Full text: 2.1947 (0002)

Einhcitsgewerksdiaft 
und schaffende Jugend 
von Oskar Müller. • 
Die Schaffung der Jugendbewegung 
Öer arbeitenden Jugend in Deutsch¬ 
land fand ihre Grundlage mit Be¬ 
ginn unseres Jahrhunderts. Durch 
die Entwicklung der Industrie kam 
die Jugend in Massen als Lohnar¬ 
beiter in die Betriebe. Sie war recht¬ 
los. Sie war den Dingen im Betriebe 
ausgesetzt so wie sie sich zeigten, so 
■wie es den einzelnen Unternehmern 
gefiel. Man kannte nicht nur lange 
Arbeitszeit, schlechte Löhne, sondern 
auch auf dem Gebiete der sozialen 
Verhältnisse wurde sie recht stief¬ 
mütterlich behandelt. 
Dies war der Anlaß, daß einerseits 
junge Menschen den Mut faßten und 
die Initiative entwickelten zu einer 
Arbeiterjugendbewegung. Es gab 
auch fortschrittliche Kräfte in der 
erwachsenen Arbeiterschaft, welche 
eich der Jugend und ihrer Probleme 
annahmen. Der Prozeß zu einer be¬ 
achtlichen Jugendbewegung und der 
Schaffung von größeren Jugendor¬ 
ganisationen ging nicht gleichmäßig 
und widerspruchslos vor sich. Man 
darf es aL ein Wellental auch hier 
bezeichnen. Auch im Rahmen der 
Jugendbewegung haben sich sehr 
schnell die Kräfte des Fortschritts 
und ihrer Höherentwicklung heraus¬ 
kristallisiert und eingehend die Fra> 
gen. welche die Jugend angehen, un¬ 
tersucht, überprüft und ein für das 
Leben der Jugend fortschrittliches 
Programm geschaffen. 
Es waren die Fragen des Jugend- 
achutzes, des Jugendrechtes m all¬ 
gemeinen, sowie auch die Fragen der 
Lehrlingsausbildung, des Berufs¬ 
schulwesens, des Urlaübes, der Be¬ 
zahlung, der Freizeitgestaltung und 
der allgemeinen sozialen Betreuung 
im besonderen, welche die Gemüter 
bewegten, welche die Parteien und 
Gewerkschaften aufmerksam mach¬ 
ten. 
Es gab lange und oft recht stür¬ 
mische Debatten über das Vereini¬ 
gungsrecht der Jugend. Endlich im 
Jahre 1908 hat. man dann nach echt 
wilhelminischer Art ein Vereinsge¬ 
setz geschaffen. Das Koalitionsrecht 
für die Jugend sah jedoch so küm¬ 
merlich aus, daß sie bis nach dem 
Weltkrieg Nr. I auf diesem Gebiete 
harte Kämpfe auszufechten hatte. 
Bei der erwachsenen Arbeiterschaft 
fand sie sehr wenig die gebührende 
Unterstützung und auch im Rahmen 
der Gewerkschaften hat man ihr 
rächt die Rechte gegeben, die ihr 
letzten Endes als Mitglieder zuge¬ 
standen hätten. Es gab sogar gewerk¬ 
schaftliche Organisationen, welche 
die Jugend absonderten vom Leben 
der Gesamtorganisation und sie nur 
zu sogenannten Bildungsgruppen zu¬ 
sammenfaßten. Man schuf also im 
Rahmen der Mitgliedschaft zweierlei 
Recht. Das hatte auch dementsprech¬ 
end seine Auswirkung. Ein Teil der 
Jugend wandte sich restlos dem 
Sporte zu und vernachlässigte die 
Fragen des wirtschaftlichen und so¬ 
zialen Kampfes, ein geringerer Teil 
ging menr oder weniger in das par¬ 
teipolitische Getriebe, während je¬ 
doch ein entscheidender Teil indif¬ 
ferent. blieb. 
Diese Situation hat ganz besonders 
in der wilhelminischen Periode die 
Reaktion ausgenutzt, um die Jugend 
für ihre imperialistischen Zwecke 
und Ziele zu mißbrauchen. 
Sind wir ehrlich genug um zu er¬ 
kennen, daß sich die Verhältnisse 
für die arbeitende Jugend auch in 
der Periode von Weimar nicht grund¬ 
legend geändert haben. Auch die Ge¬ 
werkschaften der damaligen Zeit 
haben nicht den Elan der Jugend be¬ 
nutzt, um ihn in die Bahnen zu len¬ 
ken, die mitgehoUen hätten das trübe 
Kapitel dos dritten Reiches zu ver¬ 
hindern. Die alten Militaristen, wel¬ 
che in den ersten Nachkriegsjahren 
ihre Felle fortschwimmen sahen, 
haben im Laufe der Zeit Verstanden 
wiederum die arbeitende Jugend auf 
die'Wege zu führen, welche mit die 
Vorausselzungen schufen zu dem 
Reiche Adolf Hitlers. 
Der Nationalsozialismus schuf 
wirklich eine Massen-Jugenclbewe- 
gung in Gestalt der Hitlerjugend und 
des Bundes Deutscher Mädels. Man 
verstand damals die Jugend zu be¬ 
geistern. Man setzte ihr ein Ideal 
vor in Gestalt eines Großdeutsch¬ 
lands mit seinem Herrenmenschen¬ 
tum. Man schuf zu gleicher Zeit die 
Organisation „Kraft durch Freude“, 
machte Auslandsreisen, machte Land¬ 
verschickungsaktionen, man schickte 
wirklich Massen von jungen Men¬ 
schen in die verschiedensten Gebiete 
und an die schönsten Punkte 
Deutschlands. Selbstverständlich hat 
Hitler nicht das soziale Problem ge¬ 
löst, jedoch er verstand mit diesen 
Methoden die Jugend über ihr Elend, 
über ihre Not hinwegzuführen, ja 
sogar zu begeistern für das blutige 
Ringen des Weltkrieges Nr. 2. 
Heute stehen wir vor den Gräbern 
von Millionen junger Menschen. 
Heute stehen wir vor den Millionen 
Bein- und Armamputierter und son¬ 
stiger Kriegsverletzter. Heute stehen 
wir vor den Ruinen unserer Heimat, 
vor den zerstörten Arbeitsstätten, 
vor den hungernden Menschen. Dies 
ist mit das Resultat der Jllusionen, 
welche Hitler in die Massen der 
Jugend gesetzt hat. Sind wir ehrlich 
genug es auch auszusprechen, daß 
dieser Zustand mit herbeigeführt 
wurde, wenn auch unbewußt, durch 
unsere Jugend. 
Nun haben wir die Pflicht, die 
Aufgabe, mit dieser Jugend den Weg 
zu beschreiten, das Chaos zu besei¬ 
tigen, den Wiederaufbau der Ar¬ 
beitsstätten, der Wohnungen und un¬ 
serer lieben Heimat zu vollführen. 
Ja wir haben noch viel mehr zu tun. 
Wir haben der jetzt vorhandenen 
Jugend ein neues Jdeal, einen neuen 
Sinn, einen neuen Lebensinhalt zu 
geben. ' 
Wir sind uns bewußt, das ist nicht 
leicht, das ist sehr schwer. Dieses 
darf nicht geschehen auf dem Wege 
des Befehls, auf dem Wege des Aus¬ 
schaltens, auf dem Wege der Deklas¬ 
sierung der .Tugend gegenüber, son¬ 
dern dies kann und darf nur ge¬ 
schehen auf dem Wege des Näher¬ 
bringens an die erwachsene Arbeiter¬ 
schaft, der Mitarbeit, der kamerad¬ 
schaftlichen Überzeugung. Wir müs- 
s m der Jugend beweisen, daß ohne 
sie nicht die Katastrophe beseitigt 
wird, daß sie mithelfen muß, daß si« 
wiederum sich um ihr eigenes Leben» 
um das Leben ihrer Arbeitskamera¬ 
den bemüht Wir müssen ihr helfen 
lebensnahe zu werden, Achtung zu 
haben vor ihren Eltern und erwach¬ 
senen Kameraden, eine moralisch 
hochstehende Sprache zu führen, 
Sinn zu bekommen für das Gute und 
Schöne des menschlichen Lebens. 
Die Aufgaben, die in der Hinsicht 
vor der Einheitsgewerkschaft stehen, 
sind groß, sind schwer, sind sogar 
sehr ernst. Fassen wir jedoch Mut, 
legen wir die notwendige Initiativ© 
und Begeisterung an den Tag ich bin 
überzeugt davon: Wir werden es 
schaffen. Schauen wir hinaus, 
wir haben manches schon in Bewe¬ 
gung gesetzt seit dem Mai 1945, was 
lins damals fast unmöglich srhien. 
Wir werden auch dieses Problem 
klären, vor allem dann, wenn wir mit 
Offenheit. Ehrlichkeit an die Fragen 
heran gehen, wenn wir unserer Ju¬ 
gend sagen, daß von ihrer Tätigkeit, 
von ihrem Verhalten das künftige 
Leben abhängig ist. 
Es gibt bereits in den Reihen der 
Einheitsgewerkschaft schon einen 
beachtlichen Teil Jugendmitglieder. 
Wir sehen bereits bei den wenigen 
vorhandenen Jugendgruppen, wie sie 
mit den primitivsten Mitteln ver¬ 
suchen, ihrem Leben Inhalt zu ge¬ 
ben und mitzuhelfen der gewerk¬ 
schaftlichen Organisation eine Basis 
zu geben. Manches Mädel, mancher 
junge Arbeiter steht bei uns bereits 
in Funktion, arbeilet aktiv mit an 
dev Klärung gewerkschaftlicher Fra¬ 
gen. Sind wir stolz auf den 
Teil, der den Weg zur Einheitsge¬ 
werkschaft gefunden hat, der sicht 
aktiv in die Arbeit eingeschaltet hat. 
Verstehen wir zu würdigen, es sind 
Menschen, die noch ein Interesse an 
ihrem Leben haben, an unserer Hei¬ 
mat, an unserer Zukunft. 
An Dich, junger Arbeiter, an Dich, 
junges Mädel richten wir den Ruf; 
Komme zu uns, arbeite mit* 
bringe Deine ganze Begeisterung, 
Deinen ganzen Elan, es geht um 
Dem Leben, es geht, um Deine 
Zukunft, es geht darum, den 
Mördern Deines Vaters, Deines 
Bruders, Deiner Schwester, das 
Handwerk zu einem neuen Krieg, 
zu einem schlechten Leben für 
Dich zu legen. Fasse Mut, halte 
den Kopf hoch trotz aller 
Schwierigkeiten der jetzigen Zeit, 
bedenke, das was Du tust bei uns 
und im Betriebe, es ist eine 
t ~v.n~„~ufgake 
Das Jtigend-Sekretarial 
In einer den Kreisgewerkschafts- 
jugend - Konferenzen der letzten 
Monate des vergangenen Jahres 
vorausgega eigenen Jugend-Kundge- 
bung der Einheitsgewerkschaften in 
Saarbrücken forderte vor einigen 
hundert Jungarbeitern Kollege Bür¬ 
zen die Wahl eines provisorischen 
Jugend - Sekretariates, das im An¬ 
schluß an die Tagung auch gebildet 
wurde. Es hat seit Beginn seiner 
Tätigkeit die vorerwähnten Kreis¬ 
konferenzen mit großem Erfolg 
— durchgeführt und will mit den 
nachstehenden Ausführungen uns 
Einblick nehmen lassen in Wesen 
und Ziele seiner Arbeit. 
Auf einem für den 8. Februar 1947 
vorgesehenen und zur Durchführung 
kommenden Kongreß, auf dem die 
Jugend-Delegierten aller Industrie¬ 
zweige teilnehmen werden, die im 
Verlaufe des Monats Januar 1947 in 
Ihren Betrieben gewählt werden, 
wird sich die Gewerkschaftsjugend 
konstituieren. 
Zu den grundsätzlichen Zielen 
unserer Gewerkschaftsbewegung als 
Träger des wirtschaftspolitisehen 
Lebens gehört vor allem „die Besei¬ 
tigung der Ausbeutung des Men¬ 
schen durch den Menschen“. 
Hinzu treten noch andere, vor¬ 
nehme Ziele und mit in erster Linie 
die Erfassung und Betreuung der in 
Industrie und Handel schaffenden 
Jugendlichen. Sie soll so rasch als 
möglich verwirklicht werden. Die 
Organisation liegt bereits in den 
Händen des am 16. November 1946 
in der Versammlung in Saarbrücken 
gewählten provisorischen Jugend- 
Sekretariats. Seine endgültige Bil¬ 
dung ist, wie bereits gesagt, für den 
Februar vorgesehen. 
Die Gegenwart hat es bei uns mit 
einer psychologisch und soziologisch 
ganz bestimrhten Art junger Men¬ 
schen zu tun, einer Jugend, dje mit 
dem übrigen Volk geführt, und da¬ 
mit verführt wurde. Sie, die Gewerk¬ 
schaftsjugend, betrachtet es als dank¬ 
bare Aufgabe, unsere besonderen Be¬ 
lange zu schützen, zu erweitern und 
außer unseren beruflichen Inleres- 
•sen, die natürlich im Vordergründe 
stehen, auch jene andern zu fördern 
.und zu beleben, die eben einmal der 
Jugend eigen sind. Sie will den gu¬ 
ten in uns ruhenden Kern, unsere 
sittliche Zielstrebigkeit und unseren 
Lebensmut neu wecken und vertie¬ 
fen. Sie will uns solange den mühe¬ 
vollen. über materielle und geistige 
Trümmer emporsteigenden Weg füh¬ 
ren, bis wir auf eigenen festen Füßen 
stehen können und, so gereift, selbst 
zur Gewinnung klarer Anschauungen 
und Begriffe gekomfhen sind. Sic will 
unseren Willen richten und stählen, 
damit wir Zustände und Vorgänge 
erfassen und überprüfen können, das 
Für und Wider verschiedener An¬ 
sichten und Meinungen abzuwägen, 
zu kritisieren und zu diskutieren 
fähig sind und so die Bildung einer 
eigenen Ueberzeugung vorzubereiten 
und zu gewinnen vermögen. Die 
Wahrheit zu suchen und zu erken¬ 
nen, soll der Zweck dieser-Tätigkcit 
sein. 
So wollen wir aber auch das Leben 
um uns, das Positive der anderen 
Länder, Völker und Klassen kennen 
lernen. Es sollen nicht noch einmal 
durch Säbelrasseln für die gesamte 
Menschheit verderbliche Feindschaf¬ 
ten gezüchtet werden. Wir werden 
eine solche Entwicklung durch de¬ 
mokratische Gesinnung und Erzie¬ 
hung zu verhindern wissen. 
Die Gewerkschaftsjugend wird da¬ 
mit. zu. einem Sammelbecken aller 
guten und ehrlichen Kräfte Sie will 
uns helfen und reicht uns ihre Hand. 
Ergreifen wir sie also voll Ver¬ 
trauen, denn in ihre korrekten Ziel¬ 
setzungen können wir vertrauen. 
Das provisorische Jugend-Sekretariat 
hat seine Arbeit aufgenommen und 
Richtlinien für die Gewerkschafts¬ 
jugend vorgeschlagen, die vorbehalt¬ 
lich einer späteren Erweiterung oder 
Einschränkung als Anhalt dienen. 
In einer der folgenden Ausgaben der 
Gevverkschaftszeitung werden wir 
auf diese Vorschläge näher ein- 
gehen. 
Auf dem Februar-Kongreß sollt 
Ihr aus Euren Reihen die besten und 
geeignetsten Kollegen wählen, um 
das Jugendsekretariat zu bilden. 
Wir Jugendlichen betrachten uns 
als Bausteine, die das gewaltige Ge¬ 
bäude der Gewerkschaft tragen. 
Laßt uns unablässig an seinem 
Wachsen tätig sein durch Aufklä¬ 
rung und Werbung in den Reihen 
der heule noch abseits stehenden 
Schaffenden. Wir müssen ihnen hel¬ 
fen, den Weg zu uns zu finden. 
Nehmen wir also unser Herz und 
unser Schicksal in die Hand, um ufcs 
unsere Zukunft zu bauen, die ja 
unsere spätere Gegenwart ist. Alle 
sollen erkennen und begreifen, daß 
es um unsere Wohlfahrt geht. 
So möge jeder im neuen Jahr? die 
Parole wohl verstehen: 
„Schaffende Jugend der 
Saar, vereinige Dich in 
der Gewerkschaftsju¬ 
gend im Kampf für 1 ein 
besseres Dasein.“ 
1Füllte ein großer Staat nur die Hälfte 
seines Kriegsbrennholzes zum Bauholze 
des Friedens verbrauchen, wollte er nur 
halb so viel Kosten auhvenden, um Men¬ 
schen, als am Unmenschen zu bilden, und 
halb so viel, sich zu *iuuickeln. als zi* 
verwickeln, uie ständen die Völker ganz 
anders und stärker da! (Jean Paul)
	        

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