Title:
"Grenzgänger"
Creator:
Schneider, Reinhard
Work URN:
urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-226447
PURL:
https://digital.sulb.uni-saarland.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-227521
Zeitschriften, allgegenwärtig war. Es genügte, Karikaturen mit besonders scharfen 
Eigenbildem deutscher Künstler auszuwählen, Titel und Bildunterschriften ins Fran¬ 
zösische zu übersetzen, und man konnte den französischen Soldaten an der Front, de¬ 
nen vor allem eingehämmert werden sollte, daß sie als Vertreter eines Kulturvolkes 
gegen ‘Barbaren’ kämpften, nachweisen, daß sich dieses Volk ja selbst als unkulti¬ 
viert, brutal und grausam dargestellt und für seinen Herrscher und die Vertreter sei¬ 
ner Armee nur Verachtung gezeigt hatte. Wider Willen hatte der Grenzgänger Lan¬ 
gen der französischen Propagandaabteilung zugearbeitet! 
* 
Langen wirkte als Verleger innerhalb eines auf ungefähr fünfzehn Jahre begrenzten 
Zeitabschnitts, der aber in vielerlei Beziehung für Vermittler aller Art günstig war. 
Günstig in wirtschaftlicher Hinsicht, denn Ende der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts 
begann nach einer Reihe von Wachstumskrisen eine Epoche wirtschaftlichen Auf¬ 
schwungs, die bis zum Ersten Weltkrieg fast ungebrochen anhielt und von der sein 
Verlag und die Zeitschriften profitierten. Auch in Hinblick auf den deutsch-französi¬ 
schen Kulturaustausch konnte der Zeitpunkt der Verlagsgründung nicht besser ge¬ 
wählt sein. Der deutsch-französische Krieg war Ende des 19. Jahrhunderts zwar noch 
nicht vergessen, aber bei den älteren Autoren - Anatole France wäre hier das beste 
Beispiel - hatte die Idee der Revanche an Kraft verloren, und die junge Generation er¬ 
innerte sich wieder an Victor Hugos Zukunftstraum von den Vereinigten Staaten Eu¬ 
ropas, in denen Frankreich und Deutschland eine führende Rolle zukommen sollte. 
Grenzgängern wie Langen wurde ihr Wirken in der Wilhelminischen Zeit nicht allzu 
schwer gemacht. Menschen und Bücher konnten ungehindert die Grenze passieren, 
an jedem Münchner oder Berliner Kiosk gab es ausländische Zeitungen und Zeit¬ 
schriften zu kaufen, jedes deutsche Café, das auf sich hielt, besaß einige französische 
Blätter, Langens Simplicissimus wiedemm hatte in Frankreich und in den skandina¬ 
vischen Ländern, ja sogar in Rußland oder in Amerika, Leser. Freier Gedankenaus¬ 
tausch zwischen Individuen war möglich, darüber hinaus fanden sich auf dem expan¬ 
dierenden Zeitschriftenmarkt Organe, in denen man seine Gedanken öffentlich, auch 
auf internationaler Ebene, diskutieren konnte. Langen konnte als finanziell unabhän¬ 
giger Individualverleger auf lockere und doch effiziente Weise das praktizieren, was 
man heute unter dem Schlagwort “Kulturaustausch” offiziell institutionalisiert hat. 
Es soll hier keine Idylle heraufbeschworen werden: Die arrogante Kulturpolitik des 
Kaisers führte oft zu Konflikten mit oppositionellen Künstlern, Schriftstellern, 
Theaterdirektoren und Verlegern, das hatten Langen und seine Künstler immer 
wieder am eigenen Leib zu spüren bekommen. Langen verbrachte mehrere Jahre im 
Exil, um einer Gefängnisstrafe wegen Majestätsbeleidigung zu entgehen. Doch 
konnte er vom Ausland ohne nennenswerte Schwierigkeiten Verlag und Zeitschrift 
in seinem Sinne weiterführen, seine Mitarbeiter durften ungehindert zu ihm reisen. In 
unserem Jahrhundert hat es bis in die jüngste Zeit hinein Staaten gegeben, deren 
Menschen die Grenzen nicht überschreiten durften, in denen der Besitz einer 
Zeitschrift Gefahr bedeuten, der Kontakt mit Menschen anderer Länder ms 
Gefängnis fuhren konnte. Verglichen mit dem, was sich in den totalitären 
Staatsgebilden des 20. Jahrhunderts abgespielt hat, erscheinen die Jahre, in denen 
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