Full text: "Grenzgänger"

schloß. Dann warb bzw. heuerte er in seiner Heimat die nötigen Arbeiter an. Die Auf¬ 
traggeber hatten üblicherweise Geräte und Material zu stellen, die Bezahlung erfolg¬ 
te nach Stückzahl. Den Lohn verteilten die Lippser anteilsmäßig unter sich, so daß für 
alle Arbeitenden ein großer Anreiz bestand, möglichst schnell zu produzieren. Auch 
soziale Absicherung gegen Krankheit oder Todesfälle handelten die Arbeiter unter 
sich aus. Erstaunlicherweise stellte die Lippische Regierung einen privilegierten 
“Ziegelboten” bzw. “Ziegelagenten”, der zweimal jährlich seinen ausländischen Di¬ 
strikt bereiste. Auch im Winter führte er Verhandlungen mit möglichen Auftragge¬ 
bern durch, im Sommer brachte er die Post aus der Heimat mit, schlichtete Konflikte 
zwischen den Arbeitern. Daraus ergibt sich, daß sie offenbar auch im Ausland noch 
unter einem gewissen Rechtschutz, auch der Aufsichtspflicht ihres Heimatstaates 
standen. Aufgabe der Ziegelagenten war auch das Inspizieren der Arbeits- und Le¬ 
bensverhältnisse. Seit 1851 verfugten die Ziegler über die gesetzliche Zusicherung, 
ihre Ziegelagenten selbst wählen zu dürfen. Die Lebensverhältnisse dieser Holland¬ 
gänger waren sehr anspruchslos,18 Branntwein soll ihr einziger Luxus gewesen sein. 
Auch war ihr Leben in der Fremde auf strenge Trennung von der einheimischen Be¬ 
völkerung angelegt. Vielleicht gehört ebenfalls in diesen Zusammenhang das übliche 
Verfahren', daß die Deutschen selbst ihren Koch aus der Heimat mitbrachten. 
Die Sachsengängerei ist ein Phänomen des 19. Jh.19 An seinem Anfang stehen ver¬ 
mutlich jene Frauen und Mädchen aus dem Eichsfeld, die zur Erntezeit in die Rüben¬ 
distrikte zogen. Da die Zuckerproduktion enorm expandierte, kamen bald auch 
männliche Arbeitskräfte nach Sachsen, näherhin in die Provinz Sachsen und nach 
Anhalt, Braunschweig und Hannover. Dabei ist die Sachsengängerei im Handwörter¬ 
buch der Staatswissenschaften definiert als “die alljährliche Wanderung ostoderi¬ 
scher Landarbeiterbeiderlei Geschlechts nach den westelbischen Rübendistrikten für 
die Zeit vom Beginn der Frühjahrsarbeiten im April bis zur Beendigung der Rüben- 
emte im Oktober - November”. Im ostelbischen Raum zählte man 1890 ca. 75.000 
Wanderarbeiter, die aus Brandenburg (14.500), Pommern (3.000), Westpreußen 
(16.500), Posen (15.000), Schlesien (26.000) kamen. Da bald zu den fünf genannten 
Provinzen auch Ostpreußen trat und der Bedarf ohnehin stieg, rechnete man 1893 be¬ 
reits mit “weit über 100.000" ostoderischen Abwanderem [Grenzgängern], Sprachen 
diese Leute polnisch, so benötigte man zweisprachiges Aufsichts- und Vermittlungs¬ 
personal, das sich allerdings meist einen üblen Ruf erwarb, vorwiegend wegen über¬ 
höhter Werbegelder, Vertragsbrüche und Spekulation mit Kontingenten. Sittlichen 
und hygienischen Mißständen suchte man mit nach Geschlechtern getrennten Kaser¬ 
nenbauten beizukommen. Ein Zeitzeuge notierte überdies 1893 die Gründe der Sach¬ 
sengängerei bzw. Wanderarbeit: Relative Übervölkerung der Ausgangsgebiete gehö¬ 
re dazu, aber auch "der Wandertrieb, die Veränderungssucht, die Lust an einem un¬ 
gebundeneren und geselligeren Leben, Abneigung gegen die Zurückgebliebenen und 
Zuneigung zu den Hinausgezogenen, Differenzen mit den heimischen Gutsverwal¬ 
tungen, Abneigung gegen gewisse in der Heimat verlangte Beschäftigungen (Haus¬ 
arbeit, Melken), Freude an baren Ersparnissen ...", wurden diese Arbeiter doch 
18 Ebd. S.5f. 
19 Karl Kaerger, Artikel “Sachsengängerei”, in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 
Bd. 5 (1893) S.473. 
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