken zugunsten aller Ar 
beitnehmer. Dem Kollegen Büdinger sowie dem 
derzeitigen Betriebsrat wird das volle Vertrauen 
entgegengebracht. Durch spontane Zurufe kam 
der Wunsch zum Ausdruck, der Kollege Bü 
dinger möge auf der alten Basis ab Vorsit 
zender des Betriebsrates weiterhin und insba>- 
dere die Handwerkerinteressen vertreten. Einige 
der anwesenden Kollegen, vor allem der Kol 
lege Engler, unterstrich besonders die obigen 
Forderungen der Versammlung. 
Daraufhin bedankte sich der Kollege Büdinger 
bei den anwesenden Kollegen für das hier 100- 
prozentig entgegengebrachte Vertrauen und gab 
die Versicherung ab, alles zu tun, was in sei 
nen Kräften stehe, die wahren Interessen aller 
Belegschaftsmitglieder zu vertreten- Weiter er 
klärte Büdinger, die A^erhandlungsbasis mit der 
hiesigen Direktion sei auf einer guten Grund 
lage aufgebaut, leider könnten aber Verhand 
lungen betr. Handwerker und Zeitlohnarbeiter 
löhne nur auf dem Wege über die Generaldirek- 
tion in Mettlach geführt werden. 
Stellungnahme des Verbandes der Fabrikarbeiter 
Die Verbandsleitung ist erfreut über diese von 
den Handwerkern nnd Zeitlohnarbeitern ein 
genommene Haltung. Das Vertrauen, das hier 
von den oben genannten Gruppen dem jetzigen 
Betriebsrat besonders ausgesprochen wurde, 
wird dem Betriebsrat auch von allen anderen 
Arbeitnehmern entgegengebracht. 
Das ist der Beweis dafür, daß das Ziel, das 
von der Verbandsleitung vor eineinhalb Jahren 
gesteckt worden war, richtig war; nämlich Ab- 
derung nicht gerechtfertigt sei. (Kommentar 
überflüssig!) Einige Betriebsraisrnitglieder for 
derten, aus Protest gegen die Ablehnung durch 
die GD. zurückzutreten. Ueber diese Forde 
rung wurde abgestimmt. Ergebnis: Acht waren 
dagegen, daß man zurücktrete nnd drei waren 
dafür. Die Abstimmung wurde geheim durch- 
geführt. Nachdem das Abstimmungsergebnis be 
kannt war, erklärten die Kollegen Weber, Funk 
und Fuchs offiziell, daß sie aus dem Betriebsrat 
mit sofortiger Wirkung ausscheiden würden. 
(Bravo! Die Verbandsleitung.) 
Am selben Tage tagten noch die Betriebsrat« 
der Kristallfabrik Wadgassen und des 
Werkes Merzig. Beide B :.: h rate erklärten 
sich mit den Handwerkern und Zeitlohnarbei- 
tern solidarisch und erklärten einstimmig ihren 
Rücktritt aus Protest gegen die Ablehnung der 
Handwerkerforderung durch die GD. Ein Zei 
chen, daß es immer nöch Betriebsratsmitglieder 
gibt, die das in sie gesetzte Vertrauen der Be 
legschaft rechtfertigen und die sich für die Be 
legschaft, von der sie gewählt wurden, mit gan 
zer Kraft einsetzen. 
Tn diesem Zusammenhang weise ich darauf 
hin, daß in allernächster Zeit in Mettlach 
die Generalversammlung der Ortsgruppe 
stattfindet und daß es Pflicht aller Mitglieder 
ist. an dieser Versammlung teilzunehmen, damit 
endlich einmal in Mettlach reiner Tisch gemacht 
werden kann. 
Die Verbandsleitung 
I. A.: Willi Kuhnen 
lösung der alten Betriebsräte (die schon seit 
1947 im Amt waren) und Durchführung von 
Neuwahlen in Merzig und Mettlach. In Merzig 
wurde das Ziel erreicht. Seit der neue Betriebs 
rat im Amt ist, wurde von ihm in betrieblicher 
und organisatorischer Hinsicht allerhand gelei 
stet; das werden die Belegschaftsmitglieder ger 
ne bestätigen. 
Deshalb danken auch wir als Verbandslei 
tung hiermit dem Betriebsrat von Merzig und 
sprechen ihm auch unser volles Vertrauen aus 
in der Hoffnung, daß er noch lange tätig sein 
kann in Verbindung mit der Verbandsleitung 
und zumWohle aller Schaffenden des Betriebes 
V & B in Merzig. 
Gleichzeitig kommen wir als Verbandsleitung 
nicht umhin, offen hier zu sagen, daß wir Ach 
tung vor den Mitgliedern des alten Betriebs 
rates haben, die, nachdem ihnen das Vertrauen 
in einer Belegschaftsversammlung abgesprochen 
wurde, den Mut hatten, zurückzutreten. 
Diesen Mut haben z. B. die Betriebsratsmit- 
glieder der Steingutfabrik, außer den Kollegen 
Bohr, Fuchs, Funk und Weber, nicht. Wir ha 
ben immer wieder diesen Betriebsrat und ins 
besondere den Betriebsobruann auf die Pflichten 
des Betriebsrates hingewiesen. Aber immer ver 
gebens. Wir werden jetzt nicht mehr schweigen. 
Ist es Aufgabe des Betriebsobmannes, in der 
Kantine Bier und Wurst zu verkaufen, statt 
sich um die Belange der Belegschaft zu küm 
mern? Wer hat ihn zum Kantinenwirt gemacht, 
die Betriebsleitung, oder die von ihm zu ver 
tretende Belegschaft? Darüber hinaus mußten 
wir des öfteren feststellen, daß von der Betriebs 
leitung Bekanntmachungen am schwarzen Brett 
ausgehüngt wurden, die mit folgenden Worten 
begannen: „Im Einvernehmen mit dem Betriebs 
rat“ usw., daß hierzu der Betriebsrat über 
haupt nicht gehört wurde, der zu allem Ja und 
Amen sagt. 
Glaubt die Betriebsleitung, das weiterhin ver 
antworten zu können, daß sie laufend gegen Be 
triebsratsverordnungen verstößt, indem sie nur 
mit dem Betriebsobmann verhandelt? Beschlüs 
se, die nur zwischen Betriebsleitung und Be 
triebsobmann gefaßt werden und die dann am 
schwarzen Brett der Belegschaft mit den Wor 
ten „Im Einvernehmen mit dem Betriebsrat“ 
kundgetan werden, sind Betrug, und gesetzlich 
unzulässig. 
Nachdem nun mehrere Betriebsratsmitgli«- 
der ihr Mandat niedergelegt haben, sind wii 
nochmals an die Betriebsleitung der Steingut 
fabrik herangetreten zwecks Durchführung einer 
Neuwahl des Betriebsrates. Sollte die Firma 
das ablehnen, werden wir die Angelegenheit 
dem Arbeitsgericht übergeben. 
Die Verbandsleitung: 
I. A,: Willi Kuhnen. 
Entschlossenheit der Angestellten 
Protestkundgebung der Angestellten der Privatwirtschaft 
Brief eines Merziger Kollegen 
Was besagt das Taft-Hartley-Gesetz? 
Ein Gesetz bestimmt den Wahlentscheid für Millionen 
Bei der Wahl des Präsidenten der USA spie 
len die Stimmen der Gewerkschaftsmitglieder 
eine große Rolle. Beide Kandidaten wissen die« 
und stellen ihre Wahl Propaganda entsprechend 
ein. Von den Demokraten wird hierbei in letz 
ter Zeit öfters da3 gewerkschaftsfeindliche Taft- 
Hartley-Gesetz gegen die Republikaner ins Feld 
geführt, auf deren Initiative dieses Gesetz sei 
nerzeit vom Kongreß der USA gegen das Veto 
Präsident Trumans angenommen w'urde. Das 
Taft-Hartley-Gesetz nahm den Gewerkschaftin 
viele Rechte, die sich im Laufe der Zeit erobert 
hatten. Kein Wunder, daß die organisierten 
Arbeitnehmer das Gesetz ablehnen und die Ge 
werkschaften es auf das schärfste bekämpfen. 
Was besagt nun das Taft-Hartley-Gesetz und 
welches sind seine hauptsächlichsten Vorschrif 
ten? Nach dem Gesetz ist der „geschlossen* 
Betrieb“ (,,cIosed-shop“-Betrieb) verboten. Es 
handelt sich hierbei um Unternehmen, in de 
nen nur Mi! .er der Gewerkschaften einge 
stellt werden dürfen. Desgleichen verbietet das 
Gesetz den sogenannten „gewerkschaftlichen Be 
trieb („union-shop“-Betrie,b), dessen gesamt« 
Arbeitnehmerschaft den Gewerkschaften'beitre 
ten muß. Das Verbot gilt nicht, wenn sich di« 
Mehrheit der durch den Tarifvertrag erfaßten 
Arbeitnehmer dafür ausspricht, daß jede« Be 
legschaftsmitglied einer Gewerkschaft beizutre 
ten hat. Die Gewerkschaften können nur sol 
che Mitglieder ausschließen, die ihre Beiträge 
oder sonstige gewerkschaftlich? Gebühren nicht 
bezahlen. Hierdurch ist es den Arbeitnehmer 
organisationen fast unmöglich, Unternehmer- 
Spitzel oder gewerkschaftsschädigende Quertrei 
ber aus ihren Reihen zu entfernen. 
Die Betriebe dürfen die Gewerkschaftsbeiträ 
ge nur dann durch die Lohnbüros einkassieren 
und an die Gewerkschaften abführen lassen, 
wenn dies der einzelne Arbeitnehmer schrift 
lich beantragt. 
Im Falle von Arbeitskonflikten untersagt da« 
Gesetz jede Form von Boykott durch solch* 
Gewerkschaften, die nicht unmittelbar an dem 
betreffenden Konflikt beteiligt sind. Solidari 
tätsaktionen anderer Verbände werden dadurch 
erschwert. 
Es ist den Gewerkschaften weiterhin ver 
boten, Gewerkschaftsgelder bei den Präsident- 
Bchaftswahlen oder den Wahlen znm Kongreß 
irgendwelchen Parteien zur Verfügung zu stellen. 
Das Gesetz sieht ferner vor, daß durch ein© 
einseitige Verfügung das StreikpostensteJlen und 
die Auszahlung von Streikgeldern für 80 Tage 
verboten werden können, wenn durch einen 
Streik ein nationaler Notstand entsteht. Das ist 
f ;leichbedeutend mit dem Aussetzen eines Streiks 
ür 80 Tage. Bei dem letzten Stahlarbeiter- 
Streik ist die Anwendung dieser Vorschrift ver 
schiedentlich verlangt worden. Präsident Tru- 
man hatte es jedoch abgelehnt, davon Gebrauch 
zu machen. 
Den Gewerkschaften ist es verboten, die Ein 
stellung von Arbeitnehmern zu verlangen, die 
keine echt« Arbeitsleistung vollbringen oder 
deren Arbeitsleistung nach Ansicht des Unter 
nehmers überflüssig ist. Das Ausschlaggebende 
an dem Text der betreffenden Gesetzes Vorschrift 
liegt jedoch darin, daß ein* Auslegung möglich 
ist, wonach die Garantie für die Bezahlung ei 
ner wöchentlichen Mindestarbeitszeit, bezahlter 
Urlaub, ja sogar selbst Arbeitspausen untersagt 
werden können. 
Eine andere Bestimmung verbietet den Ge 
werkschaften, während einer Frist von 60 Tagen 
nach Ablauf eines Tarifvertrages einen Streik 
durchzuführen. Auf Grund dieser Vorschrift 
können die Unternehmen während des 60tägigen 
Karenzzeit rücksichtslos gegen die Gewerk 
schaften und ihre Mitglieder vorgehen, da dia 
Arbeitnehmerorganisationen nicht in der Lage 
sind, mit einem Streik zu antworten. 
Dem Unternehmer verbietet das Gesetz di© 
Bezahlung von Beiträgen zu irgendwelchen So 
zialfonds, sofern er nicht an deren Verwaltung 
teilnimmt. 
Nach einer weiteren Vorschrift des Gesetze« 
muß jeder Funktionär eines Ortsverbandes oder 
eines Zentralverbande» eidesstattlich erklären, 
daß er weder Mitglied noch Sympathisierender 
der kommunistischen Partei ist, andernfalls dl« 
betreffende Organisation amtlich nicht aner 
kannt wird. 
Auf Verlangen kleinerer Berufsgruppen kann 
bestimmt werden, daß an Stelle eines Tarifver 
trages für eine größere Anzahl von Betrieben 
nur Firmentarifverträge mit den einzelnen Un 
ternehmen abgeschlossen werden. Diese Vor 
schrift bietet den Unternehmern die Möglich 
keit von sogenannten gelben Gewerkschafts 
gruppen entsprechende Anträge stellen zu las 
sen, um damit die Schlagkraft der großen Ge 
werkschaften zu zersplittern. 
Zum Abschluß sei noch ein» Bestimmung de« 
Taft-Hartley-Gesetzes erwähnt, welch? die Ge 
werkschaften verpflichtet, jährlich eingehend« 
Berichte über ihre Finanzen sowie über das in 
terne Leben jedes einzelnen Verbandes zu lie 
fern. 
Die Gewerkschaften der USA haben von An 
fang an die Verfassungsmäßigkeit des Taft- 
Hartley-Gesetzes bestritten. Heute fordern si» 
die beiden Präsidentschaftskandidaten auf, zu 
dem Gesetz Stellung zu nehmen. Inzwischen ist 
bekannt geworden, daß der Demokrat Steven 
son das Taft-Hartley-Gesetz ablehnt, während 
»ein Konkurrent von der republikanischen Par 
tei, Ei»enhower, lediglich für sein« Aenderung 
eintritt. " S S"
	        
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