Title:
Grenzen und Grenzregionen
Creator:
Haubrichs, Wolfgang
Work URN:
urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-108918
PURL:
https://digital.sulb.uni-saarland.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-110827
ihre Interpretation auch wirklich verantwortungsvoll und zuverlässig vorgenommen 
wird. Nur sicher gedeutete Ortsnamen - diese stehen oft mit Gewässernamen in 
Verbindung, vgl. z.B. den Namen der sächsischen Stadt Chemnitz am gleichnamigen 
Ruß - können als Grundlage für Aussagen über historische Sprachlandschaften 
gelten. Dabei ist vor allem auf die Aussagekraft der Namentypen zu verweisen, die 
im ganzen genommen Hinweise für den Besiedlungsgang geben und gleichsam ein 
umspannendes Band darstellen, das eine bestimmte Landschaft umgibt. In der 
Germanistik waren es (seit Arnolds Zeiten) die ent- sprechenden Grundwörter, man 
erinnere sich der ON auf -leben, -stedt usw., die hier ins Feld geführt wurden, im 
Bereich der slawischen Namen sind es vor allem suffigierte Namen, die zu Typen 
zusammengeschlossen werden, um den Besiedlungsgang zu erhellen (vgl. z.B. für 
die altsorbische Landschaft Nisane Eichler/Walther 1970, für den Gau Daleminze 
in Sachsen Walther 1967). 
Dagegen sind Personennamen (Rufnamen und Familiennamen) mehr sekundär stüt¬ 
zende Zeugnisse für die ethnischen Verhältnisse in Dörfern und Städten, zumal man 
doch sprachliche und ethnische Zuordnung nicht unter einen Nenner bringen kann. 
Oftmals tragen doch Slawen deutsche Namen und Deutsche slawische. Besser ist es 
dagegen um die Rumamen bestellt, die jedoch meist erst spät überliefert wurden 
und auch erst im späten Mittelalter oder in der Neuzeit überhaupt entstanden. 
Zur Demonstration der Problematik können wir den historischen Gau Daleminze 
wählen, weil das Ortsnamengut und auch die Rumamen (Eichler/Walther 1966/67; 
Naumann 1972) gut untersucht sind, auch Sondierungen über die Familiennamen 
liegen in den grundlegenden Untersuchungen von I. Neumann (1970/81) vor. 
Daraus kann ein komplexes Bild der Sprachgrenzverhältnisse gewonnen werden, 
wenn weitere Indizien der schriftlichen Überlieferung hinzugezogen werden. Die 
entsprechenden älteren Namentypen stehen natürlich mit der Besiedlung in engstem 
Zusammenhang. Sie erfolgte in Siedlungsnestem in besonders günstigen 
Verhältnissen. Für die Erstbesiedlung wurden die Terrassen der großen Rüsse und 
ihrer größeren Nebengewässer bevorzugt, wobei auch "ökonomische Zweckbe¬ 
stimmungen" (so Fischfang, Waldwirtschaft wie Bienen- zucht, erforderliche Befe¬ 
stigungsarbeiten usw.) stark mitgestaltend wirkten (Eichler/Walther 1967, S. 168ff.). 
So waren die historischen Altlandschaften ethnisch durchmischte Sprachgrenzzonen 
in starker Abhängigkeit von natürlichen und ökonomischen Verhältnissen: an den 
Randzonen konnte es zu Grenzzonen kommen, so am Südrand des Gaues 
Daleminze, über den die Slawen nicht mehr ins Vorerzgebirge vorstießen, weil sich 
die "AnbauVerhältnisse vorerst so unvor- teilhaft gestalteten" (a.a.O. S. 169), daß 
keine neuen echten Siedlungsnamen Zeugnis über Siedlung ablegen, dagegen aber 
sehr wohl slawische Bach- und Ortsnamen Hinweise auf die Erschließung durch 
Jagen und Fischen usw. geben. In dieser Hinsicht hat man die Aussagen der Orts¬ 
und Rumamen außerordent- lieh zu differenzieren und auch Namenkarten vorsichtig 
zu interpretieren; groß- flächige Verbreitungskarten geben hier eine viel zu grobe 
Orientierung, die sich für unsere Fragestellung bei weitem ungeeignet erweist. 
Betrachtet man das Siedlungsbild bestimmter Altlandschaften und seine sich durch 
die Jahrhunderte vollziehenden Wandlungen, so wird man von ständig sich 
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