Title:
Zwischen Saar und Mosel
Creator:
Haubrichs, Wolfgang
Work URN:
urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-111761
PURL:
https://digital.sulb.uni-saarland.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-116360
Evakuierung lebende schwangere Frau zu besuchen. Wie so viele andere Deserteure 
wurde Großmann denunziert und zum Tode verurteilt. Am 5. Februar 1940 starb er 
in Meisenheim im Kugelhagel eines Exekutionskommandos15. 
Im soldatischen Ungehorsam spiegelten sich somit etwa gleichberechtigt kriegsspe¬ 
zifische Belastungssituationen und Desillusionierungserfahrungen nach der Kriegs¬ 
wende von Stalingrad wie milieugeprägte oppositionelle Haltungen vor allem in der 
ersten Kriegshälfte wider. Im Unterschied zur Heimtückerede, die in aller Regel 
situativ und spontan erfolgte, war der Akt soldatischen Ungehorsams vielfach eine 
bewußte Gewissensentscheidung im Angesicht der Todesdrohung. Während sich 
die Heimtückeredner der Folgen ihrer Worte oft nicht bewußt waren, wußte der 
desertierende oder den Kriegsdienst verweigernde Soldat, mit welchen Strafen er zu 
rechnen hatte. Er kalkulierte langjährige Haftstrafen, ja selbst den Tod bei seiner 
Entscheidung durchaus ein. Vom politischen Widerstand unterschied er sich, daß 
sein Handeln nicht auf politische Änderung, sondern auf den ganz persönlichen 
Friedensschluß zielte. 
Nur eine Minderheit der ermittelten ungehorsamen Soldaten schloß sich dem 
organisierten Widerstand gegen Hitler an. Willi Salomon, Bauhilfsarbeiter aus 
Göttelborn, und Hans Dahlem, Zimmermann und Zentrumsmitglied aus St. Ingbert, 
etwa agierten als Fallschirmagenten des Nationalkomitees „Freies Deutschland“ 
1943 und 1944 hinter den deutschen Linien. Obwohl beide den NS-Sicherheitsbe- 
hörden in die Hände fielen, überlebten sie ihre im wörtlichen Sinn zu verstehenden 
Himmelfahrtskommandos und kehrten nach Kriegsende an die Saar zurück16. Nur 
erwähnt werden soll an dieser Stelle der Vollständigkeit wegen die Beteiligung der 
beiden Saarbrücker Wehrmachtssoldaten Willi Graf und Willi Bollinger am 
Widerstandskampf der „Weißen Rose“. Während in ihrem Falle die Entscheidung 
zum Widerstand auch aus dem gemeinsamen religiösen Gesinnungs- und Milieu¬ 
hintergrund erwuchs, war es das Bestreben, zur möglichst schnellen Beendigung 
des Kriegs beizutragen, das die beiden jungen Saarländer Heinrich Greff und 
Gerhard Schäfer veranlaßte, sich Widerstandsgruppen der österreichischen Frei¬ 
heitsbewegung um den späteren Außenminister Dr. Karl Gruber anzuschließen. 
Aufgrund einer Denunziation kam die Gestapo beiden auf die Spur. Das eigens 
nach Wien angereiste Reichskriegsgericht verurteilte Schäfer und Greff am 8. März 
1945 wegen Kriegsverrats und Fahnenflucht zum Tode. Auf der Fahrt zur 
Hinrichtungsstätte gelang beiden in buchstäblich letzter Minute die Flucht. Im 
November 1945 kehrten sie an die Saar zurück17. 
Am 19. Mai 1961 erhielt der Vater des 1943 hingerichteten Deserteurs Josef Heinz 
vom Saarbrücker Landesentschädigungsamt den Bescheid, daß sein Entschädi¬ 
gungsantrag nach § 1 des Bundesentschädigungsgesetzes (BEG) abgelehnt worden 
15 Ebd. 8272. 
16 Ebd. 7735 und 4198. Zu den Fallschirmagenten vgl. bislang einzig G. Nollau/L. Zundel, Gestapo 
ruft Moskau. Sowjetische Fallschirmagenten im 2. Weltkrieg, München 1979. 
17 LAS, LEA B 590 und B 594; Feldurteil des Reichskriegsgerichts vom 8.3.1945 gegen Heinrich Greff, 
Gerhard Schäfer und Ludwig Rehak, Militärhistorisches Institut Prag, Reichskriegsgericht, Urteils¬ 
sammlung Reste 1945; zum österreichischen Widerstand und speziell zur österreichischen Freiheits¬ 
bewegung R. LUZA, Der Widerstand in Östereich 1938-1945, Wien 1985. 
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