Full text: 1950 (0005)

Mai 1950 
Seite 
„QIC ARBEIT» 
I.V. Eisenbahn zu 
Der auf der Delegiertenkonferenz vom 
22. und 23. April 1950 in Sulzbach gewähl 
te Vorstand des I. V. Eisenbahn der Ein 
heitsgewerkschaft war am 4. Mai 1950 zu 
Seiner ersten außerordentlichen Sitzung 
zusammengetreten und hat nachfolgende 
Erklärung einstimmig zu c'en Verkomm i> 
ßen zum 1. Mai beschlossen: 
i. V. Eisenbahn, gegründet auf partei 
politischer und religiöser Neutralität, gibt 
zu den Vorfällen am 1. Mai folgende Er 
klärung ab: 
Die religiöse und politische Neutralität 
der Berufsorgane ist die Grundlage, auf 
' welcher sich alle Arbeitnehmer, Beamten 
und Angestellten zur Wahrneh 
mung ihrer berechtigten Interessen kraft 
voll vereinigen können. Diese Tatsache 
isi für die zukünftige Entwicklung be 
deutungsvoll und darum sehr beachtens 
wert. Die Wiederaufrichtung der europä 
ischen Wirtschaft für die Vereinigung der 
Staaten Europas ist nur möglich, wenn 
der soziale Friede, d. h. der beiden 
Wirfschaftsgruppen, Arbeitgeber und Ar 
beitnehmer, gewahrt bleibt. Die Verant 
wortung für die Wahrung des sozialen 
Friedens ist aber abhängig von der An 
erkenntnis der berechtigten Forderungen 
der Arbeitnehmerschaft durch Staats-und 
Wirtschaftsführung. Ebenso notwendig ist 
die Wahrung des Friedens zwischen den 
Nationen. Die Störung beider FAedensbe- 
zirke bedeutet Störung des Wiederauf 
baues Europas. Es ist unbestritten, daß 
die Kommunistische Partei, gestützt auf 
eine ausländische Macht, wohl unter der 
Parole des Friedens, ihre Agitation be 
treibt, jedoch ihre tatsächlichen Aktionen 
sind darauf abgestellt, im besonderen den 
sozialen Frieden zu stören. Diese Behaup 
tung wird bewiesen durch Vorfälle in den 
einzelnen Berufsorganisationen aller Län 
der. 
Der 1. Mai, von den Berufsorganisatio 
nen gedacht als eine wirkungsvolle De 
monstration für die Forttreibung und Er 
füllung berechtigter Forderungen der In 
dustrieverbände, wurde von der Kommu 
nistischen Partei dazu ausersehen, ihre 
eigenen parteipolitischen Ziele der Mas 
senversammlung vorzutragen. 
Dem Demonstrationszug, organisiert und 
geordnet durch den Gewerkschaftsaus 
schuß, wurde schon am Anbeginn seines 
Aufmarsches durch die Zwischenschal 
tung kommunistischer Jugendgruppen ein 
anderes Gepräge gegeben. Die Ordner 
des Demonstrationszuges selbst verzich 
teten aut eine tätliche Auseinanderset 
zung mit den Störern. Somit wurde diese 
■Tatsache eine Angelegenheit der Funktio 
näre der öffentlichen Ordnung. 
Aus der Besorgnis heraus, daß die zen 
trale Veranstaltung der Kommunistischen 
Partei die Möglichkeit gibt, Unruhe zu 
organisieren, hat in der Sitzung des Ge 
werkschaftsausschusses vom 27. 4. 1950 
der Vorstand des I. V. Eisenbahn eine 
Erklärung in diesem Sinne abgegeben. 
Was wir befürchteten, ist ein getreten. 
Im Hinblick darauf, daß die von der 
Kommunistischen Partei organisierten Ak 
tionen die wahrhafte luteres senwahrung 
der organisierten Arbeiterschaft schädi 
gen, kann es nicht mehr länger geduldet 
W as im Jahre 1889 für die Arbeitnehmer 
schaft noch ein Traum war, ist heute 
Wirklichkeit. Der 1. Mal ist in allen Kul 
tur Staaten zum Feiertag der Arbeit er 
klärt. Wir erinnern uns noch, wie bei uns 
Im Saarland engstirnige Arbeitgeber ihren 
Belegschaften verboten, den 1. Mai zu 
feiern. Wieviele Entlassungen und son 
stige Schikanen mußten die Arbeitnehmer 
hmnekmen, die es wagten, gegen dien Wil 
len der Arbeitgeber den 1. Mea zu feiern. 
Der Kampf um den 1. Mai als Feiertag 
der Arbeit und der Sieg, den die Arbeit 
nehmerschaft davongetragen hat, ist für 
uns der schlüssige Beweis, daß *der Ar- 
be.inehmer heute in einem ganz anderen 
Verhältnis zur Gesellschaft steht als noch 
vor wenigen Jahrzehnten. 
Die Sozialtheoretiker, die den Gedan 
ken im Jahre 1889 gefaßt haben, den 1. 
Mai zum Feiertag der Arbeit zu erklären, 
Wußten sehr wohl, daß dies nicht nur ein 
Feiertag schlechthin ist, sondern ihr Ent 
schluß war von tieferer psychologischer 
Bedeutung getragen. Es waren noch nicht 
allzu viele Arbeitnehmer, die das Symbol 
des 1. Mai damals richtig verstanden, 
denn dazu fehlte ihnen die Bildung una 
Erkenntnis. Es ist nachgewiesen, daß in 
allen Ländern der Erde die Arbeitnehmer 
schaft durch die herrschende Gesellschaft 
immer nur so weit unterrichtet wurde, ais 
das, um überhaupt in der Produktion tätig 
sein zu können, notwendig war. Aber die 
zunehmende Verfeinerung der Produktion 
brachte mit sich, daß dem Arbeitnehmer 
mehr Bildung vermittelt werden mußte. 
Der frühere Staat und die herrschenden 
Kreise sahen lange verächtlich auf die Ar 
beiterschaft und unterschätzen d&ren Be 
deutung, Mit deT Arbeiterbewegung war 
es genau wie mit allem anderen Neuen. 
Zuerst verfiel sie der Lächerlichkeit, dann 
versuchte man, die Leute, die es wagten, 
etwas zu fordern oder zu propagieren, 
was mit den gesellschaftlichen Verhält 
nissen nicht in Einklang stand, unmöglich 
zu machen. Aber wenn eine Forderung 
durch die Verhältnisse der Zeit begün 
stigt wird und der Kampfeswille derjeni 
gen Gesellschaftsschiclit vorhanden ist, 
um diese Forderung zu verwirklichen, wird 
den Maivorfäilen 
werden, daß die Mitglieder dieser Partei 
innerhalb der Organisation die Anstän 
digkeit und das Vertrauen der Mitglieder 
zu parteipolitischen Zwecken mißbrau 
chen. In Anlehnung an die Satzungen, daß 
unsere Organisation auf der Basis partei 
politischer und religiöser Neutralität ge 
wahrt bleibt, muß von jedem Mitglied mit 
Recht verlangt werden, sich an die Sat 
zungen zu halten. Mitglieder, die gegen 
diese Prinzipien verstoßen, haben keinen 
Platz mehr in den Reihen unserer Orga 
nisation. 
Aus diesen Gründen ist der Vorstand 
entschlossen, jedes Mitglied, welches sich 
für die Ziele der Kommunistischen Paafeja 
innerhalb der wirtschaftlichen Vereinigun 
gen einsetzt, aus dem Verband auszu- 
echUeßen. 
Der Vorstand faßt folgenden Beschluß: 
a) Mitglieder, welche am 1. Mai die von 
der Kommunistischen Partei organi 
sierte Aktion unterstützten, werden 
aus der Organisation ausgeschlossen, 
b) die Mitglieder des I. V. Eisenbahn, 
welche innerhalb der Gewerkschaft 
Fraktionsarbeit für eine po 1 ische Par 
tei leisten, werden ausgeschlossen. 
Saarbrücken, den 4. Mai 1950 
Der Vorstand 
des I. V. Eisenbahn 
FDGß-Propaganda unter der Lupe 
Seit Kriegsende ist der Wiederaufbau 
der Gewerkschaften in den freien Ländern 
der Welt mit viel Mühe, Opfern und 
finanziellen Anstrengungen erfolgt Dieser 
Wiederaufbau und die weitere Entfaltung 
stießen nicht nur auf Schwierigkeiten, di« 
sich normalerweise aus der kapitalisti 
schen Gegnerschaft und den Auswirkun 
gen der privat-kapitalistischen Wirtschafts- 
Struktur ergeben, sondern in Immer stär 
kerem Masse machten sich dis Stören 
friede und Schädlinge geltend, die in aus 
ländischem Auftrag und meistens mit rein 
parteipolitischen Zielen innerhalb der Ge 
werkschaften in den westlichen Ländern 
tätig ihre Methoden zur Geltung zu brin 
gen versuchten. Zahlreich sind die Be 
weise für das gewerkschaftsschädigende 
Verhalten. Aus den vielen Beweisen sei 
hier eine Auslassung ab gedruckt, die in 
Gewefkscbafteorgan „Der Bund“ über die 
Machenschften des kommunistischen FDGB 
erschienen ist: 
„Seit Monaten, aber ganz besonders in 
den letzten Wochen versendet die FDGB- 
Propaganda-Zentrale per Post an viele 
Tausende von Gewerkschaftlern un Wa 
gten ganze Stöße von Broschüren, Flug 
blättern und Zeitungen. Hierbei wird die 
Wochenausgabe der „Tribüne“ verwandt, 
die dazu seit einiger Zeit eine besondere 
Seite als „Westdeutsche Tribüne“ aui- 
macht. Daß an jeden Adressaten gleich 
zehn und noch mehr Exemplare von je 
dem Pamphlet gesandt werden, hat na 
türlich den Zweck, daß dieses Material 
verteilt werden soll. Viele KPD-Mitglie 
der im Westen besorgen dies auch ge 
treulich. 
Keine Nummer der „Westdeutschen Tri 
büne“, in der nicht unter böswilligen Ver 
drehungen und Verfälschungen di© Tätig 
keit der westdeutschen Gewerkschaften 
heruntergerissen wird. Die Kollegen Böck- 
ler, Karl, Reuter, Jahn und viele andere 
werden persönlich verleumdet und als 
„Agenten des Kapitals“, als „Steigbügel 
halter der Neuyorker Wallstieetimperialir 
sten“, als „gekaufte Subjekte des engli 
schen Geheimdienstes“ bezeichnet 
Der Kommentator des Ostzonen - Rund 
funks, Schnitzler, lügt über die Kollegen 
Jahn (Vorsitzender des Eisenbahner-Ver 
bandes), Willi Eichler, Rosenberg und 
Hansen (DGB-Bezirkseekretäx von NRW) 
das Blaue vom Himmel herunter und 
■schreibt dann (wörtlich): .Jansen (ge - 
meint isi Hansen, DGB-Sekretär für 
NRW), der zuerst Sekretär des britischen 
Agenten und sozialdemokratischen Chef 
redakteurs Eichler war, dann recht© Hand 
von Böckler, dann beim Nordwestdeut 
schen Rundfunk und heute beim DGB in 
Hamburg.“ Man sieht, je weniger Ah 
nung, desto größer die Lügen. 
An anderer Stehe der „Tribüne“ wird 
dummdreist mitgeteilt, daß der Zentral Vor 
stand der IG. Bergbau der Ostzone an 
die Ruhrkumpels Briefe schreibt. Wörtlich 
beuchtet die „Tribüne“: „In dem Schrei 
ben werden die Ruhrkumpels aufgefor 
dert, zu dem stattfindenden Gewerk 
schaftskongreß in Florenz Entschließun 
gen zu fassen, in denen die Forcierung der 
Bergarbeiter der Westzone auf Aufnahme 
in den WGB gefordert und dem Interna 
tionalen Gewerkschaftskongreß der Berg 
arbeiter in Florenz das Vertrauen ausge 
sprochen wird“ 
Bergarbeiter-Kollegen an der Ruhr! Seht 
Ihr, s o kommen die von einem „biederen 
Kumpell“ eingebrachten „Einheits“-Reso- 
lutionen zustande. Wer kann von Euch 
ahnen, daß die ganze Komödie von Berlin 
aus dirigiert ist. 
An verlogenen Berichten über den Ber 
liner Eisenbahnerstreik erhalten die 
Adressaten gleich zwei Stöße von Pam 
phleten, eine dicke Broschüre und ein 
anonymes Flugblatt mit der Unterschrift: 
„Viele Eisenbahner, die die UGO verlas 
sen haben.“ 
Der „Bund“ schreibt weiter: 
„Wir haben hier nur einen winzigen Aus 
zug aus deT Flut von Verleumdungen der 
FD GB - Propa ganda-Zentrale wie d er ge g e - 
ben. Um alle Lügen und Verdrehungen zu 
widerlegen, wären dicke Bücher notwen 
dig. Doch wir denken nicht daran, auf 
allen Schmutz einzugehen. Es sind diesel 
ben Kreise, die sich täglich heiser schreien 
und sich die Finger wundschreiben mit 
dem Ruf nach Einheit der Gewerkschafts 
bewegung“, nach „Nationaler Einheit 
Deutschlands“. Wer könnte aber ange 
sichts dieser Methoden noch an die Ehr 
lichkeit dieser Leute glauben? Wer könn 
te sich vorstellen, wie mit diesen Kräften 
eine wirkliche dauerhafte Einigkeit mög 
lich wäre? Jetzt muß jedem klardenken 
den Kollegen verständlich sein, warum 
der WGB auseinanderfiel und es zu kei 
ner einheitlichen gesamten deutschen Ge- 
Rückständige Schanzerlöhne 
anmeiden! 
Ea wird gebeten, in den Betrieben um 
gehend Erhebungen darüber anzustellen, 
inwieweit noch Lohn- und Gehaltsemp 
fänger vorhanden sind, die während des 
letzten Krieges zu Schanzarbeiten einge 
setzt waren, ohne daß ihnen dafür Be 
züge ausbezahlt wurden. 
Die Betriebsräte und Kreisverwalfun- 
gen wollen die gemachten Erhebungen 
bis spätestens 20. Mai der Hauptverwal 
tung einsenden. Später eingehende Mel 
dungen können nicht mehr berücksichtigt 
werden. 
^Briefkasten 
C. H, Um Gewerbelehrer zu werden, ist zu 
nächst die Ablegung der Meisterprüfung er 
forderlich. Ferner kommen drei Jahre Studium 
ip Frage. Nähere Auskunft erteilt das Kultus 
ministerium, Saarbrücken, Schillerstraße 11, 
Zimmer & 
K. M. Der Muttertag fällt in diesem Jahre 
auf den 14. Mai, den zweiten Sonntag des 
Monats. 
Wassergeld, Es ist kaum möglich, einen 
allen gerecht werdenden Satz zu finden. Man 
rechnet im allgemeinen für Familien, die ein 
Bad besitzen eine Person extra hinzu, also 
wenn vier Familienmitglieder vorhanden sind 
werden fünf berechnet Bei größeren Familien 
zwei Personen mehr. 
Tg. Da es sich um eine Forderung vor der 
Frankeneinführung handelt erfolgt die Um 
rechnung des früheren Schuldbetrages zu 1 M 
glefch 20 Frs. 
werkschaftsbewegung kommen konnte. 
Zum Schluß sei der „Tribüne“ noch ge 
sagt: Es wäre besser, sie würde ihre 
„Westdeutsche Tribüne“-Seite sparen und 
statt dessen auch nur ein klein wenig die 
himmelschreiende Not von Millionen nicht 
an der sowjetischen Krippe sitzenden 
Menschen in der Ostzone unter die kri 
tische Lupe nehmen. Welch riesigen 
Stoff zur Kritik hätte die „Tribüne“ altem 
gegenüber der Tatsache, daß die Alten, 
Invaliden, Niedrig-Entlohnten nicht genug 
zum Essen haben, während ein großer 
und der beste Teil der in der Ostzone er 
zeugten Nahrungsmittel in den sogenann 
ten freien Läden und Restaurants zu Wu 
cher.■> reiten fei'geboten wird, aber nur * oa 
Schwerverdienern und Schlemmern be 
zahlt werden kann. Darüber und über 
vieles andere, wie z. B. über die im Osten 
viel umfangreicheren Demontagen ais im 
Westen, über Konzentrationslager organi 
sierten Menschenraub, Terror u. Zwangs 
verschickung, schreibt die „Tribüne“ aber 
kein Wort Würde sie darüber schreiben, 
wäre sie mit demselben Tage unterdrückt, 
und ihre Redakteure säßen in KZ. Sie fa 
brizieren da schon lieber „Westausga 
ben“ zur Zersetzung unserer Gewerkschaf 
ten. Die Gewerkschaften der Westzonen 
werden sich dagegen mit alter Energie zur 
Wehr setzen“. 
Tatsachen aus sechs Jahrzehnten 
das gesteckte Ziel erreicht. So war «e 
auch mit dem 1. Mai, 
Um di© Erfolge der Arbeiterbewegung 
richtig zu würdigen, muß man einige Jahr 
zehnte zurückblicken, dann erst kann man 
feststellen, wie segensreich der Zusam 
menschluß für die Arbeitnehmerschaft 
war. Die Arbeitnehmerschaft hat sich tm 
Laufe der Zeit ein Arbeitsrecht erkämpft, 
das dem Arbeitnehmer das Leben weit 
gehend erleichtert. Wenn hier auch Män 
gel sind, die beseitigt werden müssen, so 
hat die Arbeitnehmerschaft heute auf ih 
rem Arbeitsplatz doch einen gewissen 
Schutz und ist nicht mehr ganz der Will 
kür der Unternehmer ausgeliefert. 
Doch das Hauptproblem ist di© Lohn- 
frage. Aut diesem Gebiet wurden zwei 
fellos bisher die meisten Kämpfe geführt. 
Läßt sich die Sozialgesetzgebung und das 
Arbeitsrecht gesetzlich festlegen, so ist 
das bei Löhnen und Gehälter nicht mög 
lich. Durch die stete Steigerung der pro 
duktiven Leistung der Arbeitnehmer konn 
ten zwar die Löhne und Gehälter langsam 
erhöht werden, doch hat die Arbeitneh 
merschaft auf diesem Gebier noch be 
deutende Forderungen. 
Als erstes fordert die saarländische Ar 
beitnehmerschaft eine ihrer Arbeitslei 
stung entsprechende Entlohnung. Die 
Vergütung der Arbeitsleistung muß »ach 
anderen Gesichtspunkten erfolgen. Löh 
ne, Gehälter und Preise müssen aufeinan 
der abgestimmt werden. Zwar behaup 
ten unsere Unternehmer und Geschäfts 
leute immer, daß die Löhne und Gehälter 
allein preisbildend sind, dt© Tatsachen 
sprechen jedoch dagegen. Die Arbeitneh 
mer im Saarland haben ja schließlich auch 
ein Erinnerungsvermögen, und wenn sie 
aut die frühere Zeit zurückbhcken und 
Vergleiche ziehen, stellen sie immer wie 
der fest, daß ihr Verdienst vor 1935 min 
destens 30 Prozent mehr Kaufkraft hatte 
als heute. Ich glaube kaum, daß sich je 
mand findet, der nach weisen kann, daß 
heute die Arbeitnehmer weniger leisten 
als früher. Soweit wir wirtschaftlich zu 
rückblicken können, stellen wir stets und 
zu allen Zeiten Leistungssteigerung fest. 
Wenn aber trotzdem der Verdienst der Ar 
beitnehmer um 30 Prozent gesunken ist, 
muß also logischerweise der Gewinn auf 
der anderen Seife um so viel gestiegen 
sein, oder das Wirtschaftssystem zeigt 
Mängel auf, die zu einer derartigen Ent 
wicklung führen. Heut© handeln viele Un 
ternehmer an ihren Beschäftigten direkt 
verbrecherisch, indem sie skrupellos die 
Notlage derselben ausnützen und mit der 
Drohung der Entlassung diese von der 
Forderung ihres gerechten Lohnes abhal 
ten. Darum müssen wir ein Gesetz for 
dern, durch das allen asozialen Unter 
nehmern die Leitung der Betriebe entzo 
gen werden kann. 
Als zweites fordern wir ein Arbeits 
recht, das dem Arbeitnehmer Existenz 
schutz gibt. Der Arbeitnehmer besitzt im 
Durchschnitt außer seiner Arbeitskraft 
kein Vermögen. Daher ist die Arbeitsge 
setzgebung für ihn von ungeheuerer Wich 
tigkeit. Wenn schon, wie das bei uns im 
Saarland der Fall ist, der größte Teii der 
Gesamtbevöikerung Arbeitnehmer ist, 
dann müssen auch die Gesetze darauf 
abgestimmt sein. Die Gesetzgebung muß 
dem Arbeitnehmer das Gefühl der Besitz 
losigkeit nehmen und darf dem Unterneh 
mer nicht das Recht und die Freiheit ge 
ben, die Arbeitskraft einfach als Ware 
zu behandeln. Der Arbeitnehmer muß 
durch die Gesetzgebung Einfluß auf den 
Betrieb, in dem er beschäftigt ist, haben. 
Die Arbeitsrechtsgesetze müssen von der 
Grundtendenz ausgehen, daß die Wirt 
schaf tsbetriebe in erster Lira© dazu da 
sind, um ihrer volkswirtschaftlichen Funk 
tion zu genügen. Eigentum darf nur rela 
tiv sein, dort wo dasselbe den Interesse» 
der Allgemeinheit entgegensteht, muß im 
mer zu Gunsten der Allgemeinheit ent 
schieden werden. Alle Industrie- und son 
stigen Wirtschaftsbetriebe sind nichts an 
deres als auf gespeicherte Arbeit, daher 
muß der Besitz, der nicht ans persönli 
cher Arbeit entstanden ist, unter beson 
dere Jtechtsformen gestellt werden. Wir 
werden im Saarland recht bald das zwei 
felhafte Glück haben, uns mit dieser Theo 
rie auseinandersetzen zu müssen. 
Das wichtigste Arbeitsrechtsgesetz ist 
für uns zweifellos das Belrfebsrätegesetz. 
Hierin muß die RechtsStellung des Be 
triebsrates eindeutig lest umnssen sein. 
Dieses Gesetz muß der Anfang einer le 
bendigen Wirtschaftsdemokratie werden. 
Dem Betriebsrat muß durch dieses Ge 
setz in alten betriebswirtschaftlichen Fra 
gen das Recht der Mitbestimmung zuge 
standen werden. Sei es in bezug auf Ein 
stellung und Entlassung od«T Einsicht 
nahme in die Lohn- und Gehalts.iste, die 
Mitbestimmung ist in all diesen Fragen 
unerläßlich. Daß sich unsere saarländi 
schen Unternehmer gegen ein solches Ge 
setz wehren, ist verständlich, doch an der 
gesellschaftlichen Entwicklung können 
auch konservative Arbeitgeber nichts än 
dern. 
Man kann wohl die gesellschaftliche 
Entwicklung etwas ciufhaVten, sich ihr je 
doch aul die Dauer enigegenzustelten ist 
unmöglich. Das eherne Entwicklungsge 
setz wird nicht vor dem Wunsch einer 
kleinen Mens rhengruppe halt machen, 
und so kann diese auch niemals verhin 
dern, daß sich das Neue bahnbricht. Ge 
setze und Rechte dürfen sich nicht wie 
eine ewige Krankheit von Generation zu 
Generation forterben, sondern müssen 
den Verhältnissen angepaßt werden. 
Als drittes fordern wir ein© Sozialge 
setzgebung, die jedem Arbeitnehmer dis 
Angst vor der Zukunft nimmt. Renten und 
Pensionen müssen für aile Arbeitnehmer 
so gestellt werden, wie das für die Be 
amten bereits geschieht. Sie müssen auf 
den Verdienst abgestimmt sein und dürfen 
rächt unter dem Existenzminimum liegen. 
Für aile Renten und Pensionen muß der 
Staat die Garantie übernehmen. Die un 
terschiedliche Behandlung der Staatsbür 
ger muß aufhören. Entweder man erkennt 
den Arbeitnehmer im heutigen .Staat als 
Staatsbürger an und gibt ihm die erfor 
derlichen Rechte, oder aber der Arbeit 
nehmer wird den Staat erobern und den 
selben nach seinen Rechtsgrundsät zen 
ausbauen.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.