Title:
Zwischen Saar und Mosel
Creator:
Haubrichs, Wolfgang
Work URN:
urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-111761
PURL:
https://digital.sulb.uni-saarland.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-116372
sei. Am politischen Leben habe sich der Hingerichtete nie beteiligt; die Motive für 
seine zweimalige Desertion ließen sich nicht mehr klären. Fahnenflucht werde 
zudem von jedem Staat ohne Rücksicht auf seine jeweilige Herrschaftsform 
geahndet. Das kriegsgerichtliche Verfahren, das mit Verurteilung zum Tode endete, 
war die Folge des Verhaltens des Josef Heinz, wie es auch unter rechtsstaatlichen 
Verhältnissen der Fall gewesen wäre. Typische nationalsozialistische Gewaltma߬ 
nahmen nach § 2 BEG sind darin nicht ohne weiteres zu erblicken18. Der 
Ablehungsbescheid im Falle Heinz und die in ihm enthaltene Argumentation waren 
kein Einzelfall. Statt den verfolgten ungehorsamen Soldaten nach 1945 des Status 
als „Opfer des Nationalsozialismus“ zuzubilligen, wurden sie von den Entschädi¬ 
gungsbehörden ganz im Gegenteil oft noch post mortem als Asoziale, Feiglinge 
und Vaterlands Verräter verleumdet und diskriminiert. Das war im autonomen 
Saarland der Jahre 1947 bis 1955 nicht anders als in der Bundesrepublik, wobei an 
der Saar in den Entschädigungskommissionen vielfach Angehörige jener Parteien 
und Gruppen saßen, die aus politischen Gründen vom NS-Regime selbst verfolgt 
worden waren. Der Ungeist des Nationalismus hatte selbst hier seine Spuren 
hinterlassen. 
Mit dem Urteil des Bundessozialgerichts aus dem Jahre 1991, wonach die 
Schädigung durch eine mit dem Kriegsdienst zusammenhängende Strafmaßnahme 
den Schädigungen im Sinne des Bundesversorgungsgesetzes gleichzustellen ist und 
der Feststellung, daß es innerhalb der deutschen Wehrmacht keine unabhängige 
Justiz gegeben habe, sowie einer sich abzeichnenden Änderung des Verhaltens des 
Bundesverteidigungsministeriums zu den Deserteuren des Zweiten Weltkrieges19, 
deutet sich gegenwärtig jedoch ein öffentlicher Gesinnungswandel an, dem endlich 
auch im Saarland Rechnung getragen werden sollte. Ein Denkmal für den 
ungehorsamen Soldaten des Zweiten Weltkrieges wäre nicht nur ein Akt der längst 
fälligen moralischen Wiedergutmachung an jenen namenlos verscharrten Deserteu¬ 
ren, Befehls Verweigerern und Dissidenten der deutschen Wehrmacht und ein 
visueller politisch-kultureller Kontrapunkt zur Topographie der nationalistischen 
Ehrenmale für die Gefallenen der beiden Weltkriege, sondern zugleich auch ein 
sichtbares Zeichen gegen den neokonservativen Versuch der Wiedergewöhnung an 
Krieg und Heldentod, wie er gegenwärtig nicht nur einigen Politikern, sondern auch 
namhaften Historikern vorschwebt20. 
18 Bescheid des Landesentschädigungsamtes des Saarlandes vom 19.5.1961 in der Entschädigungssache 
Josef Heinz sen., LAS, LEA 8365. 
19 Der Spiegel vom 1.3.1993; Der Tagesspiegel vom 18.2.1994. 
20 H.-P, Schwarz, Patriotismus. Ein ruhiges deutsches Selbstbewußtsein würde Europa stärken, in: Die 
politische Meinung 232 (Mai/Juni 1987), S. 35 f. 
445
        

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