Full text: 1.1946 (0001)

in 
der G ewerJcsdiaft 
Gleicher Lohn 
fü r gleiche Arbeit 
Von Ilse G e s c h k e 
Wir wollen hier nicht 50 Jahre 
zurüekgreifen, sondern wir wollen 
von der Zeit sprechen, in der wir 
alle gelebt haben und noch leben. 
Als erstes kurz einige Worte über 
die Stellung der Frau in der Gesell¬ 
schaft wahrend der Hitlerherrschaft. 
Was hat Hitler versprochen? Er hat 
es verstanden, die Frauen dadurch 
anzuziehen, daß er Arbeit versprach, 
den Kindern eine bessere und glück- 
iichere Zukunft, jeder Familie ein 
auskömmliches Leben und der¬ 
gleichen mehr. Mehr oder weniger 
hat es jede Frau an sich selbst er¬ 
fahren, was es mit diesen Ver¬ 
sprechungen auf sich hatte. „Zurück, 
in die Familie“ oder „Die Frau ge¬ 
hört an den Kochtopf“ waren die 
Parolen der ersten ,.Macht“-Jahre. 
Die mühsam errungene Gleichstel¬ 
lung der Frau wurde von dem Fa¬ 
schismus mit einem Schlage ausge¬ 
löscht. Die Frauen sollten nur ihren 
Haushalt führen und recht viel Kin¬ 
der gebären. Wie gut hat man es 
verstanden, in Zeitschriften und 
Reden die Mutter zu ehren. Wie sah 
es aber wirklich aus? Schon mit 
10 Jahren mußte das Kind in die 
N HJ. und diese übernahm dann die 
Erziehung. Man hat der Mutter da¬ 
mit jedes Recht über ihre Kinder 
genommen. 
Dann kam der Krieg. Die Mütter 
mußten ihre Kinder und die Frauen 
ihre Männer hergeben. Aber nicht 
allein genug damit. Plötzlich gehörte 
die Frau nicht mehr an den Koch¬ 
topf und war wieder eine begehrte 
Arbeitskraft in den Betrieben. Ja, 
die Frauen mußten sogar die Waffen 
hersteilen, die sie ihrer Männer und 
Söhne beraubten. Die Heimatliebe, 
die jeder Mensch und vielleicht, be¬ 
sonders die Frau empfindet, wurde 
durch falsche Propaganda der Nazis 
dazu mißbraucht, viele Frauen zu 
bewegen, ihre Kinder mit Stolz und 
Begeisterung hinausziehen zu lassen. 
Sie glaubten, der Krieg muß sein, 
um unsere Heimat zu schützen. Und 
dann kam doch trotz allem dieser 
große und fürchterliche Zusammen¬ 
bruch. 
schafllichen Bewegung diese gerechte 
Forderung zu erkämpfen haben. 
Wichtig ist daher die Schaffung 
eines Frauenschutzgesetzes und eines 
besonderen Schutzes für die berufs- 
_tätigen und werdenden Mütter. 
~ Nicht minder wichtig ist auch die 
Erziehungsfrage der Jugend. Die 
beiten, um ihre Familie zu ernähren. Frau muß mitbestimmen dürfen, wer 
Es ist daher selbstverständlich, daß ihre Kinder erzieht und was ihre 
die Frauen in der zukünftigen Wirt- Kinder lernen sollen. Sie muß freie 
Heute ist man dabei, etwas neues Schaft seinen,ganz anderen Platz ein- Entfaltungs- und Entwicklungsmög- 
zu bauen und es in der Demokratie nehmen müssen, als es in der Ver- iiehkeiten erhalten und sich aller 
zu verwirklichen. Noch haben wir fiungenheit der Fall war. Man muß Bildungsmittel, die zur Verfügung 
sie nicht, wie so viele Menschen an- Fetten in der Wirtschaft sowie stehen, bedienen können. Sie nimmt 
nehmen und sie deshalb aus einer im gesamten öffentlichen Leben als ebenso das Mitbestimmungsrecht in 
falsch verstandenen Kritik heraus Sl^irhberechtigt behandeln und ihnen der Wirtschaft in Anspruch, wie sie 
verurteilen. Wir sind erst dabei, sie auc^ die Möglichkeit geben, ihre an der Planung der Produktion und 
aufzubauen. Nun liegt es aber auch Rechte zu vertreten. Bei den kom- der Verteilung der Güter witwirken 
an uns Frauen, bei diesem Aufbau memden Betriebsrätewahlen ist es will. 
für die Frauen von entscheidender Voraussetzung zur Erfüllung dieser 
Bedeutung, daß sie neben dem Mann Forderungen ist. der organisatorische 
in den Betriebsräten vertreten sind. Zusammenschluß aller weiblichen 
Kräfte der schaffenden Wirtschaft in 
Die Gleichstellung der Frau im den Einheitsgewerkschaften. Sie sind 
wirtschaftlichen und im öffentlichen berufen, durch das Gewicht ihres 
Leben hängt in erster Linie von uns sozialen und wirtschaftlichen Ein- 
Frauen selbst ab. Wir müssen zu flusses den Frauen das Recht der 
der Erkenntnis kommen, daß wir Gleichstellung in der modernen 
durch den Zusammenschluß der demokratischen Gesellschaft, zu er- 
Frauen in einer starken gewerk- kämpfen und zu sichern. 
mitzuhelfen und auf diese Art eine 
wahre Demokratie zu schaffen, in 
der wir Frauen als gleichberechtigte 
Mitglieder der Gesellschaft behandelt 
werden. Wir Frauen wollen teil¬ 
nehmen am gewerkschaftlichen, kul¬ 
turellen und politischen Leben. Bis¬ 
her war man der Auffassung, daß 
die Politik Angelegenheit der Män¬ 
ner sei. Die Frauen wurden nicht 
für befugt betrachtet, sich an der 
Politik zu beteiligen. Hätten die 
Frauen sich schon früher aktiv in 
die Politik eingeschaltet, dann wäre 
es vielleicht nicht zu diesem 
fürchterlichen Krieg gekommen. Ans 
dieser Erkenntnis heraus wird es 
Ttciüzn sind, b-iltiqe Ac&eitskcäfte 
Wer von uns Frauen kennt nicht die 
notwendig sein, daß wir Frauen uns Firma BBC: Brown, Boveri & Cie ? 
ernstlich mit allen politischen Pro- Jeder Frau ist. es bekannt, daß BBC 
blemen beschäftigen und uns an der schon seit jeher, besonders während 
politischen Arbeit beteiligen müssen, der Zeit der Hitler - Herrschaft, die 
, schlechtesten Löhne bezahlt hat. — 
Ist es denn nicht eine große Un- Muß das heute noch sein? — Es ist 
gerechtigkeit, die Frau für die Tatsache, daß die dort vorwiegend 
gleiche Arbeit schlechter zu ent- beschäftigten jugendlichen Arbeiter- 
lohnen als den Mann? Kein gerecht innen Akkordarbeit verrichten und 
denkender Mensch kann sich der 
Forderung der Frauen auf Gleich¬ 
stellung in der Lohnfrage wider¬ 
setzen. Es liegt an uns Frauen, lat- 
die Bezahlung 20 und 30 °/o unter 
den Sätzen der männlichen Arbeiter 
liegt. Ist es schon eine große Un¬ 
gerechtigkeit, daß bei gleicher Lei¬ 
kräftig gegen diese Mißstände anzu- S(ung eine Arbeiterin schlechter be¬ 
kämpfen und die schon seit 57 Jah- zahlt wird, so bestreitet man ihr 
noch zu alledem das Recht auf Zu¬ 
satzkarten. die den Männern bei der 
gleichen Arbeit zugestanden werden. 
In der Bereitstellung von Arbeits¬ 
kleidung liegen die Verhältnisse ähn- 
ren von den Gewerkschaften er¬ 
hobene Forderung: „Gleicher Lohn 
für gleiche Arbeit“ zu verwiik- 
lichen. 
Durch den Ausfall von vielen Mil¬ 
lionen männlicher Arbeitskräfte wird 
die Frau in unserer Wirtschaft und -"-~- 
insbesondere beim Wiederaufbau _ . r 
eine nicht zu unterschätzende Rolle \V/ er Kat untl Hilfe braucht, wende 
spielen. Man kann beim Wiederauf- ** sieh an das Frauen - Sekretariat 
bau auf die weibliche Arbeitskraft tjer Einheitsgewerkschaft der Arbei- 
nicht verzichten. Dazu kommt, daß , . . . , . „ 
„ „ ... ’ . ter, Angestellten und Beamten, Saar- 
wir einen großen Frauenüberschuß 
haben und viele Kriegerswitwen für brücken 3, Brauerstraße 6-8, Telefon 
die Zukunft gezwungen sind, zu ar- Nr. 2 62 2Ö. 
lieh. Es ist an der Zeit, daß auch 
die Arbeiterinnen von BBC sich 
schnellstens in der Einheitsgewerk¬ 
schaft organisieren, um hier diese 
Mißstände abzustellen. 
Zunahme der Frauenarbeit 
Nach den Berufszählungen in den 
letzten Jahrzehnten ergibt sich für 
die Zunahme der Frauenarbeit fol¬ 
gendes Bild: 
Erwerbstätige 
Frauen • 
in Millionen 
in Prozenten d« 
Erwerbstätigen 
überhaupt 
in Prozenten 
der weiblichen 
Bevölkerung 
ersehen, welch eine große Rolle die 
Frau im Produktionsprozeß bis 1939 
schon spielte, wobei während der 
Kriegszeit die Beschäftigungszahl 
der Frauen weit über die von 1939 
hinausgeht. 
1882 
1907 
1925 
T939 
5,5 
r 
9,5 
11,5 
12.6 
28,7 
33.7 
35,9 
39,8 
22,1 
27,2 
35,7 
49,9 
ihlen 
ist eindeutig zu 
Der Lehrling 
Wer ist Meister? 
Der was ersann! 
Wer ist Geselle? 
Der was kann! 
Wer ist Lehrling? 
Jedermann! 
Im tausendjährigen Reich war der 
Lehrling durch seine zwangsläufige 
Mitgliedschaft zu HJ bzw. BDM der 
elterlichen Gewalt und der Obhut des 
Lehrherrn entzogen. Als Angehöriger 
dieser Organisationen wurde er 
„weltanschaulich ausgerichtet'* und 
„militärisch" vorgebüdet. Im Kriege 
durchlief er außerdem sogenannte ,,Er- 
tiiehtigungstager“ und nahm schlie߬ 
lich auch noch an den Einsätzen des 
Volkssturms teil. Wieviel junge Ka¬ 
meraden als Krüppel zurückkehrten, 
ohne ihre berufliche Ausbildung voll¬ 
endet zu haben, vermag heute noch 
niemand zu sagen. Auch die Lehr¬ 
linge, die den Krieg ohne körper¬ 
liche Schäden überslanden haben, 
sind heute dem Lehrlingsalter ent¬ 
wachsen und in vielen Fällen ohne 
Gesellenprüfung Die Einheitsgewerk¬ 
schaften, die alle schaffenden Men¬ 
schen organisatorisch zu erfassen 
versuchen, haben sich der Lehrlings¬ 
frage besonders angenommen. Sie 
haben ihre Vertreter in die Prüfungs¬ 
kommissionen der Handels- und 
Handwerkskammer entsandt und sind 
befugt, die Wahrnehmung der Interes¬ 
sen der Lehrlinge in Streitfällen vor 
dem Arbeitsgericht zu vertreten. Die 
Einheitsgewerkschaften schützen den 
Lehrling vor der Ausbeutung durch 
den Lehrherrn und wachen über jeden 
Mißbrauch. 
Der Lehrvertrag, der das Lehrver¬ 
hältnis regelt und zwischen Lehr¬ 
herrn, Lehrling und dessen gesetz¬ 
lichen Vertretern zum Abschluß 
kommt, ist der Ueberprüfung durch 
die Einheitsgewerkschaften unterwor¬ 
fen. Die berufliche Ausbildung, die 
darin fcstgelegt wird, ist die vor¬ 
nehmste Aufgabe der Vertragschlie¬ 
ßenden. Die Berufsschulpflicht, wird 
besonders hervorgehoben und Ur¬ 
laubsbestimmung und Erziehungsbei¬ 
hilfen werden im Lehrvertrag rechts¬ 
gültig anerkannt, ebenso die Dauer 
der Lehrzeit. Dem Lehrling gibt der 
Lehrvertrag Auskunft über die ihm 
obliegenden Pflichten und schafft die 
Grundlage des gegenseitigen Ver¬ 
trauens und der Treue zwischen 
einem älteren zur Berufsausbildung 
befähigtem und einem jüngeren, ler¬ 
nenden Berufsangehörigen. Der Lehr¬ 
herr soll die beruflichen und charak¬ 
terlichen Eigenschaften des Lehrlings 
entwickeln, in ihm die Liebe zu sei¬ 
nem Beruf wecken und ihn lehren, 
seine körperlichen und geistigen 
Fähigkeiten zur Anwendung zu brin- 
gn. Der Lehrling muß wissen, daß er 
Achtung und Treue seinem älteren 
Berufserzieher schuldet und vor 
allem, daß seine Arbeit nicht nur sich 
selbst, sondern darüber hinaus der 
Allgemeinheit von Nutzen ist. 
Nur der Tüchtige wird sein Ziel 
erreichen. Und der Jung-Gewerk- 
schaftler soll nicht nur ein guter Ge¬ 
werkschaftler, sondern in erster Linie 
ein guter und tüchtiger Arbeiter sein. 
Denn nur durch seine Leistung er¬ 
ringt er sich das Vertrauen seiner 
Kulturnotizen 
(AEP) André Maurois, der Verfas¬ 
ser einer Reihe vielbeachteter Bio¬ 
graphien und Mitglied der Académie 
Française, ist aus den Vereinigten 
Staaten, wohin er 1940 geflüchtet war, 
nach Frankreich zurückgekehrt. Seine 
Haltung in der Emigration wird von 
den Schriftstellern der französischen 
Widerstandsbewegung einiger Kritik 
ausgesetzt. 
(AEP) Der nach langjährigem 
Aufenthalt in Amerika nach Paris 
zurückgekehrte französische Film¬ 
regisseur René Clair beginnt dem¬ 
nächst mit den Aufnahmen eines von 
Kollegen und macht ihn befähigt, sein 
Können weiter zu bilden und in 
einem demokratischen Staat die 
Stelle zu bekleiden, die er sich durch 
Fleiß und Eifer selbst erarbeitet hat. 
Darum, junge Kollegen, nützt eure 
Lehrzeit, sie ist eine schöne Zeit, 
jeder Geselle oder Meister, der etwas 
kann, wird euch dieses bestätigen. 
Habt ihr aber Nöte oder berufliche 
Schwierigkeiten und werdet nicht 
fertig damit, dann kommt zu uns Ge¬ 
werkschaftsfunktionären, wir beraten 
und helfen euch gerne. Die Einheits¬ 
gewerkschaft wird immer ein offenes 
Ohr für euch haben. M. HL. 
ihm selbst geschriebenen Films „Si¬ 
lence est d’or" (Schweigen ist Gold). 
Er schildert darin das Pariser Leben 
um die Jahrhundertwende und insbe¬ 
sondere die Persönlichkeit des Schöp¬ 
fers des Zeichentrickfilms, Georges 
Méliès. 
(ЛЕР) Zu Beginn 1947 wird in der 
Schweiz der II. Internationale Kon¬ 
greß für wissenschaftliche Finne ab¬ 
gehalten. Die erste internationale 
Zusammenkunft dieser Art hatte 1945 
in Paris statfgefunden. 
(AEP) In Paris ist eine Straße nach 
dem im vergangenen Jahr verstorbe¬ 
nen bedeutenden französischen Lyri¬ 
ker und Essayisten Paul Valéry um¬ 
benannt worden.
	        

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