Full text: 1.1946 (0001)

Die l rau in der Gewerkschaft 
Was will 
die schadende Frau ? 
von Helma D e r i c h s 
Viele Frauen müssen sich heute ihr 
Brot selbst Verdienen. Mithelfend am 
großen Werk des Wiederaufbaus 
stehen sie nicht an letzter Stelle. 
Ueberall finden wir in den Betrie¬ 
ben Frauen. Viele von ihnen haben 
noch einen Haushalt und Kinder zu 
versorgen. Sie haben somit doppelte 
Verpflichtungen. Vermehrte Pflichten 
sollten aber begründen auch ver¬ 
mehrte Rechte, vor allem das Recht 
auf Arbeit und das Recht auf men¬ 
schenwürdige Existenz. Sie wird ge¬ 
sichert durch auskömmlichen Lohn. 
Ebenfalls sollte die Möglichkeit zum 
Aufstieg und Vorwärtskommen nach 
Leistung und Köfinen gegeben wer¬ 
den. 
Die materielle Existenz der Frau 
muß in gerechtem Verhältnis zu ihrer 
Arbeitsleistung und Verantwortung 
stehen. Sie zu heben und zu fördern 
ist vornehmste Aufgabe. Man sollte 
den schaffenden Frauen auch beson¬ 
deren Schutz und Entgegenkommen 
Im täglichen Leben zeigen, z. B. bei 
Ernährungs- und Wohnungsfragen, 
bei der Erziehung der Kinder usw. 
Jetzt, da der Winter vor der Tür 
Weihnachtslied 
Von Theodor Storm 
Vom Himmel in die tiefsten Klüfte 
Ein milder Stern herniederlacht; 
Vom Tannenwalde steigen Dufte 
Und hauchen durch die Wintetliiftc, 
Und kerzenhelle wird die Nacht. 
Mir ist das Herz so froh erschrocken, 
Das ist die liebe Weihnachtszeit! 
Ich höre fernher Kirchenglocken 
Mich lieblich heimatlich verlocken 
In märchenstille Herrlichkeit. 
Ein frommer Zauber hält mich ivicder, 
Anbetend, staunend muß ich stehn; 
Es sinkt auf meine Augenlider 
Ein goldner Kindertraum hernieder, 
Ich fühVs, ein Wunder ist geschehn. 
steht, ist das Problem des Hausbrands 
in den Vordergrund gerückt. Wie und 
wo soll sich die berufstätige Frau 
ihren Bedarf an Brennmaterial be¬ 
schaffen? Woher Schuhe und sonstige 
Bekleidungsstücke für sich und ihre 
Kinder nehmen. Sie arbeitet täglich 
8—9 Stunden und kann sich nicht 
stundenlang an die Wirtschaftsämter 
und Geschäfte anstellen. Was macht 
eine Mutter, die mehrere Kleinkinder 
hat? Es müßten Pflegestätten geschaf¬ 
fen werden, von zuverlässigem Perso¬ 
nal geleitet, wohin sie ihre Kinder 
Das diesjährige Weihnachtsfest 
wird sehr ernst und schwer für uns 
sein. Die allgemeine Not ist groß und 
in allen Häusern herrschen Sorgen 
und Kummer um das tägliche Leben. 
Keiner von uns fühlt wohl heute das 
frohe Erwarten, welches sonst immer 
alle Menschen vor der Weihnachts¬ 
zeit erfüllte. Kein Kind wird in die¬ 
sem Jahr seinen Wunschzettel an das 
Christkind auf die Fensterbank legen, 
denn das Christkind kann all die vie¬ 
len großen und kleinen Wünsche 
nicht erfüllen. Wir Erwachsenen dür¬ 
fen schon gar nicht daran denken, 
uns etwas zu wünschen. Und doch 
haben alle schaffenden Frauen einen 
großen Weihnachtswunsch, der sogar 
in der heutigen schweren Zeit zu er¬ 
füllen ist. Wir wünschen uns die 
Gleichstellung der berufstätigen Frau. 
Wäre es nicht für uns alle die größte 
Weihnachtsfreude, wenn wir wüßten, 
daß dieses Ziel endlich erreicht wäre. 
Wir können nun zurückblicken auf 
ein arbeitsreiches Jahr. Vieles ist 
unter den schwierigsten Verhältnis¬ 
sen geleistet worden. Nicht zuletzt 
haben die Frauen 6ehr viel dazu bei¬ 
getragen. Ueberall haben sie gestan¬ 
den und genau wie der Mann ihre 
Pflicht erfüllt in den Fabriken, Werk¬ 
stätten, Geschäften, Büros, bei der 
Straßenbahn und im Baugewerbe. 
Aber während die Mtinner abends 
während der Arbeitszeit bringen 
kann. 
Das sind alles Probleme, die für die 
schaffenden Frauen zu lösen sind, 
aber nicht mit Phrasen und unver¬ 
bindlichen Redensarten, sondern nur 
durch die soziale Tat. Die schaffenden 
Frauen beginnen zu erkennen, daß 
auch sie im wirtschaftlichen und poli¬ 
tisch Leben ein wichtiger Faktor sind. 
Aus dieser Erkenntnis heraus treten 
sie der Einheitsgewerkschaft bei. Hier 
werden sie mit ihrer Organisation um 
ihre Rechte kämpfen. 
ihre Ruhe hatten, mußten die Frauen 
noch ihre Hausarbeiten verrichten. 
Nun ist das Jahr bald zu Ende. In 
seinem Verlaufe hat der größte Teil 
der berufstätigen Frauen immer wie¬ 
der feststellen müssen, daß der Ver¬ 
dienst kaum ausreicht, um das täg¬ 
liche Leben zu bestreiten. Warum ist 
dies der Fall? Die Löhne der Frauen 
sind derart niedrig, daß sie einfach 
damit nicht auskommen können. Hier 
rückt immer wieder unsere alte For¬ 
derung in den Vordergrund: Gleicher 
Lohn für gleiche Arbeit. 
Im Saargebiet stehen 60 Prozent 
Frauen 40 Prozent Männern gegen¬ 
über. Diese Zahlen beweisen uns ein¬ 
deutig, welch wichtiger Faktor die 
Frau im Berufsleben darstellt. Um die 
Produktion aufrecht zu erhalten und 
zu steigern, ist es nicht zu umgehen, 
die Frauen in den Produktionsprozeß 
einzugliedern. Bei dem Wiederaufbau 
unserer Wirtschaft und unseres Staa¬ 
tes ist die Hilfe der Frau unbedingt 
erforderlich. 
Wir Frauen haben das auch erkannt 
und wollen gerne helfen. Wir wollen 
aber auch, daß unsere Arbeit als voll¬ 
wertig anerkannt wird. Diese Aner¬ 
kennung liegt aber nur in der Gleich¬ 
berechtigung der Frau. 
Wir hoffen und wünschen, daß das 
kommende Jahr uns endlich die Erfül¬ 
lung dieser alten Forderung bringt. 
Die Bauarbeiterin 
Am 15. Oktober fand im Hause d«« 
Einheitsgewerkschaft die erste Zu¬ 
sammenkunft der Frauen im Bauge¬ 
werbe, die als Hilfsarbeiterinnen be¬ 
schäftigt sind, statt. Der Vorsitzende 
des Industrieverbandes Baugewerbe, 
Kollege Munari, sprach über da* 
Thema „Warum Beschäftigung der 
Frauen im Baugewerbe?" Er wies auf 
die großen Zerstörungen, die der 
wahnsinnige Krieg verursacht hat, 
hin. Ferner, daß viele Männer gefal¬ 
len und andere noch in Gefangen¬ 
schaft bzw. vermißt sind. Dadurch 
sind viele Frauen gezwungen, ' sich 
und ihre Kinder zu ernähren. Viel« 
wurden dem Baugewerbe zugewiesen. 
Kollege Munari sprach zu den Frauen 
klar und verständlich. Er betonte, daß 
es unbedingt notwendig ist, daß de« 
Bauhilfsarbeiterinnen das gleich« 
Recht zugebilligt wird wie dem Bau¬ 
hilfsarbeiter. 
Der Industrieverband Baugewerb« 
hat sich-mit diesem Problem beschäf¬ 
tigt, und die Löhne der Bauhilfsarbei¬ 
terinnen von 56 Pfg. auf 70 Pfg. Stun¬ 
denlohn erhöht. Inder Diskussio« 
bat sich dann gezeigt, daß nicht alle 
Bauunternehmer gewillt sind, glei¬ 
chen Lohn für gleiche Arbeit zu zah¬ 
len. 
Die Kollegin Bepler sprach dann 
über folgende Forderungen der Ba«- 
arbeiterinnen: 
1. Gleichberechtigung der Bauarbei¬ 
terinnen mit den Bauarbeitern int 
Lohn. ' 
2. Ausreichenden Urlaub für Bai*- 
arbeiterinnen. 
3. Die 45-Stunden-Woche. 
4. Zusätzliche Unterstützung dear 
Bauarbeiterin, deren Mann vermißt 
oder sich noch in Gefangenschaft 
befindet. 
5. Hinterbliebenen - Rente der Ban¬ 
arbeiterin. 
6. Verbesserung der Ernährung unä 
Bekleidung der Kinder. 
7. Bereitstellung von Hausbrand. 
8. Nichteinstellung von Jugerwi- 
lichen unter 18 Jahren als Bauhilf«- 
arbeiterin. * B. B. 
Unser Weihnachtswunsch 
Von Jlse Geschke , 
Pflanzenärzte 
I— s ist kein Irrtum, lieber Leser, auch 
kein Druckfehler, denn Pfiahzen- 
ärzte gibt es schon ebenso lange, wie 
es Tierärzte und Aerzte des Menschen 
gibt, nur ist es lange Zeit keinem 
Landwirt und keinem Obst-, Garten- 
und Weinbauer eingefallen, die 
Spezialisten, die sich mit der Fest¬ 
stellung und Bekämpfung der Pflan¬ 
zenkrankheiten und Pflanzenschäd- 
lingebc.faßt haben und noch be¬ 
fassen, als Pflanzenärzte zu bezeich-' 
nen. Und doch ist dieser Begriff so 
naheliegend. Wo auf unserer Ende 
Lebewesen sind, gibt es zahllose Ein¬ 
flüsse, Schmarotzer oder Parasiten, 
denen diese Lebewesen ständig aus¬ 
profitieren, ja die sich sogar auf ihnen 
gesetzt sind, die für ihre eigene Exi¬ 
stenz von dem Leben ihrer Wirte 
oder in ihnen bis zur Vernichtung der 
Lebensspender entwickeln. 
Gegen diese auch lebenden, meist 
unsichtbaren Feinde des höher ent¬ 
wickelten Lebens hat sich der Mensch 
zuerst selbst gewandt. Er hat Mittel 
und Wiege gesucht und gefunden, 
seine Mitmenschen vor den schäd¬ 
lichen Einflüssen der Parasiten, d. h. 
den als Folgeerscheinung auftreten¬ 
den Krankheiten zu schützen und 9ie 
von kranken Zuständen zu heilen. 
Es entwickelte sich so die ärztliche 
Kunst, die Medizin, und mit ihr er¬ 
stand der Arzt. 
Nicht anders liegen die Dinge im 
Tierreich. Solange sich Tiere in der 
natürlichen Freiheit bewegten, sich 
schützen das tägliche Brot 
dort entwickelten und lebten, wurden 
Schwächlinge durch eine natürliche 
Auslese ausgemerzt. Als der Mensch 
aber aus egoistischen Gründen zur 
Zucht schritt, um sich die Zugkraft 
oder den Körper des Tieres für seine 
Arbeit und Ernährung nutzbar zu 
machen, das Tier also in eine von ihm 
erzwungene Umgebung hineinstellte, 
zeigte sich auch hier bald die Not¬ 
wendigkeit eines Eingriffs zur Gesund¬ 
erhaltung, den wiederum der Mensch 
vornahm. Aus Erfahrungen und Er¬ 
kenntnissen baute er die Tiermedizin 
auf und aus. 
Und sind außer Mensch und Tier 
nicht auch die Pflanzen Lebewesen? 
Hat der Mensch nicht gerade sie in 
ihrer Mannigfaltigkeit für die Zwecke 
seiner eigenen Existenz und Ernäh¬ 
rung gezüchtet und kultiviert? Hängt 
nicht gerade in unserer Zeit das Leben 
jedes einzelnen von uns von dem ab, 
was uns unsere Kulturpflanzen an 
Nahrung bieten? Die Antwort hierauf 
ist ebenso eindeutig, wie die Tatsache, 
daß es weder beim Menschen noch 
beim Tier eine so riesige Zahl von 
schädlichen Einflüssen, Schmarotzern 
und Parasiten, von Schädlingen und 
Krankheiten gibt, wie bei unsern Kul¬ 
turpflanzen in Landwirtschaft, Garten¬ 
bau, Obstbau. Weinbau und in der 
Forstwirtschaft. Allein bei 16 Obstar¬ 
ten sind bis heute über 1600, bei 28 
Gemüsearten über 700 verschiedene 
tierische Schädlinge (Raupen, Larven, 
Maden) gezählt. Die Zahl der pilz¬ 
lichen. und bakteriellen Erreger liegt 
weit höher. Wir dürfen nicht verges¬ 
sen, daß gerade die Kulturmaßnahmen 
des Menschen zur Vermehrung, Aus¬ 
breitung, Ein- und Verschleppung der 
Schädlinge und Krankheiten beigetra¬ 
gen haben, daß der Mensch durch 
Anbau geschlossener -Kulturen das 
biologische Gleichgewicht gestört hat, 
was nur durch entsprechende Abwehr¬ 
und Bekämpfungsmaßnahmen ausge¬ 
glichen werden kann. 
So entstand nach der humanen und 
der Tiermedizin um die Wende des 
20. Jahrhunderts als jüngste Medizin 
der wirtschaftliche Pflanzenschutz, der 
heute aus der gesamten Landwirt¬ 
schaft nicht mehr wegzudenken ist. 
Ihm war zuerst die große Aufgabe ge¬ 
stellt, die Ursachen der verschiedenen 
Krankheiten der Kulturpflanzen fest¬ 
zustellen, die Entwicklung der Erre¬ 
ger zu studieren, ihre verwundbaren 
Stellen zu finden, um daraus der 
Praxis Richtlinien und Mittel zur Vor¬ 
beugung und Bekämpfung, d. h. zur 
Heilung an die Hand zu geben. Ist da¬ 
mit die Aufgabe des Pflanzenames 
nicht genügend gekennzeichnet? 
Im Rahmen eeiner Arbeit und Tätig¬ 
keit hat sich analog der menschlichen 
und tierischen Pharmazeutik auch die 
pflanzliche Pharmazeutik, die Pflan¬ 
zenschutzmittel- und Geräteindustrie 
entwickelt. Sie arbeitet mit den Pflan- 
zenschutzdienststellen ebenso eng zu¬ 
sammen, wie uns das z. B. vom huma¬ 
nen Arzt und den Apothekern bzw. 
den pharmazeutischen Fabriken be¬ 
kannt ist. Die Erfahrungen, die der 
Pflanzenarzt bei seiner Forschungs¬ 
arbeit und in der landwirtschaftlichen 
Praxis sammelt, zeigen der Industrie 
für Bekämpfungsmittel und Geräte 
neue und bessere Wege der Fabrika¬ 
tion. 
Wenn heute der Landwirt, Ob«t-, 
Garten- und Weinbauer in seinen 
Kulturen unbekannte Krankheitser¬ 
scheinungen feststellt, die oft epide¬ 
mischen Charakter tragen, dann wen¬ 
det er sich, wie der erkrankte Mensch 
oder der Besitzer eines erkrankten 
Haustieres, an den zuständigen Arzt 
Die Zahl seiner Patienten hat durch 
die züchterischen Anstrengung»** der 
Landwirtschaft in den letzten Jahr¬ 
zehnten einen Umfang angenommen, 
der heute jeden Pflanzent juer m 
selbstverständlichen Abwehr-, Be- 
kämpfungs- und Heilmaßnahmen 
zwingt. Dabei wird er vom Pflanzen¬ 
arzt durch Beratung, Nennung de* 
Bekämpfungsmittel und -verfahren 
und durch Organisation einheitlich«r 
Abwehrmaßnahmen unterstützt 
Wie dringend notwendig diese 8rrt- 
liche Hilfe ist, hat gerade die Gegen¬ 
wart bewiesen. Jeder kleinste Balkon¬ 
gärtner, der ungeduldig auf die Ernte 
seiner Kultivierung wartet, wendet sich 
beim ersten Auftreten eines Schädling» 
off verzweifelt an den Pflanzenschutz, 
der natürlich nicht jeden Tomatemtopf 
schützen kann. Es sollte sich deshalb 
nicht nur jeder Landwirt, sondern 
auch jeder Kleingärtner um das Wohl¬ 
ergehen seiner Pflanzen selbst küm¬ 
mern und auch Verständnis dafür 
haben, wenn im Interesse unserer Er¬ 
nährung zur Bekämpfung stark auftre¬ 
tender Schädlinge und Krankheiten 
von der Pflanzenschutzstelle einmal 
allgemein gültige, energische Ma߬ 
nahmen getroffen werden müssen. Der 
Pflanzenarzt bleibt trotzdem ein treuer 
Helfer. Dr. L.
	        

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