Full text: Zwischen Saar und Mosel

ein Kreuzgratgewölbe ausgezeichnet. In Neuscheidt stand bis zum Umbau der Altar 
im Turmchor38. 
Alle diese Beispiele des 20. Jahrhunderts sind nicht isoliert zu sehen. Sie stehen 
inmitten einer geschichtlichen Entwicklung, die wegführt vom sogenannten Histo¬ 
rismus des 19. Jahrhunderts und durchaus parallel läuft zu den Bewegungen des 
frühen 20. Jahrhunderts wie Deutschem Werkbund, „Heimatstilbewegung“, der 
sogenannten „Stuttgarter Schule“ und Theodor Fischer; jener Abkehr vom akade¬ 
mischen Historismus des 19. Jahrhunderts zum landschaftsgebundenen Bauen in 
heimatlichen Materialien, wie auch Beckingen, Jägersfreude und Neuscheidt 
zeigen39. Doch ist dies nicht nur Ausdruck einer Entwicklung im formalen, im 
baukünstlerischen Bereich. Die Gründe liegen tiefer: zumindest im katholischen 
Kirchenbau im Wandel der Liturgie, den Reformen vor allem der 20er Jahre. Dann 
vor allem auch im Umkreis jener Bestrebungen, die zur Liturgiereform im Zuge des 
II. Vatikanischen Konzils führten. Damit entsteht ein durchaus schöpferischer und 
eigenständiger Historismus des 20. Jahrhunderts, der als solcher m.E. bisher zu 
wenig gewürdigt wurde, da man den „Historismus“ als grundsätzlich negativ, weil 
epigonenhaft, unschöpferisch, eklektizistisch mißverstand. Wir befinden uns hier 
seit einigen Jahren in einer Phase des Umdenkens. Wir müssen uns - und die 
Chortumkirche lehrt es uns - nur einmal freimachen von den Vorstellungen einer 
bloßen Formen-Übernahme und auf die Bautypen schauen, die seit den 20er 
Jahren (bei Dominikus Böhm zuweilen bereits vor dem 1. Weltkrieg) aus 
frühchristlicher und romanischer Kirchenbaukunst erneut aufgenommen werden: 
Der Campanile, die zentrale Taufkapelle (seit dem 13. Jahrhundert in Deutschland 
verschwunden), die Krypta (seit der Gotik nahezu unüblich), die Presbyterbank im 
Apsisrund mit Cathedra und, damit verbunden, die uralte „Celebratio versus 
populum“, die „Circumstantes-Kirche“, der Ambo anstatt einer Kanzel - für uns 
sind das heute alles bereits wieder Selbstverständlichkeiten. 
Auch die Chorturmkirchen des 20. Jahrhunderts lassen uns Verbindung zu und 
Verbundenheit mit romanischer Kirchenbaukunst in Bautyp und Bauformen 
assoziieren. Das schließt die Verwendung moderner Materialien und Techniken 
(wie Beton, Stahl und Glas; Hornbach besitzt Eisenrippen mit Hausteinverblen¬ 
dung!) nicht aus. Dominikus Böhm z.B. und in unserem Raum wieder Albert 
Boßlet lehren es uns40. 
Wir können diese Art von schöpferischem Historismus in Unterscheidung vom 
früheren formalen Historismus geradezu als „typologischen Historismus“ bezeich¬ 
nen41. Im Abstand von 700-1000 Jahren wird mit der Chorturmkirche im 
20. Jahrhundert ein uralter Kirchenbautyp - durchaus unter den Zeichen einer 
38 Dazu Martina MALBURG, Der Architekt Rudolf Krüger. Studien zu Leben und Werk, Saarbrücken: 
Phil.Diss. 1993 (Masch.-Schr.), S. 92, 272-273, 291-292. 
39 Zum Chorturm im 20. Jahrhundert allgemein vgl. H. Schnell (wie Anm. 7), Teil II; Barbara Kahle, 
Deutsche Kirchenbaukunst des 20. Jahrhunderts, Darmstadt 1990, S. 74—77. 
40 Vgl. vom Verf.: Albert Boßlet und die Romanik, in: Aachener Kunstblätter 1971, S. 243-254. 
41 B. Kahle (wie Anm. 39), S. 74—77 nennt die Chortürme des 20. Jahrhunderts bezeichnenderweise 
„Sakramentsturm“. 
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