Full text: Grenzen und Grenzregionen

wie eine Kartenskizze verdeutlichen soll. Im Westen reichte Raetien herein mit 
dem Vintschgau (vgl. Finälbach. nördlich Meran), den sog. Oberen Gerichten 
(Nauders-Imst) und der Vallis Valeria bis in das Breonenland (Wipptal)4, im 
Osten Noricum mit dem Unterinn- und Pustertal (zum Ziller, zur Mühlbacher 
Klause) bis vor die Tore von Brixen. Im Süden hatten die Römer das Municipium 
Tridentum gegründet (vor 14 n. Chr. unter Tiberius, vgl. Tabula Clesiana). Seit 
der Eroberung Raetiens 15 v. Chr. wurden die Paßwege als feste Straßen ausge¬ 
baut, über den Kreuzberg, den Brenner, den Reschen und Fempaß, Seefeld, den 
Tauern. Vom Befand der Ortsnamen her ist das vorröm, *trogiu überall vorhan¬ 
den: in Troi pajän, Triol da la väna u.ä.5, aber meist abgesunken zum Saumpfad 
oder Viehweg in zwei Jahrtausenden und zweimaligem Sprachwechsel, während 
die lat. via den ’Fahrweg' meint, den befestigten dann als VIA STRATA: Fistrad 
(St. Leonhard/Passeier), Strad (Tarrenz)6. Im jüngeren appellativen ladinischen 
Wortschatz scheint sich daran wenig geändert zu haben, abgesehen vom linguisti¬ 
schen Ausbau durch Entlehnung und Ableitungen: "auf gemeinen Fahrweg und 
Viälen" (Tarsch/Vintschgau, 17. Jh.); strades, semenes (zlad., 17. Jh.)7. Th. Gärt¬ 
ner8 bringt unter 'Weg': via, streda, punton (Steigung!), unter 'Straße': streda, 
stradön; kuntrida 'Gasse'; die Bezeichnungen für breitere und feste Verkehrswege 
sind zwar seltener anzutrefFen, aber wohl dennoch heimisch. 
Über spätantike Verhältnisse sagen anscheinend die Ausgrabungen heute mehr aus 
als die wenigen direkten Quellen, die über das 6. Jh. nur selten zurückreichen9. 
Sprachlich war das Land inzwischen durchgehend romanisiert nach längerer, 
4 Die rätischen Breonen werden bes. im Tropaeum Alpium des Angustus genannt zwischen den Isarken 
und Genaunen, weiters bei Cassiodor, Secundus v. Trient (+612) und Paulus Diakonus (Hist. Langob. 
IV, 4). Sie haben aber mit dem deutschen Namen Brenner (Paß) und anderen ähnlich klingenden 
Ortsnamen entgegen zäh sich haltenden Herleitungen nichts zu tun. Vgl. J. Jung, Römer und Romanen 
in den Donauländern, Innsbruck 7 1887, S. 86, 267 ff. und K. Finsterwalder, Tiroler Ortsnamenkunde 
Bd. L, Innsbruck 1990, S. 231 ff. (weiterhin abgek. ONkde.). 
^ I. A. Vian, Gröden, der Grödner und seine Sprache, Bozen 1864, S. 21 sowie K. F. Wolff, 
Dolomitensagen, Innsbruck ^ 1981, S. 324 und 421: Tröy payän, Tryol da la wäna. Vgl. auch J. 
Schatz, Wörterbuch der Tiroler Mundarten, Innsbruck 1955-56, S. 650: treue 'Viehweg'. 
^ Vgl. Chr. Schneller, Beiträge zur Ortsnamenkunde Tirols, Innsbruck 1893-96, Bd. III, S. 83 ff; zu 
FINIS und anderen Grenzbezeichnungen ebd. S. 82 ff. 
7 Nach Chr. Schneller im oberen Vintschgau mehrfach zu belegen, auch bei R. Staffier, Die Hofnamen im 
Landgericht Schlanders (Vinschgau), Innsbruck 1927, S. 31 als Plazviol gegeben; Mondo ladino 11 
(1987) S. 285 ff zu den historischen zlad. Appellativa. Auch der Familienname Vieider gehört hierher, 
K. Finsterwalder, Tiroler Namenkunde, Innsbruck 1978, S. 274. 
8 Wörter aus den Dolomitentälem, Innsbruck 1923, S. 194 und S. 184. 
9 V. Bierbrauer - H. Nothdurfter, "Die Ausgrabungen im spätantiken frühmittelalterlichen Bischofssitz 
Sabiona-Säben", in: Der Schiern 62 (1988), S. 243-300. Die Kontinuität in Kult und Besiedlung sowie 
das gutnachbarliche Nebeneinander von Romanen und Baiuwaren auch in der Oberschicht wird 
mehrfach betont 
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